Zehnmal ausverkauftes Haus in Marialinden: Das örtliche Laientheater bringt Winnie Abels Komödie „Neurosige Zeiten“ auf die Bühne – und beweist, dass der schmale Grat zwischen Normalität und Irrsinn nirgendwo unterhaltsamer verläuft als im eigenen Dorf.
Generalprobe und ausverkaufte Vorstellungen
Schon bei der Generalprobe im Saal Altenrath, zu der auch Bewohner des benachbarten Malteserstifts eingeladen waren, zeigte sich: Wer für die zehn Aufführungen bis 21. November keine Karte ergattert hat, verpasst einen höchst vergnüglichen Nervenzusammenbruch. Sämtliche Vorstellungen sind ausverkauft.
Autorin Winnie Abel zieht in ihrem Dreiakter alle Register der Boulevard-Komik. Unter der Spielleitung von Peter Altenrath stellt das Ensemble zwei Fragen: Wer ist eigentlich verrückt? Und was heißt überhaupt normal?
Das Ausgangsproblem: Eine Villa, die es nicht gibt
Das Ausgangsproblem auf der von Wilhelm Zinzius gestalteten Bühne: Die sexsüchtige Agnes Adolon (Anna Merkel), Spross einer schwerreichen Hoteldynastie, lebt in einer geschlossenen psychiatrischen Wohngruppe. Ihre herrschsüchtige Mutter Cécile (Silke Brüninghaus) glaubt allerdings, das Töchterchen residiere standesgemäß in einer Villa. Als sie spontan ihren Besuch ankündigt, müssen Agnes’ Mitpatienten im Eiltempo zu „Normalbürgern“ werden.
Der zwangsneurotische Finanzbeamte Hans (Michael Sturmberg) soll den Lebenspartner mimen. Ausgerechnet der Phobiker mit panischer Angst vor Keimen bekommt fünf Monate alte Thunfischhäppchen serviert – eine Szene, die Sturmberg mit großartiger körperlicher Komik meistert. Stalkerin Marianne (Nadine Rollar) wird zur Haushälterin, der soziophobe Willi (Jörg Steinforth) zum Hausmeister.
Erster Akt: Die Tupperware-Verkäuferin als vermeintliche Leiche

Die Tuppertante liegt am Boden.
Copyright: Christoph Konkulewski
Schon im ersten Akt läuft das Himmelfahrtskommando aus dem Ruder. Statt der gefürchteten Mutter steht Tupperware-Verkäuferin Herta (Iris Hachenberg) vor der Tür. Sie bekommt ein Schild vor den Kopf und geht zu Boden. Tot, glauben die WG-Bewohner. Der trockene Kommentar angesichts des Körpers zwischen Plastikschüsseln: „Eintuppern geht nicht!“ Also landet die vermeintliche Leiche unter dem Teppich und später auf dem Sofa.
Zweiter Akt: Cécile kommt, Herta erwacht
Dort kommt Herta im zweiten Akt wieder zu sich – just als Mutter Cécile erscheint. Als die wohlhabende Dame das karge Mobiliar mustert und die fehlende Villa bemängelt, folgt der schönste Lokalkolorit-Konter: „Der Wohnungsmarkt in Marialinden ist eben angespannt!“ Cécile kommandiert derweil die vermeintlichen Bediensteten herum. Als Marianne ein kostbares Erbstück fallen lässt und erfährt, dass es aus dem 18. Jahrhundert stammt, ist sie erleichtert: Dann war es ja ohnehin schon alt.
Volksmusikstar und Presse stürmen die Stube
Nun stürmen Volksmusikstar Hardi Hammer (Simon Zinzius), Reporter Freddi (Niklas Schneider) und dessen Fotograf (Ole Hachenberg) die Stube. Der Sänger will medienwirksam seine Stalkerin treffen. Die manisch-depressive Künstlerin Desirée (Silvia Blatt) kontert: „Volksmusik ist flüssiger als Wasser – nämlich überflüssig!“
Eskalation und der Zauber des Laientheaters
Vollends eskaliert die Situation, als Psychiater Dr. Dr. Schanz (Manfred Liersam) von Cécile auf der Toilette eingesperrt wird. Beschäftigungstherapeut Rolf (Robert Steinforth) hält das Ganze für ein wunderbares Versteckspiel. Was den Abend so unwiderstehlich macht, ist der Zauber des Laientheaters. Unterstützt von Souffleusen, Maske, Requisite und Technik stehen keine unnahbaren Profis im Rampenlicht, sondern Nachbarn und Bekannte, ganz „normale“ Menschen aus dem Dorf. Und wer nach drei turbulenten Akten noch sicher sagen kann, wer hier eigentlich normal ist, hat vermutlich nicht genau genug hingesehen.

