Der Gebärdendolmetscher ist am Samstag (5. September) bei der Musikmeile im Einsatz. Er erzählt im Interview über seinen Berufsalltag.
Bedburger MusikmeileSo dolmetscht Thorsten Rose auf der Bühne für Gehörlose

Bild 1: Die Fotos zeigen in der Reihenfolge von 1 bis 5 die Übersetzung des Satzes: "Ich freue mich auf die Bedburger MusikMeile!", wie Thorsten Rose sie zeigt.
Copyright: Bernd Woidtke
Thorsten Rose ist Gebärdendolmetscher. Bei der Bedburger Musikmeile am Samstag, 5. September, wird er mit auf der Bühne stehen und für gehörlose Musikfans dolmetschen. Unser Mitarbeiter Bernd Woidtke hat mit ihm gesprochen.
Herr Rose, Gebärdendolmetscher wird man wahrscheinlich nicht durch Zufall – wie sind Sie zu Ihrer Profession gekommen?
Thorste Rose: Die Gebärdensprache ist meine Muttersprache. Meine beiden Eltern sind gehörlos, ich habe zu Hause diese Sprache gelernt. Meine Frau ist ebenfalls gehörlos, für mich ist das also die Alltagssprache. Irgendwann habe ich gedacht: Okay, dann kann ich damit auch Geld verdienen.
Wie wird man Dolmetscher für Gebärdensprache?
Ich habe eine berufsbegleitende Ausbildung gemacht und bin staatlich geprüfter Dolmetscher für deutsche Gebärdensprache, das ist meine offizielle Berufsbezeichnung. Man kann das Fach aber auch zum Bachelor und Master hin studieren.

Bild 2: Die Fotos zeigen in der Reihenfolge von 1 bis 5 die Übersetzung des Satzes: "Ich freue mich auf die Bedburger MusikMeile!", wie Thorsten Rose sie zeigt.
Copyright: Bernd Woidtke
Welche Elemente gehören zu Gebärdensprache?
Der ganze Oberkörper gehört dazu, die Mimik, der Kopf, eigentlich alles vom Kopf bis zum Bauchnabel. Warum kann man sich mit Gebärdensprache nicht weltweit verständigen? Das ist ähnlich wie mit der gesprochenen Sprache, das hat sich über lange Zeit so entwickelt. Hinzu kommt, dass zum Beispiel die Mimik in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Bedeutung hat. In Asien etwa spielt Mimik nur eine geringere Rolle, also wirkt sich das auch auf die Gebärdensprache aus.

Bild 3: Die Fotos zeigen in der Reihenfolge von 1 bis 5 die Übersetzung des Satzes: "Ich freue mich auf die Bedburger MusikMeile!", wie Thorsten Rose sie zeigt.
Copyright: Bernd Woidtke
Gibt es innerhalb Deutschlands Dialektunterschiede bei der Gebärdensprache?
Ja, auf jeden Fall, zum Beispiel zeigen wir den Montag mit einem seitlichen Abwärtsgriff an der Wange, in Süddeutschland dagegen geht man von der Nase nach unten. Und solche Floskeln, wie „Das ist mir wurscht!“ werden in Bayern anders dargestellt als bei uns, wo wir eher sagen: „Das ist mir egal“, mit einer eigenen Gebärde.
Ist die Gebärdensprache genauso komplex wie die gesprochene?
Ja, auf jeden Fall! Man kann sich in der Gebärdensprache genauso umfassend unterhalten wie in der gesprochenen. Ich habe mal einen Maschinenbau-Studenten im Studium begleitet, habe die Fachbegriffe benutzt, im medizinischen Bereich gibt es natürlich auch unendlich viele Fachtermini, die wir mit Gebärden übersetzen können.

Bild 4: Die Fotos zeigen in der Reihenfolge von 1 bis 5 die Übersetzung des Satzes: "Ich freue mich auf die Bedburger MusikMeile!", wie Thorsten Rose sie zeigt.
Copyright: Bernd Woidtke
Wie hoch ist die Konzentration, wenn man in Gebärdensprache dolmetscht?
Man muss sich wirklich sehr stark konzentrieren. In der Regel kommen wir bei einer Veranstaltung von mehr als einer Stunde zu zweit, und wir wechseln uns nach jeweils 15 Minuten ab.
Wie muss man sich Ihren Berufsalltag vorstellen?
Ich begleite Gehörlose bei Behördengängen, Arztbesuchen, Gerichtsterminen, ich helfe Studentinnen und Studenten an der Uni, aber auch das Dolmetschen bei Musikveranstaltungen ist ein Teil meiner Arbeit. Bei Gerichtsterminen geht es zum Beispiel um Drogengeschäfte, Betrug, sexuellen Missbrauch, natürlich können da auch Gehörlose in irgendeiner Weise betroffen sein. Ich begleite auch gehörlose Personen zu einer Teamsitzung an ihrem Arbeitsplatz. Wenn sie mal krank sind, gehe ich mit ihnen zum Arzt. Falls sie arbeitslos werden, begleite ich sie auch zur Agentur für Arbeit. Das sind wirklich sehr vielfältige Aufgabenbereiche.

Bild 5: Die Fotos zeigen in der Reihenfolge von 1 bis 5 die Übersetzung des Satzes: "Ich freue mich auf die Bedburger MusikMeile!", wie Thorsten Rose sie zeigt.
Copyright: Bernd Woidtke
Geht die Gebärdensprache auch manchmal in Ihren Alltag ein?
Ja, natürlich! Da meine Eltern und meine Frau taub sind und ich einen großen Freundeskreis mit Gehörlosen habe, ertappe ich mich manchmal dabei, auch bei nicht Gehörlosen mit großen Gesten zu operieren!
Wenn man Videos mit Ihnen bei Musikveranstaltungen ansieht, wirken Sie wie ein Musiker, während Sie dolmetschen!
Nein, ich bin kein Musiker. Aber wenn ich neben einer Band auf der Bühne stehe oder nahe der Bühne, dann will ich da natürlich nicht stocksteif sitzen wie bei einer Dienstbesprechung, sondern versuche, durch meine Bewegungen die Stimmung der Songs rüberzubringen. So ein bisschen muss man da auch Rampensau sein (lacht)!
Wie bereiten Sie sich auf eine Musikveranstaltung als Gebärdendolmetscher vor?
Die Vorbereitung auf ein Konzert ist sehr umfangreich. Ich lasse mir zwei Wochen vorher die Setliste mit den Songs zuschicken und arbeite sie durch, damit ich die Texte kenne. In einem Gespräch kann ich rückfragen, wenn ich etwas nicht verstanden habe, das geht auf der Bühne natürlich nicht.
Wieviel können Gehörlose denn bei Musikveranstaltungen wahrnehmen?
Unterschiedlich. Die meisten können den Beat spüren, manche haben ein Hörgerät und können die Melodie erkennen. Die Melodie kann ich mit Gebärden nicht darstellen, aber den Groove kann ich durch meine Körpersprache schon ganz gut umschreiben. Die Gebärden werden auch der Musik angepasst, werden schneller oder langsamer durchgeführt, um dem jeweiligen Song gerecht zu werden.
Wie könnten Sie zum Beispiel die hohen Kopfstimmen bei einem Bee-Gees-Song, wie er ja auch in Bedburg performt werden wird, darstellen?
Das ist schwierig, da werden die Grenzen der Gebärdensprache erreicht. Ich kann natürlich versuchen, mit meiner Mimik etwas herauszuholen.
Wie wichtig ist es, dass bei Musikveranstaltungen für Gehörlose gedolmetscht wird?
Natürlich wissen wir nicht, wie viele Gehörlose jeweils dabei sein werden. Aber es ist total wichtig, das Zeichen zu setzen: Auch wenn du gehörlos bist, kannst du an jeder Veranstaltung teilnehmen, bist willkommen und erhältst die Unterstützung, die du brauchst. Ich bekomme immer wieder sehr positives Feedback von Gehörlosen, aber auch von nicht tauben Menschen!
Die Musikmeile
Am Samstag, 5. September, feiert Bedburg bereits die 18. MusikMeile. Beim größten Musikfestival im Rhein-Erft-Kreis spielen von 19 bis 24 Uhr rund 20 Bands auf neun Bühnen. Im Mittelpunkt des diesjährigen Festivals steht die große Bee-Gees-Party auf der Hauptbühne am Schlossparkplatz, die gegen 21.15 Uhr startet.
Die Veranstalter weisen darauf hin, dass von Samstag, 5. September, 16 Uhr, bis Sonntag, 6. September, 3 Uhr, ein Glas-, Waffen-, Messer- und Cannabis-Verbot für die gesamte Bedburger Innenstadt gilt. Ab Samstagmorgen ist die Innenstadt für den Autoverkehr gesperrt. Fahrpläne für den Busverkehr gibt es im Internet.

