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Porträt Wein-Wissen kommt vom Probieren

Klaus Rüsing mit einem Silvaner Castell: Für ihn ist der Spaß am Wein das Wichtigste.

Klaus Rüsing mit einem Silvaner Castell: Für ihn ist der Spaß am Wein das Wichtigste.

Bergisch Gladbach – „Wein muss Spaß machen.“ Für Klaus Rüsing, Weinhändler aus Bergisch Gladbach, ist diese Aussage nicht nur irgendein Satz, sie ist seine Philosophie. Dementsprechend kennt Rüsing zu jedem der rund 5000 Weine, die er überwiegend über das Internet vertreibt, eine unterhaltsame Geschichte.

Etwa die von Karl, dem Spätlesereiter. „Die Weingüter gehörten früher der Kirche, und wer dort Wein ernten wollte, brauchte die Genehmigung der Kirchenfürsten. Also schickte man kurz vor der Lese einen Reiter los, diese Genehmigung zu holen. Der blieb aber in einem speziellen Fall im Rheingau viel länger weg als erwartet, und so begann die Lese der Trauben viel später als bisher. Das Ergebnis war die erste Spätlese des Rheingaus“, erzählt Rüsing die Geschichte, die der Zeichner Michael Apitz sogar in einem Comic festhielt. Eine Zeichnung des Künstlers schmückt auch Rüsings Büro: ein Hund, der nach dem Vorbild des Malers Francis Barraud nicht in einen Grammophontrichter, sondern in ein Weinglas schaut – „His Masters Wine“.

Wissen angetrunken

„Ich habe mir mein Wissen im wahrsten Sinne des Wortes angetrunken“, gibt der Diplombiologe und Betriebswirt Rüsing unumwunden zu. Seine Eltern hatten eine Spedition, und als er mit 18 Jahren den Führerschein machte, übertrug ihm sein Vater die körperlich schwere Aufgabe, die Weine auszuliefern.

„Ich musste bei allen Kunden in den Weinkeller, um die Kartons abzustellen, und fast jeder ließ mich eine Flasche Wein zum Probieren mitnehmen. Zuhause habe ich dann immer geschaut, was man dazu kochen konnte. So wuchs ganz allmählich mein Wissen über Wein. Aber auch über die Damenwelt, denn bei den Kommilitoninnen kam eine Einladung zum Essen immer gut an“, erinnert er sich mit einem Schmunzeln.

Diese Zeiten sind längst vorbei, Tochter Rita ist 16 Jahre alt, und ohne die Hilfe von Ehefrau Yvonne wäre so manche spontane Auslieferung nicht machbar. Denn obwohl Klaus Rüsing das Hauptgeschäft über seine Homepage abwickelt, steht sein Mobiltelefon selten länger als fünf Minuten still. Ein Golfclub braucht am Nachmittag noch schnell einen bestimmten Wein für eine spontane Feier, eine gute Kundin möchte unbedingt noch Nachschlag für das Adventsessen. Allein in seinem „Greiflager“, was nichts anderes als die Garage hinterm Haus ist, lagern 300 bis 400 Weine.

Obwohl Rüsing die Sternerestaurants der Region zu seinen Kunden zählt und auch die Sommeliers der Spitzengastronomie schult, ist ihm das Getue mancher Leute um das Thema Wein fremd. Ein Wein muss für ihn passen, zur Situation, zum Wetter, zum Essen, zum Geschmack desjenigen, der ihn konsumiert. Das kann auch ein Dornfelder oder ein Côte du Rhone sein. „Das sind gute Weine, die leider ihren Namen dadurch verloren haben, dass unter ihrem Label schlechte Qualität bei den großen Discountern verramscht wurde“, bedauert Rüsing und nennt direkt ein Beispiel: „Es gab eine Zeit lang so viel Beaujolais Village in den Supermarkten zu kaufen, so groß war das durch die Bezeichnung geschützt Anbaugebiet gar nicht.“

Der nächste Wein, von dem Rüsing das befürchtet, ist der Blanc de Noire, ein weißer Wein aus roten Trauben, der derzeit sehr gefragt ist. „Man sollte immer schauen, dass man eine Erzeugerabfüllung bekommt.“ Das sei ein sicheres Merkmal, um auch als Laie schlechte von guter Ware zu unterscheiden. Das müsse nicht heißen, dass eine Flasche Wein mehr als zehn Euro kosten müsse, auch in der Preislage darunter gebe es gute Weine.

Zum Klassiker des Weihnachtsessens im Rheinland empfiehlt Klaus Rüsing einen Silvaner Castell des Jahrgangs 2012. „Das ist ein bodenständiger Wein zu einem bodenständigen Essen, das passt. Der Wein geht nicht nur zu Kartoffeln, auch zu Pilzen oder Gerichten mit Sauce Bearnaise schmeckt er gut.“

Der Wein zu Gans, Puter und Ente kommt aus Portugal. Der „Fabelhaft Niepoort“ war schon Rotwein des Jahres und „beißt mit seiner Säure und Frucht gut gegen das Fett einer Gans“, findet Rüsing. Noch dazu ist das Etikett sehr liebevoll mit Wilhelm Buschs Bildergeschichte vom Unglücksraben Hans Huckebein illustriert.

Wenn Karpfen und Co „schwimmen“ sollen, ist ein weißer Burgunder vom Weingut Tina Pfaffmann aus der Pfalz die richtige Wahl: „Der Wein passt mit seiner Cremigkeit gut zu Fisch, selbst wenn dieser paniert oder auf der Kruste gebraten ist.“ (dfk)

Rüsing sitzt inzwischen in Frankreich, Spanien und Italien in den Jurys der großen Weinverkostungen. Trotzdem stapelt er tief: „Ich kann den Top-Sommeliers eigentlich nichts beibringen.“ Fachlich mag das sein, aber die Art, wie Rüsing über Wein spricht, verrät, dass der Rebensaft für ihn mehr als nur Getränk oder Beruf ist.

„Ein guter Sommelier muss auch immer wissen, wie weinerfahren der Gast ist und wo dessen Vorlieben liegen. Auch wenn diese manchmal sehr diffus sind.“ Aber natürlich gebe es auch Etikettentrinker, die einen Wein nur nach dem beurteilten, was auf der Flasche stehe. Rüsing sind die Weintrinker am liebsten, die auch mal etwas Neues wagen, sich quasi an einen Wein herantrinken. Allerdings gilt für ihn auch: „Das Beste an einer guten Weinprobe ist das frische Bier danach.“ Klaus Rüsing muss schmunzeln, wenn er diesen Werbeslogan zitiert, mit dem die Bierbrauer in einem Katalog einer Weinmesse werben. „Es stimmt, ein Bier kann man einfach runterschlucken, ein Wein fordert Aufmerksamkeit von seinem Trinker“, erläutert der Weinhändler den Unterschied. So würde der 47-Jährige nie einen Wein zum Spiel der Geißböcke, seines Lieblingsvereins, trinken. „Da geht nur Bier, ich will mich ja aufs Spiel konzentrieren.“