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AdventskolumneWarum eine Martinsgans am Ersten Advent noch im Ofen sitzt

6 min
Karnevalist und Musiker Thomas Cüpper sitzt an einem Tisch und Weihnachtsdeko in der Hand. Seine Hündin Odette streckt ihren Kopf auf den Tisch.

Augenzwinkernd macht sich „Et Klimpermännche“ Thomas Cüpper aus Bergisch Gladbach exklusiv für die Redaktion so seinen Gedanken zum Advent. Links: Hündin Odette.

In einer neuen Kolumne macht sich „Et Klimpermännche“ Thomas Cüpper aus Bergisch Gladbach so seine Gedanken zur Adventszeit.

Sankt Martin stand vor der Tür, und die Familie Schmitz freute sich mit großer Sehnsucht schon aufs traditionelle Gänseessen am Martinsabend. Denn so kann es einem gehen, der seine Klappe an falscher Stelle zur falschen Zeit weit aufreißt: Du landest als Festtagsbraten, mit Beifuß, Äpfeln und Maronen gefüllt, wohl gegart auf einer festlich gedeckten Tafel.

Ein Gruß vom „hellije Zinter Määtes“ am ersten Adventssonntag

Die Legende um die Martinsgans besagt ja, dass sich der „hellije Zinter Määtes“ aus Bescheidenheit in einem Gänsestall versteckte, um der Wahl zum Bischof zu entgehen, aber von den Gänsen durch ihr lautes Schnattern verraten wurde. Eine andere Variante erzählt, dass Gänse Martins Predigt störten und daraufhin zur Mahlzeit wurden. Pech für die Gans – Glück für die Familie Schmitz. Und was das für ein Festtagsbraten war, direkt vom vogelgrippeverschonten Bauern in der Nähe, mit zwei prächtigen Keulen und einer wohlgeformten Brust wie aus dem Gänsebilderbuch! Was will man mehr…

Eine Portion Gänsekeule mit Rotkraut und Klößen steht auf einem Tisch in einem Restaurant.

Könnte lecker sein, auch am Ersten Advent. Wenn da nicht die Zubereitung der Gans wäre . . .

Und dann? Welch ein Desaster! Pünktlich vorm Martinstag ging der mindestens 25-jährige elektrische Herd kaputt. Kein Backofen, keine Herdplatte, noch nicht mal mehr das Licht in der Bratenröhre funktionierte. Stattdessen flog beim Versuch der Inbetriebnahme verlässlich die Hauptsicherung raus, und es herrschte Dunkelheit im Hause Schmitz. Der eilig herbeigerufene und termintreue Reparaturschnelldienstservicetechniker Werner Pöllmann begann nach Inspektion des Altertümchens dann den Satz mit den berühmten Handwerkerworten: „Oh, oh, oh. Dat wird nit billich – da ess de Reparatur teurer wie ene neue Herd – die Ersatzteile jitt et allt 30 Johr nit mieh. “

Was tun wenn der treue Küchenofen in wichtigen Momenten den Geist aufgibt

Der „Vatter Schmitz“, der zu besonderen Anlässen emanzipiert fürs Zubereiten von Festmählern zuständig war, war den Tränen nahe und sagte fassungslos: „Üvver 25 Johr hät hä treu sing Pflich jedonn… un wat mache mer dann jitz mit däm herrliche Brode? Su en schöne, fette Jans hatte mer noch nie, un wo krijje meer dann jitz esu flöck ene neue Herd her?“ Die „Schmitze Oma“ trug sophistisch bei: „Fröher, jo fröher, wör dat ja kei Problem jewäse. Do hammer der Ovven noch met Klütte ov Bökeholz jestocht.“ Die Lösung hatte dann Mutter Schmitz parat: „Räächt üch nit opp! Dä Vuchel weed enjefrore, un wann der neue Ovven do ess, jitt et Jänsebrode. Et ess däm hellije Zinter Määtes doch jewess ejal, wann meer dat Deer opp der Desch dunn.“

So schlug die Stunde von Schmitzens ältestem Sohn, Tobias, 17, Computerspezi und k. v. d. A. – was „kurz vor dem Abitur“ bedeutet: „Ich schaue mal kurz im Internet nach, ob es da nicht eine schnelle, gute, günstige und moderne Alternative gibt“, was Oma Schmitz wie folgt kommentierte: „Fröher, jo fröher… do jov et kei Internet. Do simmer nom Tietze Leienhard jejange un han ene neue Ovven jekauf, oppjestallt, aanjestoch un Jänsebrode jejesse.“

„Neues Familienmitglied“ kinderleicht mit Sprachbefehlen steuern

Am Folgetag war Tobias in den Tiefen des Internets fündig geworden: Der Elektrobackofen „Dusseldorpium activ M0815“ sollte es sein, der in freundlichem Obsidianschwarz versandkostenfrei daherkam und mit einer Zeitschaltautomatik, Selbstreinigungsroutine und allem Pi-Pa-Po ausgestattet war. Besonderes Ausstattungsmerkmal war eine Sprachfunktion, mit der man das „neue Familienmitglied“ kinderleicht mit Sprachbefehlen steuern konnte. Familie Schmitz war begeistert, gab die Bestellung auf und Oma Schmitz kommentierte: „Fröher, jo fröher wor dat all nit nüdich. Da hammer noch miteinander jesproche un brohte keine Ovven, mit däm kommunizeet wood…“

Die Lieferung und das Aufstellen des Prachtstücks dauerten dann leider etwas länger als zunächst angenommen. Doch zum ersten Advent konnte „Dusseldorpium activ M0815“ in Betrieb genommen werden. Vater Schmitz ging mit Kochmütze und Schürze dann auch sofort ans Werk. Doch da stand im ohne Brille schlecht lesbaren Display des Ofens: „Verbindungsfehler.“ Eilig wurde Sohn Tobias einberufen. Er verband Herd – mit Nutzernamen und WLAN-Passwörtern ausgestattet – mit dem Heimnetz und nach dem fachmännisch erteilten Sprachbefehl: „Ofen auf 180 °C vorheizen“ begann der High-Tech-Herd sofort mit dem Heizprozess und quittierte das Erreichen der Backtemperatur mit dem mit warmer Stimme gesprochenen Satz: „Sie haben die gewünschte Temperatur erreicht“, worauf Oma Schmitz sagte: „Düchtijen Dank, leeven Här Herd.“

Kann dä nor der eine Satz?
Oma über den neuen Backofen der Familie Schmitz

Prompt ertönte es: „Wie bitte? – Ich habe Sie nicht verstanden.“, was jedoch alle ignorierten. Wobei die von Seiten des Herdes gesprochene Wiederholung durch das händische Öffnen der Backofentüre abgebrochen wurde. Irgendwie musste die Gans ja nun in die Röhre – und das funktionierte genau wie früher – so Oma Schmitz – manuell, durch das Reinschieben des für den Garvorgang vorbereiteten Edelgeflügels.

Eine Gans liegt in einem Ofen. Auf dem Display des Küchengeräts ist zu lesen: „Wie bitte? Ich habe Sie nicht verstanden!“

Wenn der Ofen einen nicht mehr versteht . . . aber die Gans eindeutig fertig ist.

Nun gab Vater Schmitz den Sprachbefehl: „Jänsebrode bei 180 Jrad en Stund backe“, und der Herd antwortete: „Wie bitte? – Ich habe Sie nicht verstanden.“ Was Oma zu der Bemerkung „Kann dä nor der eine Satz?“ hinreißen ließ. Zur Lösung wurde Tobias gebeten, den Befehl im „Schriftdeutsch“ zu formulieren, und schon ging die Gänsebraterei los. Ein wohliger Duft stieg in Kürze durch die Küche und Familie Schmitz nahm an der festlich gedeckten Adventssonntagstafel Platz und entzündete am Adventskranz die erste Kerze. Nun sind die jungen Leute von heute bei Traditionsveranstaltungen wie einem Adventssonntagsgänseessen schon mal etwas flexibel, und Tobias musste zwischendurch unbedingt noch etwas bei einem Schulkollegen erledigen, versprach aber, pünktlich zum Abendessen wieder zurück zu sein. Sein Fehlen war dann folgenschwer.

Der Gänsebraten duftete köstlich, und durch das Sichtfenster des Backofens war eine deutlich braune und knusprig anmutende Färbung des Bratens zu erkennen. Es ging zum Finale über: Rotkohl und Klöße standen auf dem Tisch, und der große Augenblick nahte.

Wie Mutter Schmitz den goldbraunen Vogel aus dem Backofen befreit

Vater Schmitz sprach die Worte: „Backförjang opphöre“, und es begann ein Hin-und-her-Dialog: „Wie bitte? – Ich habe Sie nicht verstanden.“ Zweiter Versuch: „Leeven Backovven, bitte dä Jaarprozess affbreche.“ Worauf der Herd sprach: „Wie bitte? – Ich habe Sie nicht verstanden.“ Dritter Versuch: „Ovven uss!“ ertönte es etwas bestimmter und leicht genervt. Geantwortet wurde gleichbleibend freundlich: „Wie bitte? – Ich habe Sie nicht verstanden.“ Vater Schmitz wurde langsam ungehalten, und der Gänsebraten schmorte weiterhin vor sich hin und wurde noch dunkler… Viele Versuche, per Sprachbefehl den Gar- beziehungsweise Trocknungsvorgang zu beenden, scheiterten, und die Backofentüre ließ sich nicht öffnen.

Und kurz bevor Tobias leicht verspätet zurückkam, hatte Mutter Schmitz die zündende Idee… Sie verschwand kurzerhand in den Flur, drehte im dortigen Sicherungskasten die Hauptsicherung raus, und es wurde dunkel in Schmitzens Residenz. Die Ofentür sprang, wie von Geisterhand bedient, auf, und man genoss im Schein der Adventskranzkerze einen stark gerösteten Gänsebraten.

Finaler Kommentar von Oma Schmitz: „Fröher, jo fröher, do woren de Jäns zaater – et kann ävver och an minger Zäng liehe…!“

Das Ofen-Fiasko blieb kathartisch unerwähnt.