„Ich bin gefangen in meinem Zuhause“, sagt Miriam Spieler. Die 22-Jährige kämpft gleich auf mehreren Ebenen um Gleichberechtigung.
OverathRollstuhlfahrerin findet keine Stelle für ihren Traumberuf als Kinderpflegerin

Die Kinderpflegerin Miriam Spieler kämpft auf mehreren Ebenen um Gleichberechtigung.
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Seit Monaten sucht Miriam Spieler aus Overath-Untereschbach einen Job als Kinderpflegerin – und kassiert nur Absagen. Sie glaubt, es liegt daran, dass sie im Rollstuhl sitzt. Außerdem fühlt sich die 22-Jährige vom Alltag ausgeschlossen, weil sie nicht mobil ist. „Ich bin gefangen in meinem Zuhause“, sagt die junge Frau. Der Kampf um Gleichberechtigung auf mehreren Ebenen wird zu einer riesigen Kraftanstrengung für die ganze Familie.
Die junge Frau möchte eigentlich nur eins: ein selbstbestimmtes Leben führen. Seit sie klein ist, möchte Miriam in ihrem Traumberuf als Kinderpflegerin arbeiten, eigenes Geld verdienen, sich mit ihren Freunden treffen. Doch sie hätte nicht gedacht, dass der Weg zum Normalsein, so schwer sein würde. Fast täglich spürt sie, dass es mit der Inklusion nicht weit her ist. Beim Start ins Berufsleben prallt sie gegen Barrieren, ein behindertengerechtes Fahrzeug wird ihr nicht genehmigt.
Wir haben oft das Gefühl, dass nicht ihre Qualifikation gesehen wird, sondern nur der Rollstuhl
Miriam sitzt im Rollstuhl seit sie 18 ist. Nach einer Muskelzerrung am linken Fuß trat bei ihr das komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS) auf, früher als Morbus Sudeck bekannt. Die neurologische Erkrankung ist mit starken Schmerzen und Schwellungen verbunden. Bereits leichte Berührungen sind extrem schmerzhaft, Belastung und Bewegung werden unmöglich.
Doch sie verliert nie den Mut, arbeitet hart, verfolgt ihr Ziel, endlich mit Kindern arbeiten zu können. Die Eltern Mandy und Mark Spieler sind unglaublich stolz auf ihre Tochter: „Mit viel Kraft, Ehrgeiz und Motivation hat sie sich durchgebissen und ihre Ausbildung im Berufskolleg Bergisch Gladbach mit einem Jahr Verspätung abgeschlossen.“ Doch jetzt wird die Suche nach einer Stelle zu einem Kampf. „Wir haben oft das Gefühl, dass nicht ihre Qualifikation gesehen wird, sondern nur der Rollstuhl.“

Die Familie, hier auf dem Foto die Mutter, unterstützt die Tochter, wo es nur geht.
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Etwa 30 Einrichtungen hat Miriam angeschrieben. Doch sie bekommt nur Absagen. Immer wieder. Inzwischen reicht der Radius der Bewerbungen weit über den Wohnort hinaus, bis nach Bonn, Oberberg, Leverkusen und Köln, berichtet ihre Mutter. Doch oft endet alles, bevor es überhaupt zu einem Gespräch kommt. Die Begründung sei meist dieselbe: „Es gibt kein Behinderten-WC oder die Gebäude sind nicht barrierefrei.“
Dabei hapere es manchmal lediglich an einer Rampe am Eingang oder an einem Haltegriff in der Toilette, schildert die Mutter. Besonders beleidigend sei die Absage einer Zeitarbeitsfirma gewesen. „Wir wollen hier keine Behinderte“, habe ein Mitarbeiter am Telefon gesagt. „Das war sehr verletzend“, ärgert sich Miriam immer noch, dass sie sich das nicht hat schriftlich geben lassen.
Ohne Hilfe kommt Miriam zu keinem Termin
Ungeklärt ist aus Sicht der Familie auch die Frage, wie Miriam überhaupt zu Terminen kommt. Denn ohne Hilfe schafft sie es aufgrund der Wohnsituation alleine nicht zu den Gesprächen, aber auch nicht zu Verabredungen mit ihren Freunden. Denn das Elternhaus liegt an der steilen Brüderstraße in Untereschbach. Sie führt ohne Bürgersteig inklusive einer scharfen Kurve hinunter zur Hoffnungsthaler Straße, wo sich die nächste Bushaltestelle befindet.
„Die Strecke den Berg runter mit dem Rollstuhl zurückzulegen, wäre lebensgefährlich. Abgesehen davon, dass von der Haut an den Händen nach der Abwärtsfahrt nichts mehr übrig wäre“, stellt Mark Spieler fest, „den Berg hoch geht sowieso nicht.“ Trotzdem hat der LVR die Genehmigung eines behindertengerechten Fahrzeugs mit einem Rollstuhlverladesystem abgelehnt – obwohl es ein ärztliches Attest gibt, das bestätigt, das Miriam aufgrund der Hanglage die Bushaltestelle nicht erreichen könne.
„Wir nehmen den geschilderten Bedarf ernst“, betont eine Sprecherin des LVR auf Anfrage dieser Zeitung. Könne der Teilhabebedarf durch zumutbare Beförderungsleistungen gedeckt werden, komme die Übernahme von Kraftfahrzeugkosten für den LVR jedoch nicht in Betracht.
LVR beruft sich auf Karten- und Geodaten
Im konkreten Fall sei der Sachverhalt anhand der Angaben der medizinischen und fachlichen Unterlagen der Auskünfte zum örtlichen Nahverkehr sowie anhand von Karten- und Geodaten ermittelt worden. „Eine Ortsbegehung hat nicht stattgefunden“, räumt die Sprecherin ein, sie sei aber auch gesetzlich nicht vorgeschrieben.
Auch ein bestehendes Beschäftigungsverhältnis würde an der Entscheidung des LVR nach dem Sozialgesetzbuch (SBG) IX nichts ändern. Voraussetzung sei, dass die leistungsberechtigte Person aufgrund von Art und Schwere der Behinderung ständig auf die Nutzung angewiesen sei, führt die Sprecherin weiter aus. Könne der Teilhabebedarf durch zumutbare Beförderungsleistungen (Behindertenfahrdienst, Fahrtkostenerstattung) gedeckt werden, seien Leistungen für ein Kfz nachrangig.
Agentur für Arbeit kündigt Stellungnahme an
Die Beantwortung der Anfragen dieser Zeitung bei der Agentur für Arbeit als zuständiger Rehabilitationsträger für Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben steht seit längerer Zeit aus. Das Job Center Rhein-Berg kündigte aber eine ausführliche Stellungnahme an.
Wie Mandy Spieler berichtet, sei von der Behörde erst Unterstützung für ein behindertengerechtes Auto zu erwarten, wenn ihre Tochter bereits einen Arbeitsvertrag in der Tasche habe. Die Fahrten zu den Vorstellungsgesprächen zählten nicht.
Und einen weiteren schmerzhaften Rückschlag muss Miriam verkraften. Im jüngsten Gespräch habe die zuständige Sachbearbeiterin beim Job-Center ihr mitgeteilt, dass eine Weiterbildung zur Erzieherin nicht bewilligt werden könne, berichtet sie. Aus Sicht der Sachbearbeiterin seien die Erfolgsaussichten, eine Stelle zu finden, aufgrund ihrer Behinderung nicht gegeben.
Erste Erfahrungen in Praktika gesammelt
„Als Mutter macht mich das alles traurig und auch wütend, ansehen zu müssen, wie einem Menschen, der morgens früh aufstehen will, gebraucht werden und sein Leben selbst gestalten möchte, so viele Steine in den Weg gelegt werden“, sagt Mandy Spieler.
Immer wieder erinnert sich Miriam an ihre beiden Praktika, das erste im Rahmen ihrer Ausbildung in einer Kita, das zweite ein selbstgesuchtes in einer OGS: „Das waren wunderschöne Zeiten“. Spielen, basteln, sogar wickeln sei kein Problem gewesen. Wenn sie Unterstützung brauchte, hätten die Kolleginnen geholfen.
„Durch meine Krankheit wird mir meine Freiheit genommen“, sagt die frühere Tänzerin beim Kinder- und Jugendtanzkorps Bensberger Harlekids. Sie sei immer auf ihre Eltern angewiesen. „Mir fällt die Decke auf den Kopf. Ich muss immer fragen, kann nichts allein entscheiden“, sagt Miriam, „dabei wünsche ich mir doch nur eine faire Chance auf Arbeit.“
Aber aufgeben? „Niemals“, sagt Miriam. Sie hoffe, dass ihre Geschichte anderen Menschen mit Behinderung Gehör verschaffe.
