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MordprozessWie kam Fentanyl in den Blutkreislauf des Mannes der angeklagten Odenthalerin?

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Eine Statue der Justitia aus Bronze, vor blauem Himmel, hält eine Waage in der Hand. (Symbolbild)

Das Kölner Landgericht will ein Notarztprotokoll zur Klärung des Falles heranziehen. 

Ein vor  dem Kölner Landgericht gezeigtes Video, das den 63 Jahre alten Odenthaler zwei Monate vor seinem Tod zeigt, wirft Fragen auf.

Es ist ein verstörendes Video, das am Donnerstag zum wiederholten Male im Prozess um den rätselhaften, gewaltsamen Tod eines 63-jährigen Odenthalers im Juni 2019 abgespielt wurde. Sechs Minuten dauert der Clip und zeigt den 63-Jährigen rund zwei Monate vor seinem Tod. Wie in einem starken Drogenrausch sitzt der Mann auf dem heimischen Wohnzimmersofa. Die Augen sind geschlossen, der Oberkörper schwankt, im Hintergrund plärrt ein Fernseher, auf dem Wohnzimmertisch steht eine geöffnete Flasche Bier.

Gezeigt wurde der kurze Clip im Prozess gegen eine Odenthalerin (67). Sie soll ihren 63-jährigen Ehemann am Morgen des 17. Juni 2019 mit einem Stich in die Brust heimtückisch ermordet haben. Wegen Totschlags war die Frau bereits 2020 zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Grobe Schnitzer in der Beweisführung hatten den Bundesgerichtshof aber zu einer Aufhebung des Urteils bewogen. Der Fall wurde zur Neuverhandlung zurück ans Kölner Landgericht verwiesen. Dort wird der Fall seit Anfang Dezember neu aufgerollt.

In welchem Zustand war das Opfer am Tatmorgen?

„Wenn ich das Video sehe, dann habe ich den Eindruck von einem schwer Suchtkranken in der offenen Drogenszene“, sagte der Vorsitzende Alexander Fühling irritiert bei der Befragung eines Zeugen (66). Der ehemalige Schmerztherapeut und Arzt des 63-Jährigen, der auch als Notarzt arbeitet, meinte: „Wenn ich den so erlebt hätte, hätte ich ihn in ein Krankenhaus eingewiesen und nicht gefilmt.“ Aus Sicht des Zeugen habe in der Situation „Lebensgefahr“ bestanden. „Ein bisschen mehr und der Patient wird bewusstlos und die Atmung setzt aus.“

Für das Gericht scheint derzeit folgende Frage zentral: Angenommen, der 63-Jährige befand sich am Tatmorgen in einem ähnlichen Zustand, wie auf dem Video: Konnte er mitbekommen, dass er von einem langen spitzen Gegenstand gestochen wurde? Um diese Frage zu beantworten, muss das Gericht aber klären, ob das hochwirksame Fentanyl durch die Einnahme von Effentora in den Blutkreislauf des Opfers gelangte, oder ob es vom Notarzt verabreicht wurde.

Zum Todeszeitpunkt hatte der Mann rund 2 Promille Alkohol im Blut

Der Zeuge zeigte sich überzeugt, dass eine Person wie im Video Schmerz nur noch sehr gedämpft wahrnehmen könne. „Ich halte den für halb in Narkose“, sagte der Arzt, der den 63-Jährigen seit 2013 wegen Schmerzen mit Oxycodon und dem schnellwirkenden Präparat Effentora behandelte. Effentora enthält den synthetischen Opioid-Wirkstoff Fentanyl. Der Patient habe damals angegeben, ein „trockener Alkoholiker“ zu sei, so der Zeuge weiter. Ansonsten hätte er die Medikamente nicht verschrieben, da Alkohol die Fentanylwirkung dramatisch verstärke.

Dass der 63-Jährige dennoch weiter Bier in rauen Mengen konsumiert habe — laut Zeugenaussagen zehn bis zwölf Flaschen täglich — war dem Arzt unbekannt. Auffälligkeiten in der Sprechstunde — verwaschene Sprache, Alkoholfahne etc. — habe er nie wahrgenommen. Zum Zeitpunkt des Todes hatte der 63-Jährige rund zwei Promille. Dem Mediziner war aber nicht verborgen geblieben, dass der 63-Jährige sich nicht immer an die verschriebenen Medikamentenmengen gehalten hatte. Ein Eintrag in der Patientenakte aus November 2018 besagte: „Patient hat willkürlich Oxycodon nachgeworfen.“

Wo das im Blutkreislauf des Opfers festgestellte Fentanyl herstammte, ob von der Effentora-Einnahme oder durch Gabe des Notarztes, das soll nun das Notarztprotokoll verraten, das sich bislang nicht bei der Akte befindet. Der Prozess wird fortgesetzt.