Der Kirchturm stand laut dem Kirchenvorstand schon, als der Grundstein für den Bau des Kölner Doms gelegt wurde.
Kirchturmsanierung in KierdorfWas hinter der Plane von St. Martinus in Erftstadt passiert

Wie es wohl hinter der Plane aussieht, fragen sich viele.
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„Das ist echter Römertuff“, schwärmt Architekt Philipp Ernst. Diese Steine seien vor mehr als 2000 Jahren von den Römern in der Eifel abgebaut und hier zum Turmbau nach Kierdorf gebracht worden. Dabei handele es sich um ein offenporiges Vulkangestein. „Diesen Römertuff gilt es nun so gut es geht zu erhalten, genauso wie die alten Fugen“, erklärt Ernst.
Der Römertuff ist etwas größer als die Ziegel, mit denen das Kirchenschiff der Kirche St. Martinus ummauert wurde. Philipp Ernst kennt sich aus. Er ist Experte auf dem Gebiet der Kirchensanierungen. Zurzeit kommt er fast täglich nach Kierdorf, um auf seiner Baustelle nach dem Rechten zu sehen. Der komplette Kirchturm ist seit März 2026 eingerüstet und in eine weiße Schutzhülle gepackt. „Die Hülle schützt vor Baulärm und Bauschmutz“, erklärt der Architekt.
Kierdorf: Arbeiten schreiten laut Architekt zügig voran
„Sie schützt aber auch vor Blicken“, merkt Renate Düsterwald an. Sie ist zweite Vorsitzende des Kirchenvorstands. Auch in ihrem Kopf dreht sich zurzeit fast alles um die Kirchturmsanierung. „Wir liegen gut in der Zeit“, sagt sie und Ernst bestätigt: „Die Arbeiten schreiten zügig voran.“
Derweil steigt bei den Dorfbewohnern mit jedem Tag die Spannung, wie ihr vertrauter Turm nach der Sanierung wohl aussehen wird. Die Schutzhülle verleiht ihrem Kirchturm zurzeit ein fast futuristisches Aussehen. Doch ein Blick hinter den „Vorhang“ offenbart bereits, dass der gut 23,20 Meter hohe Kirchturm nach der Restaurierung fast wieder so aussehen wird wie vorher – nur neuer und schöner.

Auch die Kirchenuhr verschwindet hinter einem Gerüst.
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Viele alte Steine, aber auch die Fugen konnten sogar restauriert und gerettet werden. „Etliche Fugen waren aber auch so marode, dass sie auseinanderfielen“, erläutert Düsterwalds Vorgänger Klaus Beinfohr. „In den 1960er-Jahren hat man viele solcher Bauwerke vor Vandalismus und Graffiti-Schmierereien schützen wollen und sie deshalb mit einem besonderen wasserabweisenden Schutzanstrich versehen“, berichtet Ernst. Das hätten jedoch weder die alten Fugen noch die alten Steine vertragen.
Dringenden Sanierungsbedarf auch auf dem Dach des Turms festgestellt
„Die Fugen platzten auf und die Oberfläche der Steine ließ sich bis zu einer Tiefe von drei Zentimetern regelrecht abkratzen“, beschreibt er die Problematik. Früher habe man es einfach nicht besser gewusst. „Heute werden solche Kostbarkeiten nicht mehr so einfach versiegelt“, erklärt er. Dringenden Sanierungsbedarf haben die Fachleute bei näherer Betrachtung im Mai 2026 dann auch auf dem Dach des Turms festgestellt.
Ebenfalls in den 1960er-Jahren seien die Kieferschindeln nämlich nicht alle mit witterungsbeständigen feuerverzinkten Nägeln befestigt worden oder mit Nägeln aus Edelstahl. „Viele Schindeln wurden mit einfachen Stahlnägeln festgenagelt und die rosten jetzt vor sich hin“, erklärt Ernst.

Marode Schindeln.
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Fachleute hätten erwähnt, dass die rostigen Nägel spätestens in fünf Jahren abbrechen. Und weil das Gerüst ohnehin bereits stand, hat man im Kirchenvorstand zügig entschieden, die Dachsanierung direkt mitzumachen. Schließlich weiß man ja auch dort um die Auswirkungen eines baufälligen und undichten Daches.
Familienfest zum Erntedank am 4. Oktober rund um die Kierdorfer Kirche
„Wenn das Dach des Kirchturms nicht mehr dicht ist, dann ist das gesamte Bauwerk darunter in Gefahr“, erklärt Ernst. Eigentum verpflichte. Das gelte auch für denkmalgeschützte Kirchen. Was einmal weg sei, sei für immer weg. „Umso wichtiger ist es, rechtzeitig zu handeln, um die alte Substanz auch für die nächsten Generationen zu erhalten“, erklärt er.

Architekt Philipp Ernst, Renate Düsterwald vom Kirchenvorstand und ihr Vorgänger im Amt, Klaus Beinfohr.
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Tatsächlich hat es mit dem Kierdorfer Kirchturm sogar eine ganz besondere Bewandtnis. „Er stand ja schon, als in Köln 1248 erst der Grundstein für den Bau des Kölner Doms gelegt wurde“, berichtet Düsterwald. Möglich sei, dass der Turm in Kierdorf zunächst als Wehrturm errichtet wurde. Aus alten Aufzeichnungen weiß sie aber, dass der Turm zwischen 1160 und 1170 aus Tuffstein im romanischen Baustil gebaut wurde. „Wegen seines biblischen Alters nennt unser Pastor ihn auch des Kölner Doms armer Vetter vom Lande“, verrät Düsterwald.
Und genau diesem „armen Vetter vom Lande“ wird auch das Familienfest zum Erntedank gewidmet, das am 4. Oktober rund um die Kierdorfer „Basilika“ gefeiert wird.
Der komplette Reinerlös soll der Kirchensanierung zugutekommen. Von den bisher veranschlagten Kosten in Höhe von über 800.000 Euro übernimmt das Erzbistum 80 Prozent. Der Denkmalschutz steuert weitere 50.000 Euro bei. Den Rest muss die Pfarrgemeinde selber zur Sanierung beitragen. Die Auflösung der Rücklagen der Pfarrgemeinde sei bereits genehmigt. „Wir freuen uns über jeden Cent“, sagt Düsterwald.
Eine Spezialaktion ist deswegen auch noch mit den Schieferdachschindeln geplant, die vom Turm runter müssen. „Sie können gegen eine kleine Spende erworben werden. Aktuell werde überlegt, ob sie mit Namen und einer persönlichen Anmerkung beschriftet und für spätere Generationen auf dem Dachboden des Kirchturms aufbewahrt beziehungsweise völlig analog „gespeichert“ werden sollen.
Die weiteren Arbeiten
Nach der Außensanierung des Kirchturms steht auch noch die Renovierung des Innenraums der Kirche inklusive eines neuen Innenanstrichs an. Die historische Schorn-Orgel muss darüber hinaus gereinigt werden, und es müssen neue elektrische Leitungen verlegt werden. Wann schließlich auch noch die Schiefereindeckungen des Kirchenschiffs erneuert werden muss, traut sich Düsterwald aktuell gar nicht zu prognostizieren. Sicher ist aber schon jetzt: „Viele Jahre werden wir diese Sanierung wohl auch nicht mehr vor uns herschieben können.“
Die Glocken im Kirchturm wurden während der Sanierung abgestellt. Die Gefahr schien zu groß, dass ihre Vibrationen den frischen Mörtel wieder aus den Fugen hauen könnten – oder dass es zu Rissen in den neuen Fugen kommen könnte. Bleiben noch die Turmfalken und Schleiereulen. Vor Baubeginn musste natürlich sichergestellt werden, dass die Brutkästen im Kirchturm noch nicht bezogen waren.
Nach der Bauzeit steht den Wildvögeln der Kirchturm aber wieder als „Kinderstube“ für die Aufzucht ihres Nachwuchses uneingeschränkt zur Verfügung. (mkl)
