Serie: Zanders im WandelWie Julie Zanders ein Papierimperium aufbaute

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Lumpensortiererinnen bei der Arbeit. Lange Zeit waren alte Textilien der wichtigste Rohstoff für die Papierherstellung.

  1. Viele Jahrzehnte war das Papierunternehmen einer der bedeutendsten Arbeitgeber in Bergisch Gladbach.
  2. Jetzt steht die insolvente Firma vor einer ungewissen Zukunft.
  3. In unserer vierteiligen Serie blicken wir zurück auf ihre 190-jährige Geschichte.
  4. Am Anfang leitete eine Frau die Geschicke: Julie Zanders.

Bergisch Gladbach – Fast zwei Jahrhunderte hat die Firma Zanders die Geschichte von Bergisch Gladbach maßgeblich geprägt. Das Papierunternehmen hat Generationen von Arbeitern Beschäftigung gegeben, die hier nicht nur in Lohn und Brot standen, sondern sich als „Zandrianer“ empfanden. Am Anfang stehen 8.900 preußische Thaler, die Johann Wilhelm Zanders am 28. Juli 1829 einsetzte, um die Schnabelsmühle zu erwerben. Am Ende stehen leere Kassen nach der Insolvenz 2019 und eine ungewisse Zukunft.

190 Jahre Firmengeschichte: Eine Rückschau in vier Folgen, unter Mitarbeit von Magdalene Christ, seit 30 Jahren Archivarin und Geschäftsführerin der Stiftung Zanders, Papiergeschichtliche Sammlung.

Bald am Ruder: Julie Zanders

Zeit ihres Lebens hatte sie Angst vor Verarmung: Julie Zanders stammte von der Dombacher Mühle und hatte erleben müssen, wie schnell ein Unternehmen in wirtschaftliche Schieflage geraten konnte. Der Erfindungsreichtum ihres Vaters Gustav Müller hatte den Bankrott nicht verhindert, sondern eher befördert. 1829 hatte Julies Mann Johann Wilhelm Zanders für 8.900 Thaler die Schnabelsmühle, die älteste Papiermühle im Tal der Strunde, erworben. Ein Kauf, der als Geburtsstunde des Papierunternehmens Zanders gilt. Und das Leben von Julie Zanders grundlegend verändern sollte. Denn nur zwei Jahre später ist der Unternehmer tot. Seine Witwe steht mit vier kleinen Kindern – das älteste fünf Jahre, das jüngste 14 Monate alt – und vermutlich alten Ängsten allein da. Doch statt sich nach dem Muster ihrer Zeit zu verhalten, in der Frauen nicht wirklich als geschäftsfähig galten und daher üblicherweise schnell in die Sicherheit einer neuen Ehe flüchteten, übernimmt Julie Zanders das Ruder.

Jeden Morgen, so die Überlieferung, betritt sie pünktlich das Kontor und sieht in der jungen Fabrik nach dem Rechten. 40 Mitarbeiter produzierten 1831 bereits 1.500 Ries Papier (ein Ries umfasste je nach Gewicht des Papiers zwischen 50 und 500 Bögen Papier). Julie Zanders hat Prokura und verwaltet die Kasse allein. Und sie weiß, was sich in ihr befindet. Nach einer Vermögensaufstellung aus dem Jahr 1831 besaß Julie Zanders genau 33.755 Taler und vier Silbergroschen. Was sie mit den vier Silbergroschen machte, ist unbekannt. Etliche der Taler verwendet sie aber, um 1834 die Kradepohlsmühle zu kaufen.

Die Schnabelsmühle, Stammhaus der Firma Zanders um 1850.

Auch als sie einige Jahre später nach Bonn umsiedelt, unter anderem um ihren Kindern bessere Ausbildungsmöglichkeiten zu bieten und das Augenleiden ihres Sohnes Carl Richard behandeln zu lassen, bewahrt sie das Erbe. Statt die Mühle zu verkaufen, verpachtet sie den Betrieb für zwölf Jahre, um ihn dann an den Sohn weitergeben zu können. Dafür sollte er das Metier von der Pike auf erlernen. So bittet Julie Zanders in einem Brief an den Papierfabrikanten Flinsch: „Richards Aufgabe wäre es, sich die nöthigen Fabrikkenntnisse in einer in- oder ausländischen Papierfabrik zu verschaffen....“, damit er nach Pachtende „das Etablissement seines Vaters, die Papiermühle in Bergisch Gladbach übernehmen“ könne.

1846 wird ihr Sohn Carl Richard Papiermacher-Lehrling in der Schnabelsmühle. Nachdem er zudem die wichtigsten europäischen Papierfabriken besucht hatte, um Erfahrungen zu sammeln, macht ihn seine Mutter schließlich zum Mitgesellschafter. Seinem Modernisierungswillen steht sie allerdings skeptisch gegenüber.

Die vier Kinder von Johann Wilhelm Zanders und seiner Frau Julie. Der älteste Sohn Carl Richard übernahm später die Schnabelsmühle.

Dennoch setzt mit dem Einsatz von Satinier-, Matrisier- und Trockenmaschinen der Start ins Industriezeitalter ein. Ein Kesselhaus wird gebaut, eine Dampfmaschine mit acht PS wiangeschafft, eine mechanische Werkstatt betrieben, Labor und eine Lumpenküche eingerichtet. Denn noch immer sind Lumpen bei Zanders ein wichtiger Rohstoff der Papierproduktion. 1856 wird in der Schnabelsmühle an acht Bütten Papier geschöpft. Zur Anschaffung einer Papiermaschine kann Julie Zanders offenbar nur schwer überredet werden. „Erst im Herbst 1860 lief auch auf der Schnabelsmühle die erste Papiermaschine“, so Klara van Eyll in der Chronik „400 Jahre Papiermühlen an der Strunde“. Die Patriarchin Julie Zanders, Vertreterin der vorindustriellen Zeit, stirbt 1869.

Folge 2: Von der Strunde auf den Weltmarkt (1860 - 1914)

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