Das Tempolimit auf der Frechener Straße nur auf 50 km/h sinken. Der Unfall mit zwei Toten sei auf „menschliches Versagen“ zurückzuführen.
Statt Tempo 50Eltern der Opfer fordern weiterhin Tempo 30 an Unfallstelle in Hürth

Mehrere Hundert Menschen nahmen im Sommer 2025 in Hürth an der Mahnwache für die beiden Menschen teil, die bei dem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren. Auf einem Schild war auch die Forderung nach Tempo 30 zu sehen.
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Jeder Tag ist schwer. Seit dem 4. Juni 2025 ist für die Familien Vala in Hürth und Jochim in Königswinter nichts, wie es früher einmal gewesen ist. Noch einmal schwerer war es für sie zuletzt an den Tagen, an denen Familien zusammenkamen, um gemeinsam Weihnachten zu feiern oder wenige Tage später mit einem Glas Sekt anzustoßen, das neue Jahr zu begrüßen und einander alles Gute wünschen.
Doch wie gut kann dieses Jahr 2026 für Valas und Jochims werden?
Sie haben an jenem verhängnisvollen Juni-Tag ein Kind verloren: Die Grundschülerin Avin war zehn Jahre alt, der Schulbegleiter Luis 25. Beide starben wenige Tage, nachdem ein 20-Jähriger eine rote Ampel missachtet hatte und mit seinem BMW in Hürth in eine Schülergruppe gefahren war, im Krankenhaus.
Ich glaube, niemand, der es nicht selbst erlebt hat, kann sich vorstellen, wie es ist ein Kind zu verlieren
„Die Situation ist für unsere Familie derzeit leider sehr schwierig. Wir erleben viele Dinge zum ersten Mal ohne unsere Tochter, und das ist alles andere als leicht“, sagt Amir Vala im Gespräch mit dieser Redaktion. Auch Marcus Jochim findet ein halbes Jahr, nachdem sich das Leben seiner Familie von jetzt auf gleich so schmerzhaft verändert hat, klare Worte: „Ich glaube, niemand, der es nicht selbst erlebt hat, kann sich vorstellen, wie es ist, ein Kind zu verlieren. Und das nur, weil auf ganzer Linie versagt wurde. Das Leben ist definitiv nicht gerecht.“
Die strafrechtliche Aufarbeitung des Geschehens wird in diesem Jahr erfolgen – die Staatsanwaltschaft wirft dem BMW-Fahrer fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vor. Zudem soll die Frechener Straße für Fußgänger und Radfahrer sicherer werden – und nicht nur an der Unfallsstelle. Im Dezember hat ein Experte des Landesbetriebs Straßenbau den Politikerinnen und Politikern in Hürth angekündigt, dass das Tempo von 70 auf 50 km/h reduziert werden soll.
Wobei er deutlich machte, dass es sich bei der Frechener Straße um keinen Unfallschwerpunkt handele und der Unfall auf „menschliches Versagen“ des Verursachers zurückzuführen sei. Die Einführung von Tempo 50 sei rein präventiv und diene „der Beruhigung des Verkehrs“.

Polizisten sicherten die Unfallstelle nach dem verheerenden Zusammenstoß.
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Diese Erklärung greift für Marcus Jochim, den Vater des getöteten Luis, zu kurz. Es sei zwar unstrittig, dass ein Mensch „versagt" habe, da er ohne Rücksicht auf Verluste Gas gegeben habe und ungebremst über eine seit vier Sekunden – „21, 22, 23, 24“ – rote Ampel gefahren sei und billigend in Kauf genommen habe, anderer Verkehrsteilnehmer zu gefährden. Aus Jochims Sicht handele es sich aber auch um amtliches Versagen und ein gesellschaftliches Versagen.
Amtliches Versagen sieht er darin, „da wir Aussagen von Anwohnern und Verantwortlichen gelesen haben, dass schon vor 30 Jahren das Überqueren der Frechener Straße gefährlich war und schon mehrfach Menschen zu Schaden kamen oder getötet wurden“. Jochim versteht nicht, weshalb die Verantwortlichen bei den Behörden nicht früher schon deutliche Schritte umgesetzt haben. „Dann würde unser Sohn vermutlich noch leben, und es wäre sehr viel Leid erspart geblieben, ein geliebter und extrem sozialer Mensch, eine gute Seele dürfte weiter positiven Einfluss auf die Kinder und damit die Gesellschaft von morgen nehmen.“

Ein Foto aus glücklichen Tagen: Amir Vala mit seiner Tochter Avin.
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Die Gesellschaft wiederum habe versagt, weil der Fahrer schon früh straffällig geworden sei und „mit einer entsprechenden Härte des Gesetzes und der Durchsetzung die Chance bekommen hätte, durch Coachings oder Bootcamp zu einem rechtschaffenen Menschen zu werden“. Der 20-Jährige war wegen verschiedener Verkehrsdelikte einschlägig vorbestraft. Alle Strafen waren zur Bewährung ausgesetzt worden – zuletzt vom Amtsgericht Brühl im April 2025, wenige Wochen vor dem tragischen Unfall.
Ob ein Tempolimit von 50 km/h die Straße sicherer mache, bezweifelt Jochim. Wenn diese Beschränkung nicht mit weiteren Maßnahmen wie fest installierten Blitzern sowohl an den Ampeln als auch auf der Strecke dazwischen durchgesetzt werde, sei es am Ende eine Maßnahme ohne Wirkung. Er ist sicher: „Bei einer eingehaltenen Geschwindigkeitsbegrenzung bei 30 km/h wäre dieser Unfall nie zustande gekommen, oder unser Sohn Luis hätte zumindest eine Chance gehabt, Avin und sich selbst zu retten. In jedem Fall wären aber die Verletzungen vermutlich nicht tödlich ausgefallen.“

Die Mediziner Ingo Benz und Zeynep Fuchs hatten unmittelbar nach dem Unfall eine Petition auf den Weg gebracht, damit in Hürth künftig Tempo 30 gilt.
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Laut Staatsanwaltschaft hatten verkehrstechnische Untersuchungen ergeben, dass der BMW mit einer Geschwindigkeit zwischen 54 und 57 km/h in gewesen ist.
Amir Vala indes hofft, dass „jede getroffene Entscheidung zur Sicherheit im Viertel und für alle Verkehrsteilnehmenden beiträgt“. Ob Tempo 50 die richtige Entscheidung ist, könne er nicht beurteilen. Er sei kein Verkehrsexperte.
Kritik an der beabsichtigten Temporeduzierung äußern Kinderärztin Zeynep Fuchs und Radiologe Ingo Benz. „Können wir einem Gutachter vertrauen, der keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Höhe der Geschwindigkeit und der Schwere eines Unfalls sieht?“, fragen die Mediziner. Wie für Marcus Jochim steht auch für sie fest: „Bei Tempo 30 wäre dieser Unfall nicht passiert, dann würden Avin und Luis noch leben.“
Es sei erwiesen, dass ein Fahrzeug, das bei Tempo 70 eine Vollbremsung einleite, unter idealen Bedingungen erst nach mehr als 45 Metern zum Stehen komme. Ein Auto, das hingegen bei Tempo 30 abgebremst werde, stehe bereits nach 13,5 Metern. Und mit Blick auf die in den vergangenen Jahren vier Menschen, die auf verschiedenen Abschnitten der Frechener Straße ums Leben gekommen sind, möchte Benz wissen: „Wie viele Menschen müssen verletzt und getötet werden, bis ein Gutachten die Gefährlichkeit dieser veralteten Verkehrsführung bestätigt?“ Fuchs ergänzt: „Es geht doch hier um unser aller Kinder.“

Familie Jochim hat 2025 die Luis Paulo Stiftung gegründet.
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Unmittelbar nach dem Unfall hatten Benz und Fuchs eine Online-Petition gestartet, um sich für Tempo 30 auf der Frechener Straße einzusetzen. Mehr als 10.300 Menschen haben unterschrieben. Daran halten die beiden Hürther fest. Tempo 50 sei keine Option. Denn auch nach einer Vollbremsung bei Tempo 50 stehe der Wagen bei optimalen Bedingungen erst nach rund 27 Metern. „Das ist nahezu der doppelte Bremsweg wie bei Tempo 30“, erklärt Fuchs.
Die beiden Mediziner gehen mit ihrem Vorstoß noch weiter: „Für die Sicherheit und das Leben unserer Kinder sollten wir umdenken.“ Das Tempolimit sollte in Deutschland innerorts generell auf allen Haupt- und Nebenstraßen auf 30 km/h reduziert werden. Dies sei in vielen anderen europäischen Ländern längst die Praxis.

