Der Kreislandwirt, die Verbraucherzentrale NRW und eine Fleischerei über mögliche Auswirkungen im Kreis.
WirtschaftWas bedeutet das Mercosur-Abkommen für Rhein-Berg?

Wegen des Mercosur-Abkommens rechnet die Verbraucherzentrale NRW mit sinkenden Preisen für Rindfleisch.
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Wer sich mit Ernährungsthemen beschäftigt, der wird mitbekommen haben, dass nun zum Mai das Mercosur-Abkommen vorläufig in Kraft tritt. Dabei handelt es sich um ein Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem südamerikanischen Handelsblock Mercosur (Brasilien, Argentinien, Paraguay, Uruguay). Kern des Vertrags ist laut der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) der schrittweise Abbau von Zöllen auf über 90 Prozent aller Handelsgüter, um so den Warenaustausch deutlich zu verstärken. Die EU-Kommission rechne damit, dass die EU-Exporte damit um bis zu 39 Prozent steigen könnten.
Laut der BpB wären in Deutschland der Maschinen- und Anlagenbau, die Chemie- und Pharmaindustrie und vor allem die Automobilindustrie Gewinner des Abkommens, da auf EU-Autos aktuell Zölle von bis zu 35 Prozent erhoben werden. Die sollen schrittweise entfallen. Umgekehrt sollen landwirtschaftliche Produkte aus Südamerika, vor allem Rindfleisch, Geflügel, Zucker und Soja nach Europa importiert werden. Europäische Bauernverbände warnten allerdings, dass sie trotz Schutzklauseln nicht ausreichend vor der Konkurrenz geschützt seien. Dort könnten Lebensmittel wegen niedrigerer Umwelt-, Tierwohl- und Sozialstandards günstiger produziert werden. Welche Folgen sich für den Rheinisch-Bergischen Kreis ergeben könnten, darüber kann Peter Lautz, Kreislandwirt, nur spekulieren.
Milchviehbetriebe könnten Gewinner sein
„Wir können nicht in die Zukunft sehen, daher müssen wir erst einmal warten, wie die Situation dann tatsächlich aussieht“, so Lautz. Im Bergischen gebe es vor allem Rinderzucht- (etwa 188 Betriebe in Rhein-Berg) und Milchviehbetriebe (etwa 50 Betriebe in Rhein-Berg). Unter ihnen, meint Lautz, könne es auch Gewinner geben. „Für Milchprodukte könnten sich neue Möglichkeiten bieten“, mutmaßt der Kreislandwirt. Grund dafür sei der hohe Qualitätsstandard und bereits jetzt vergleichsweise hohe Exporte von Molkereiprodukten.
Was die Mastbetriebe betreffe, so müsse man abwarten, doch hier sei es wahrscheinlicher, dass es Verlierer gebe. Schließlich würden die hohen Umwelt- und Sozialstandards auf den Preis schlagen. „Am langen Ende entscheidet der Verbraucher. Der wird meiner Meinung nach immer aufgeklärter und kundiger.“ Da das Abkommen vorläufig angewendet würde, könne man in manchen Aspekten auch nachjustieren. Ob das importierte Fleisch letztlich so viel günstiger ist, könne man auch noch nicht sagen. Der lange Transportweg in Kombination mit gestiegenen Energiepreisen könne den Preis wieder relativieren. Das sei aber nur Spekulation.
Maßnahme zur Stärkung der Wirtschaft
Das Abkommen müsse man laut Lautz als Maßnahme zur Stärkung der europäischen und deutschen Wirtschaft sehen, bei dem sich die Gewinner- und Verliererseite ausgleichen sollten. „Die Landwirtschaftsverbände schauen da auch genau drauf, so dass man negative Auswirkungen korrigieren kann. Am Ende soll es nicht zum Nachteil der Landwirte sein.“
Frank Waskow von der Verbraucherzentrale NRW meint, dass sich durch das Abkommen zunächst nicht viel ändern wird. „Die bisherigen EU-Richtlinien für Höchstmengen von Pestizidrückständen oder verbotenen Pflanzenschutzmitteln werden auch weiterhin gelten“, so der Referent für Lebensmittelqualität und Nachhaltigkeit. Das Problem sei nur, dass die Infrastruktur für die Lebensmittelkontrollen an den EU-Außengrenzen nicht reiche. Bereits jetzt gebe es besonders bei verderblicheren Lebensmitteln wie Mangos oder Papayas das Problem, dass eine Stichprobe, die ins Labor muss, etwa eine Woche für das Ergebnis brauche. Bis dahin seien die Lebensmittel nicht haltbar und so gelangten sie ohne feststehendes Ergebnis in den Verkauf. Bei haltbareren Lebensmitteln wie Kartoffeln sei das seltener. „Die Kontrollen am Hamburger Hafen und Frankfurter Flughafen zum Beispiel funktionieren gut. Wie es aber in Griechenland zum Beispiel aussieht, wissen wir nicht.“
Kontrollproblem verstärkt sich
Das Problem sei also nicht dem Abkommen geschuldet, verstärke sich dadurch potenziell allerdings. Durch die Reduzierung von Zöllen wird mit größeren Importmengen gerechnet. „Dass ein Ausbau der Labore oder des Personals bei den Kontrollen geplant ist, davon habe ich bisher noch nichts gehört“, berichtet Waskow.
Auch für Fleisch blieben die bisherigen Regeln erhalten, etwa wenn es um das Verbot von Hormonen beim Mästen geht. Statt wie bisher etwa 200.000 Tonnen jährlich dürften die Mercosur-Länder nun circa 300.000 Tonnen im Jahr importieren. Das käme nicht nur in frischer, sondern oft in tiefgefrorener oder anderweitig haltbarer Form in die EU, ähnlich verhalte es sich bei Geflügelfleisch. Die Futtermittel für die Tiere in den Mercosur-Staaten seien häufig genmanipuliert, das sei aber auch bisher so gewesen. „Anders verhält es sich bei Bio-Produkten.“ Dass sich der verstärkte Fleischimport auf die heimische Landwirtschaft auswirkt, davon geht Waskow aus. „Das gilt auch für Futtermittel wie Soja.“
Größere Produktvielfalt
Chancen für die Verbraucher sieht Waskow besonders bei nicht-konkurrierenden Waren. „Es gibt viele exotische Gemüse- und Obstsorten, die wir noch nicht haben und jetzt kommen könnten.“ Außerdem dürfte deren Preis, wie beim Fleisch, sinken. Daneben gebe es auch hochqualitatives Fleisch, wie Rindersteaks aus der argentinischen Pampa, das neu auf den Markt kommen könnte. Auch wenn es nicht direkt nachhaltig sei, die Produktvielfalt könnte sich schon bald erweitern. „Verbraucher müssen keine Angst vor Lebensmitteln aus dem Mercosur-Raum haben. Je internationaler man aufgestellt ist, desto besser müssen nur die Kontrollen werden“, findet der Lebensmittelexperte.
Matthias und Werner Molitor, von der gleichnamigen Fleischerei in Kürten, sehen die Situation ähnlich wie Lautz. Noch könnten sie nicht abschätzen, welche Folgen das Abkommen haben wird, doch Sorgen um ihr Geschäft hätten sie nicht. „Wir sind mit unseren Bauern gut vernetzt. Wir orientieren uns zwar am Marktpreis, was das Kilo betrifft, aber wenn der Preis zu stark abfällt, bezahlen wir auch mehr, sonst verliert der Bauer zu viel“, erklärt Matthias. Da ihre Kundschaft sich ohnehin mehr an der Qualität und weniger am Preis orientiere, denkt er nicht, dass sie von etwaigen Folgen betroffen sein werden. Anders, so mutmaßt er, könnte es für größere, industrielle Betriebe aussehen, die in starker Konkurrenz zum Importfleisch stehen.
Dem schließt sich auch Vater Werner Molitor, Vorsitzender der Fleischerinnung Bergisches Land, an. „Der Preis geht schon seit Jahren rauf und runter. Dass es durch das Abkommen aber viel preiswerter wird, glaube ich nicht. Die Differenz wird wohl kaum beim Kunden ankommen.“
