Ein Foto von 1938 illustriert Fachleuten zufolge als „herausragende Quelle“ die Reaktion der Bevölkerung auf Verschleppungen von Juden im Rahmen der „Polenaktion“ durch die Nationalsozialisten. Anlässlich des 88. Jahrestages veröffentlicht das Projekt „Last Seen. Bilder der NS-Deportationen“ nun erstmals das Foto aus Bedburg im heutigen Nordrhein-Westfalen im Online-Bildatlas „Last Seen“.
„Die Deportation im Oktober 1938 war eine Zäsur, erstmals wurden tausende Menschen aus Deutschland, aus ihren Wohnungen heraus, verschleppt. Das nun sorgfältig erforschte Bedburger Foto zeigt, was wir aus Quellen aus verschiedenen Orten wissen: Sehr viele Menschen schauten begeistert zu und fanden die Verschleppung richtig“, erklärte am Dienstag Projektleiterin Alina Bothe.
Hunderte Menschen auf dem Marktplatz
Bei der „Polenaktion“ vom 27. bis 29. Oktober 1938 wurden rund 17.000 Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich unter Zwang über die polnische Grenze vertrieben. Sie hatten die polnische Staatsangehörigkeit. „Bei dieser Massenverschleppung übten die deutschen Behörden zentrales Täterhandeln ein, und erstmals stellte auch die Reichsbahn Sonderzüge für die Durchführung der Deportation“, hieß es in der Mitteilung von „Last Seen“ und der Stadt Bedburg.
Das nun veröffentlichte Foto sei über die Region Bedburg an der Erft hinaus kaum bekannt. Es stammt den Angaben zufolge vom 28. Oktober 1938. Zu sehen ist ein Gedränge auf dem örtlichen Marktplatz. „Die Blicke richten sich zu einem Pferdewagen, auf dem die Bedburger Ordnungspolizei das jüdische Ehepaar Gartenberg zum Bahnhof fährt. Selbst aus den Fenstern lehnen sich Zuschauende - diese öffentliche Inszenierung hat den Charakter eines Spektakels.“
Den Holocaust überlebt
Die Familie Gartenberg, zu der auch eine Tochter gehörte, konnte den Angaben zufolge von Polen aus über mehrere Stationen durch Rumänien ins damalige Palästina fliehen und überlebte so den Holocaust.
In dem Online-Bildatlas sammelt, erforscht und veröffentlicht das Projekt seit 2021 Fotos unter anderem von Deportationen von Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma. „Im Bildatlas werden sie sorgsam kontextualisiert, die Informationen mittels digitaler Tools direkt an die Bilder geknüpft“, so die Verantwortlichen. Hinzu kommen recherchierte Biografien von Menschen, die auf Fotos identifiziert werden konnten. (kna)

