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InterviewBestsellerautorin Tanja Kinkel kommt in die Stadtbücherei Frechen

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Bestsellerautorin Tanja Kinkel liest in der Stadtbücherei Frechen.

Bestsellerautorin Tanja Kinkel liest in der Stadtbücherei Frechen.

Über ihre Recherchearbeit, KI, Lion Feuchtwanger und den Zustand der Demokratie sprach die Autorin mit Markus Peters.

Erfolgsautorin Tanja Kinkel stellt am Mittwoch, 17. Juni,  in der Stadtbücherei Frechen ihr aktuelles Buch „Im Wind der Freiheit“ (Verlag Hoffmann & Campe) vor. Auf 480 Seiten erzählt sie die Geschichte der deutschen Revolution des Jahres 1848 aus der Perspektive zweier ungleicher Frauen; ein Aufstand, der zwar scheitert, aber bis in die Gegenwart Wirkung zeigt. Die Autorin machte aus diesem Stoff nicht nur einen fesselnden Historienroman, sondern auch ein überzeugendes Bekenntnis zur Demokratie. Mit Tanja Kinkel sprach Markus Peters.

In Ihrem Buch geht es um die Revolution von 1848; nicht unbedingt ein Thema, das sich heute sofort aufdrängt. Was hat Sie dazu gebracht, sich damit zu beschäftigen?

Tanja Kinkel: Ich finde durchaus, dass dieses Thema einen starken Gegenwartsbezug hat. Die Revolution von 1848 mag gescheitert sein, doch Teile der damals erarbeiteten Verfassung leben in unserem Grundgesetz weiter. Viele Persönlichkeiten – darunter meine Hauptfigur Luise Otto – fanden damals ihren politischen Anfang. Ein weiterer Grund war für mich besonders wichtig: Unter den Ursachen des Scheiterns gibt es ein Phänomen, das ich leider auch heute beobachten kann.

Im März 1848 gab es zunächst große Erfolge, doch bald begannen die demokratischen Kräfte, sich gegenseitig zu bekämpfen – nicht nur sachlich, sondern auch persönlich. Schließlich verhärteten sich die Fronten so sehr, dass eine Zusammenarbeit kaum noch möglich war. Diese Entwicklung half, die Gegenrevolution einzuleiten.

Sie haben einmal gesagt, 1848 sei eine Revolution, die von Frauen erkämpft wurde.

Nicht ausschließlich, aber Frauen spielten eine wichtige Rolle, die erst in den letzten Jahren wirklich sichtbar geworden ist. Inzwischen sind die Schriften der Revolutionärinnen und Revolutionäre wieder zugänglich und können im Original gelesen werden.

War 1848 die Geburtsstunde des deutschen Feminismus?

Es war auf jeden Fall eine entscheidende Stunde. Ohne 1848 wären viele der beteiligten Frauen nicht die geworden, die sie später wurden. Man kann sogar von internationalem Feminismus sprechen, denn einige Revolutionärinnen mussten ins Ausland emigrieren. Auch war es für die Frauen enorm wichtig, zu lernen, sich zu organisieren – und genau das geschah während der Revolutionszeit.

Wie sind Sie persönlich auf dieses Thema gekommen?

Da kamen mehrere Dinge zusammen. In den letzten Jahren erschienen hervorragende europäische Gesamtüberblicke über die Revolutionen von 1848. Außerdem hatte ich bei meinem Roman „Grimms Morde“ bereits mit der Zeit um 1848 zu tun, da Jakob Grimm Abgeordneter in der Frankfurter Nationalversammlung war. Durch meine regelmäßigen Besuche in der Paulskirche blieb mir das Thema ohnehin präsent. Als dann verstärkt neue Literatur erschien und Originalschriften leicht zugänglich wurden, wuchs in mir der Wunsch, diese Geschichte aus weiblicher Perspektive zu erzählen.

Sie haben zwei Protagonistinnen gewählt – eine historische und eine fiktive. Warum?

Die historische Figur Luise Otto ist gut dokumentiert. Ich wollte aber nicht nur über Arbeiterinnen schreiben, sondern auch aus ihrer Perspektive erzählen. Die Industrialisierung und die katastrophale Lage der arbeitenden Bevölkerung spielten 1848 eine große Rolle. Deshalb erfand ich Susanne, eine Arbeiterin, deren Lebensumstände historisch belegt sind. Die Gegensätze zwischen ihr und Luise Otto machen die Geschichte dramatischer und vielfältiger.

Wie lange dauerte Ihre Recherche?

Die Recherche dauert bei mir immer länger als das Schreiben. Für ein Buch brauche ich im Durchschnitt zwei Jahre – davon etwa eineinhalb Jahre für die Recherche.

Sie haben sich auch mit Lion Feuchtwanger intensiv beschäftigt. Wie hat sich das ergeben?

Während meines Studiums hielt ich ein Referat über Feuchtwangers „Jud Süß“. Das war mein erster Kontakt mit seinem Werk, und ich war sofort fasziniert. Ich las immer mehr, schrieb schließlich meine Dissertation über ihn und war Stipendiatin in der Villa Aurora. Später gründeten wir die Internationale Feuchtwanger-Gesellschaft, deren Präsidentin ich heute bin. Feuchtwanger ist keineswegs vergessen – seine Werke sind fast alle lieferbar und werden immer noch gut gelesen.

Wie sehen Sie die Bedeutung der Künstlichen Intelligenz (KI) für den Literaturbetrieb?

KI ist faszinierend und zugleich bedenklich. Ich glaube aber, dass kreative menschliche Köpfe unersetzlich bleiben – vielleicht ist das naiv, aber ich halte daran fest. Sollte KI jedoch Texte erzeugen, die von Autoren geschriebenen nicht mehr unterscheidbar sind, könnte das bedeuten, dass Autorinnen und Autoren stark unter Druck geraten. Ich sehe technische Entwicklungen aber nicht als linear; oft gibt es Gegenbewegungen.

Sehen Sie die Demokratie heute gefährdet?

Ja, ich glaube, wir dürfen die Demokratie nie für selbstverständlich halten. Ereignisse wie der Krieg in Bosnien oder politische Entwicklungen der letzten Jahre haben gezeigt, wie schnell Gewissheiten bröckeln. Gleichzeitig gibt es auch positive Überraschungen, etwa den unerwartet erfolgreichen Widerstand der Ukraine gegen die russische Invasion.

Was kann man tun, um die Demokratie zu schützen?

Man muss gar nicht abstrakt werden. Schon auf kommunaler Ebene sollte man demokratische Kräfte nicht dämonisieren. Wichtig ist, einander wieder als Menschen zu sehen, Unterschiede zu akzeptieren und dennoch sachlich zu bleiben.


Die Lesung

Tanja Kinkel liest am Mittwoch, 17. Juni, 19.30 Uhr, in der Stadtbücherei Frechen, Johann-Schmitz-Platz 1-3, aus ihrem Roman „Im Wind der Freiheit“. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der VHS Frechen statt, sie ist Teil des Semesterthemas „Alle gleich, oder“. Die Moderation übernehmen Bibliothekarin Jessica Stroetmann und VHS-Leiter Filip Dedeurwaerder-Haas, der Eintritt kostet 5 Euro. Eine Anmeldung ist erforderlich und unter 02234/5011334 oder online auf der Website der Stadtbücherei sowie bei der VHS Frechen möglich.

www.stadtbuecherei-frechen.de

Zur Person

Tanja Kinkel, geboren 1969 in Bamberg, studierte Germanistik, Theater- und Kommunikationswissenschaft und promovierte zu Lion Feuchtwanger. Neben anderen Werken veröffentlichte sie bislang 23 Romane, die in 15 Sprachen übersetzt sind und kommt dabei auf eine weltweite Gesamtauflage von über acht Millionen Exemplaren. Tanja Kinkel wurde mit mehreren Preisen und Auszeichnungen bedacht, zudem engagiert sie sich vielfältig ehrenamtlich.

Das Buch

Tanja Kinkel: Im Wind der Freiheit, Hoffmann & Campe Verlag, 480 Seiten, 26,00 Euro. ISBN: 978-3-455-01926-1.