Bevor bei der Laurentiuskirmes am Samstag um 12 Uhr Lichter und Musik eingeschaltet werden können, kommt erst noch das Bauamt zur Abnahme.
Bergisch GladbachWo beim Kirmesaufbau Tonnen an Technik und viel Tradition zu sehen sind

Mario Wingenfelder am Mittwochnachmittag: Der Großteil des Fahrgeschäfts „Break Dancer“ ist aufgebaut, nur die Rückwand fehlt noch.
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Am Montagabend entzückte noch ein großes Feuerwerk die Besucher des Fischerfests im hessischen Gernsheim. Es war der Schlussakt des traditionsreichen Volksfestes direkt am Rhein. Noch während die Gernsheimer die letzten Getränke zu sich nahmen, ging für Mario Wingender junior die Arbeit wieder los. Er fing mit seinen vier Mitarbeitern an, sein Fahrgeschäft „Break Dancer“ abzubauen und für die Fahrt nach Bergisch Gladbach zu präparieren. Am Dienstagnachmittag war dann alles verpackt und es ging im Konvoi mit drei Schwertransportern auf die Autobahn.
Jede Stadt ist für uns ein bisschen Heimat.
Den 44 Tonnen schweren Truck mit dem zusammengeklappten Fahrgeschäft steuert der 27-jährige Wingender immer selbst. Für den Schausteller ist das mehr als nur ein Schwertransport. „Das ist unsere ganze Existenz“, sagt er. Würde auf der Fahrt etwas damit passieren, wäre für die Wingenders die Saison gelaufen. 14 bis 18 große Kirmessen und Volksfeste steuert die Familie im Jahr an.
Gegen 18 Uhr am Dienstag rollen die Lkw auf den Platz hinter dem Bergischen Löwen. Feierabend ist aber noch nicht. Kaum sind die Fahrzeuge geparkt, machen sich die Männer schon wieder an den Aufbau. Es sind noch drei Tage, bis am Freitag das Bauamt kommt und die Fahrgeschäfte auf der Laurentiuskirmes abnimmt. Am Samstag muss dann alles auf Hochglanz poliert sein, alle technischen Dinge werden noch einmal überprüft, von den kleinen Lämpchen bis zu der gigantischen Antriebsanlage, die sich unter dem Karussell verbirgt. Mehrere kräftige Elektromotoren sorgen hier dafür, dass sich die Kirmesbesucher darüber mit bis zu 80 Stundenkilometer im Kreis drehen. Was für die Kirmesfreunde ab Samstagmittag Leichtigkeit, Genuss, Freude und Ausgelassenheit ist, ist für die Schaustellerfamilie jedes Mal ein logistischer Kraftakt. In nur zwei Tagen bauen sie auf einem leeren Platz ein technisch hochkomplexes Fahrgeschäft auf.
Bei Familie Wingender hat die Arbeit als Schausteller seit Generationen Tradition
Bergisch Gladbach kennt Wingender gut. Schon sein Großvater kam und kommt mit Fahrgeschäften auf die Pfingst- und auf die Laurentiuskirmessen in der Kreisstadt. Seit drei Generationen stehen sie mittlerweile hier. Insgesamt existiert die Schaustellertradition in der Familie aus Mayen sogar seit sechs Generationen. Der Großvater ist in diesem Jahr mit der Familienachterbahn „Ringrenner“ auf der Laurentiuskirmes. Für den jungen Wingender hat diese Familientradition eine große emotionale Bedeutung: „Ich habe denselben Namen wie mein Vater, mache denselben Beruf wie mein Ur-Ur-Uropa schon und hoffe, dass es irgendwann noch einen Mario nach mir gibt und dass er das auch weitermacht. Das ist so mein Traum.“ Er ist mit seiner Freundin angereist, für die Übernachtungen auf den Rummelplätzen in Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben sie sich gerade einen neuen Wohnwagen zugelegt. Auf knapp 40 Quadratmetern Wohnfläche wohnen sie während der Saison komfortabel.
Der „Break Dancer“ selbst ist ein Millionenobjekt. Als die Wingenders das Fahrgeschäft des Fabrikats Huss vor 32 Jahren kauften, kostete es rund 1,6 Millionen Mark. Heute würde ein vergleichbares Modell fast drei Millionen Euro kosten. Damit die Anlage nach jedem Ab- und Aufbau immer zuverlässig läuft, werden technische Komponenten regelmäßig ersetzt, sicherheitsrelevante Bauteile immer wieder gecheckt. Hinzu kommen die strengen Vorgaben der neuen DIN EN 13814 und die regelmäßigen Prüfungen durch den TÜV. „Deutschland schaut besonders genau hin“, sagt Wingenfelder.
Der Autoscooter wiegt rund 100 Tonnen
Noch ein bisschen schwerer als der „Break Dancer“ ist der Autoscooter „Route 66“, den die Bonner Schaustellerfamilie Barth zur gleichen Zeit direkt vor dem Rathaus aufbaut. Rund 100 Tonnen wiegt der Kirmes-Klassiker. Ludwig Barth führt hier das Kommando. Er ist erst 23 Jahre alt und gehört ebenfalls einer traditionsreichen Schaustellerfamilie an.
Mit Bergisch Gladbach verbindet auch die Familie Barth eine jahrzehntelange Geschichte. Seit 1978 kommt der Autoscooter auf die Laurentiuskirmes. Die vier Mitarbeiter hier haben es beim Aufbau mit einer Besonderheit zu tun: Sie bauen den Autoscooter direkt über dem Brunnen auf dem Konrad-Adenauer-Platz auf, die Stufen werden dabei mit stabilen Eisenstreben überbrückt. Für die Barths und die Wingenders ist die Laurentiuskirmes mehr als eine Station der Saison. Über Jahrzehnte sind hier Freundschaften entstanden. „Jede Stadt ist für uns ein bisschen Heimat“, so Barth.
