Grüne Lichtpunkte wanderten monoton über teilweise heruntergerissene Deckenplatten und das freigelegte Gebälk. Rotes Scheinwerferlicht tauchte die Bühne und dahinter drapierte Spinnweben in gespenstisches Licht. An den neuen, noch unverputzten Fenstern hingen überdimensionale Spinnennetze aus weißem Häkelgarn. In Mullbinden gewickelte Einmachgläser spendeten flackerndes Kerzenlicht. Eine Holzbüste Edgar Allan Poes, Samtstoffe und ein fast mannshoher Silberleuchter stimmten die Gäste auf einen besonderen Abend ein: Gerd J. Pohl präsentierte Interpretationen berühmter Schauergeschichten des Schriftstellers. Die Dekoration sorgte für eine dichte unheimliche Atmosphäre im Saal.
Faun, Hexen und Untote
Rund 60 Zuschauer strömten am 31. Oktober in die ungeheizten Lux-Hallen um das Bühnenprogramm und die anschließende Halloweenfeier zu erleben. Zwischen Faun, Hexe, Untoten und Skeletten mit weiten Umhängen waren auch Gäste ohne Kostüm zu entdecken, manche mit wärmenden Decken. Wo bis nach Corona ein Baustoffhandel ansässig war, hat Michael Lux, Enkel des Gründers, seither einen Veranstaltungsort für das Veedel geschaffen. Der Gebäudekomplex ist zum beliebten Kultur- und Nachbarschaftstreffpunkt geworden.
Morbider Charme der Lux-Hallen
Hier wird gewerkelt, renoviert und die Halle mit ihrem morbiden Charme für Kleinkunst genutzt, wie an diesem Abend. „Wir freuen uns sehr, dass wir hier diesen Ort der Gemeinschaft haben“, erzählte eine Frau, die wie andere Anwohner etwas zum reichhaltigen Abendbuffet mit heißer Tomatensuppe und selbst gebackenem Brot in Spinnenform beigesteuert hatte.
Pohl und Poe: eine Seelenverwandtschaft

v.li.: Michael Lux und Gerd J. Pohl
Copyright: Susanne Schröder
Als Gerd J. Pohl die Bühne betrat, verstummte der Saal schlagartig. Seine erste Edgar-Allan-Poe-Lesung hatte der Schauspieler bereits im Oktober 1990 in Bonn gehalten. Nun ließ er den 1809 geborenen und 1849 gestorbenen Schriftsteller für gut eine Stunde in Heidkamp lebendig werden. Poe, einer der düstersten Poeten seiner Zeit und Pionier der Kurzgeschichte, wirke mit seinem tiefen Blick in die Abgründe der menschlichen Seele erstaunlich modern, obwohl seine Geschichten mehr als 200 Jahre alt seien, erläuterte Pohl. Er selbst fühle sich dem nur 40 Jahre alt gewordenen Autor seelenverwandt, beleuchtete dessen Lebensgeschichte und verriet einige recht unbekannte Details über ihn. Dass sich Pohl dem Autor verbunden fühlt, wurde an diesem Abend deutlich.
Drei Schauergeschichten mit Stimme, Licht und Klang
Stimmgewaltig, unterstützt von gespenstischem Licht und Klangelementen wie Zimbel und Tamburin, schlüpfte Pohl in die Rolle des Erzählers dreier Kurzgeschichten. Im „Verräterischen Herz“ (1843) verkörperte er einen Mörder, der einen alten Mann aus Angst vor dessen Auge tötet. Schuld und Wahnsinn treiben ihn jedoch so weit, dass er seine Tat beinahe unmittelbar gesteht. In „Das Fass Amontillado“ (1846) spielte er Montrésor, der aus Rache seinen Bekannten Fortunato in eine Falle lockt und lebendig einmauert. Zum Abschluss folgte die kurze, weniger bekannte Geschichte „Schweigen“: Als Dämon erkennt Gerd J. Pohl darin, dass absolute Stille für den Menschen unerträglicher sein kann als Chaos und Schrecken. Durch Stimme, Licht und Klang wirkten die Geschichten an dem Abend noch eindringlicher.
Spenden für Kleinkunst und Renovierung
Der Eintritt war frei, um Spenden für die Finanzierung des Abends und die Renovierung der Lux-Hallen wurde gebeten, da „Zuschüsse für die freie Kleinkunst in Zeiten knapper Stadtsäckel rar sind“, wie begründet wurde. So klang ein Abend aus, an dem nicht nur Poe’sche Schauer lebendig wurden, sondern auch der besondere Gemeinschaftsgeist im Heidkamper Treffpunkt spürbar war.

