AvatareKleiner Freund für schwerkranke Kinder in Frechen

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Auf dem Bild ist der Avatar und der Leiter des Gymnasiums sowie der Schuldezernent und eine Mitarbeiterin der Schulverwaltung zu sehen.

Björn Küper (l.), Schulleiter des Gymnasiums, Sabine Eisele von der Stadtverwaltung sowie Dezernent Andreas Pöttgen testeten den ersten Avatar, der erkrankten Kindern die Teilhabe am Unterricht ermöglichen soll.

Die Stadt Frechen hat zwei Präsenzroboter angeschafft, die kleinen Patienten die Verbindung zur Schule und Freunden ermöglichen sollen. 

Keine Tuscheleien im Unterricht mit der besten Freundin, keine Spiele auf dem Pausenhof, keine Trainings im Sportverein, keine Klassenausflüge, vor allem aber auch kein geregelter Schulalltag mit festen Unterrichtseinheiten – das Leben schwerkranker Kinder wird nicht nur durch die körperlichen oder seelischen Schmerzen oft unaushaltbar, sondern auch durch die Trennung von Schule, Freunden und dem ganz normalen Leben. Die Isolation führt schnell zu Einsamkeit und Resignation, der Genesungsprozess wird noch schwieriger.

Finanzierung durch Fördermittel aus dem Digitalpaket

In Frechen gibt es nun eine innovative Lösung zur Verbesserung der misslichen Situation – sie ist weiß, klein, leuchtet und kann sich sanft bewegen: Die Stadt hat zwei Präsenzroboter, Avatare A1, der norwegischen Firma „No Isolation“ angeschafft. Die pro Stück rund 5000 Euro teuren Avatare sollen langzeiterkrankten Kindern ermöglichen, den Kontakt zur Schule, zu Klassenkameraden und Freunden zu halten und auch mit dem Lernstoff Stand zu halten. Finanziert wurden sie mit Fördermitteln aus dem Digitalpaket.

Der Roboter kann seinen Kopf auf Wunsch bewegen

Der rund 30 Zentimeter hohe Roboter wird mithilfe einer App mit dem Laptop oder Smartphone des Patienten verbunden. Der Schüler zuhause sieht durch eine Kamera mit hoher Auflösung den Klassenraum, per Touchscreen kann die Kamera sogar so bewegt werden, dass sie den Bewegungen der Lehrer oder Mitschüler folgt – der Avatar wendet dann seinen Kopf in die jeweilige Richtung.

Auf dem Bild ist der Roboter im Einsatz zu sehen.

Die Roboter zeigen mit einem blauen Licht und geschlossenen Augen an, dass die kleinen Patienten eine Ruhepause benötigen.

Durch ein Mikrofon kann der erkrankte Schüler das Geschehen im Unterricht live verfolgen und sogar daran teilhaben. Will er sich selber melden, blinkt der Kopf des Avatars per Knopfdruck grün, die Stimme des Patienten ist dann im Klassenraum zu hören. Braucht er eine Ruhepause, weil der Unterricht noch zu anstrengend ist, kann er den Avatar auf ein blaues Leuchten einstellen – dies symbolisiert „Schlafen“. Und sogar die eigene aktuelle Stimmung kann der Klasse in der Ferne übermittelt werden: Die elektronischen Augen des Mini-Roboters können ein lachendes oder ein weinendes Gesicht anzeigen.

Der kleine Roboter kommt sogar mit auf Schulausflüge

Um den Kindern die größtmögliche Teilhabe zu ermöglichen, kann der kleine elektronische Freund nicht nur auf den angestammten Platz des Kindes gestellt und im Tagesverlauf mit in die Fachräume oder die Sporthalle genommen werden, er darf auch in einem Spezialrucksack mit auf Schulausflüge kommen – sofern der Patient dies möchte, ohne zu viel Sehnsucht nach dem Alltag zu entwickeln.

Die beiden Avatare sollen an allen zehn Schulen in Frechen eingesetzt werden

In Frechen sollen die beiden Avatare an allen zehn Schulen eingesetzt werden, gestartet wird voraussichtlich nach den Sommerferien mit einem Testlauf am Gymnasium. Auf der Schulleiterkonferenz wird dann auch über den Einsatz des zweiten Roboters entschieden. Frechen ist die erste Kommune, die die Avatare aus den Fördermitteln des Digitalpaketes bei der Bezirksregierung Köln beantragt hat.

Im Einsatz waren die Avatare im Rhein-Erft-Kreis bereits einmal 2019 in Bedburg. Die damals 16-jährige Lea konnte so während ihrer monatelangen Lymphdrüsenkrebs-Behandlung auf Initiative ihrer Lehrerinnen dem Unterricht folgen.

Wenn Kinder nicht Teil ihres sozialen Umfelds sind, verpassen sie wichtige und prägende Momente im Schulalltag.
Karen Dolva, Gründerin von "No Isolation"

„Wenn Kinder nicht Teil ihres sozialen Umfelds sind, verpassen sie wichtige und prägende Momente im Schulalltag. Die Entwicklung sprachlicher und sozialer Fähigkeiten sind ebenso wichtig, wie die Einhaltung des Lehrplans“, bestätigt auch Karen Dolva, die das Unternehmen „No Isolation“ gegründet hat. Ausschlaggebend für sie war ein Treffen mit einer Mutter, deren Tochter an Krebs gestorben war. Sie berichtete damals, dass ihr Kind durch die Trennung von der Schule unter schwerer Einsamkeit gelitten habe.

In Frechen testeten der Leiter des Gymnasiums, Björn Küper, Dezernent Andreas Pöttgen und Sabine Eisele von der Schulverwaltung gestern den kleinen Helfer. Bei aller Begeisterung war für alle Drei aber auch klar: „Es kann nur eine Überbrückungshilfe sein, Ziel ist, dass die Kinder so schnell wie möglich wieder in Präsenz unterrichtet werden können.“


Das Unternehmen „No Isolation“ wurde 2015 von Karen Doleva in Norwegen gegründet. In monatelanger Forschungsarbeit wurde der Avatar AV1 entwickelt. Kinder, Lehrkräfte, Wissenschaftler und die St. Olav Hospital School halfen bei der Entwicklung, die die Einsamkeit von langzeiterkrankten Kindern mildern soll. Doleva erhielt zahlreiche Gründer- und Innovationspreise in Norwegen. Heute arbeitet die Firma mit über 600 renommierten Wohltätigkeitsorganisationen, Universitäten, Schulen und Krankenhäusern zusammen. In 17 Ländern in ganz Europa gibt es über 3000 Avatare A1, die bereits mehr als 100 000 Schultage begleiteten . (aj)

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