Meike Haas unterstützt Lehrkräfte, Erzieher und Schüler durch Workshops zum Stressmanagement.
WorkshopsStudienrätin aus Hürth hilft Lehrkräften und Schülern aus dem Stress

Meike Haas aus Hürth leitet Stressmanagementkurse an Schulen, in Kindergärten und online.
Copyright: Beate Schwarz
Nach einem Burnout hat Meike Haas ihr Leben verändert. Die Studienrätin aus Hürth gab ihre Stelle an einer Schule auf. Heute coacht sie vor allem Lehrkräfte, damit sie „im Schulalltag gesund und handlungsfähig bleiben“, wie sie sagt. Beate Schwarz sprach mit Meike Haas über Stressoren sowie darüber, was sich in Schulen ändern sollte und was Lehrende, Kitakräfte und Schülerinnen und Schüler in ihren Workshops lernen können.
Frau Haas, Sie hatten vor einigen Jahren einen Burnout. Wie kam es dazu?
Ich war begeisterte Lehrerin und Mutter, beruflich und privat sehr leistungsorientiert. In der Freizeit fuhr ich zum Beispiel viel Rennrad. Der Stress wurde immer stärker, die Anforderungen immer größer, und ich habe mich selbst unter Druck gesetzt. Ich hatte ständig Kopfschmerzen und war müde. Eines Morgens ging gar nichts mehr. Ich konnte nicht aufstehen und wusste nicht, wie ich meine Kinder zum Kindergarten bringen sollte. Ich habe mich schließlich selbst in eine Burnout-Klinik eingewiesen. Sechs Monate lang konnte ich nicht zur Schule gehen.
Erleiden Lehrkräfte besonders häufig einen Burnout?
Ja, laut einer aktuellen Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hamburg ist fast jede fünfte Lehrkraft gefährdet, an Burnout zu erkranken.
Was macht den Berufsalltag so anstrengend?
Als Lehrkraft ist man den ganzen Tag mit vielen sehr unterschiedlichen Menschen zusammen. Viele Lehrende sehen im Laufe einer Woche fünf bis zehn Klassen, das sind dann oft an die 300 Schüler. Man ist vielen Reizen ausgesetzt, es ist laut, auch in den Pausen gibt es kaum Ruhe, keine Rückzugsräume. Und zu Hause geht es ja weiter. Mit der Korrektur von Klausuren, mit Unterrichtsvorbereitung, mit Berichten. Es ist eine riesige Herausforderung, allen Anforderungen und allen Menschen gerecht werden zu wollen – und auch den eigenen Ansprüchen.
Ist eine Grundschullehrerin anders belastet als eine Gymnasial- oder Berufsschullehrerin?
In der Grundschule ist die emotionale Verantwortung besonders hoch. An weiterführenden Schulen ist der Leistungsdruck groß, denn es geht um den Abschluss der Schüler und ihre Chancen im künftigen Berufsleben. In der Berufsschule gibt es häufig Probleme, weil Schüler schwer zu motivieren sind oder gar nicht kommen.
Gibt es gemeinsame Belastungen?
Ja, über alle Schulformen und Altersstufen hinweg ist es vor allem herausforderndes Verhalten von Schülerinnen und Schülern. Außerdem haben es die Lehrenden mit deutlich weniger homogen zusammengesetzten Gruppen zu tun als früher. Das Entscheidende sind aber die großen systemischen Probleme.
Was meinen Sie mit „systemische Probleme“?
Wir haben zu wenige Lehrkräfte, die Klassen sind zu groß, es braucht mehr multifunktionale Teams, also die Begleitung etwa durch Sozialpädagogen. Auch die Lehrpläne müssten entschlackt werden.
Warum kommt die eine Lehrkraft gut durch den Alltag, die andere nicht?
Ganz wichtig ist die Situation in der Schule, etwa: Wie ist die Führungskultur? Wie sind die Beziehungen im Kollegium? Und es liegt natürlich auch an den individuellen Voraussetzungen. Viele Lehrende oder Erzieherinnen und Erzieher können sich schlecht abgrenzen, übernehmen viel Verantwortung und können zu Hause nicht abschalten.
Kann innerhalb einer Schule mehr Erholung geschaffen werden?
Ja, einige Schulen haben Pausenräume für Schüler und Lehrkräfte eingerichtet, in denen nicht gesprochen wird. Sie bieten Workshops zum Stressmanagement an oder Yogakurse. Sie schaffen eine Atmosphäre, die offen ist für Vorschläge und Verbesserungen.
In Ihren Workshops in Schulen oder Kindergärten geht es um Stressmanagement. Was können Sie binnen weniger Stunden vermitteln?
Ich erläutere auf Nervensystemebene, was bei Stress im Körper passiert, wie man ihn spürt. Die normale Überlebensreaktion auf Stress ist Flucht oder Angriff. Beides ist wenig hilfreich, wenn man vor einer Gruppe steht oder von einer Schülerin herausgefordert wird. Die Teilnehmenden setzen sich in den Workshops damit auseinander, wo ihre persönlichen Grenzen sind, und sie bekommen Impulse für ihren Alltag. Sie lernen und üben, aufkommenden Stress zu erkennen und zu regulieren. Sie können dann bewusster und souveräner agieren. Das stärkt letztlich ihr Selbstbewusstsein.
Sie bieten auch Onlineworkshops an, die Lehrkräfte selbst zahlen.
Ja, die Onlinekurse gehen über mehrere Einheiten, oft über Monate. Wir tauschen uns immer wieder aus über Entwicklungen und über Erfahrungen mit einzelnen Übungen. Zwischen den Teilnehmenden entstehen oft tiefe Freundschaften.
Sie sagen, dass körperliche Bewegung wichtig ist gegen Stress.
Sehr sogar. Ich habe selbst erlebt, wie schnell Atemübungen, Yoga oder wenige Minuten Bewegung das Nervensystem in Balance bringen können. Viele Lehrkräfte setzen das nicht nur für sich ein, sondern im Unterricht, machen Atemübungen oder Bewegungspausen. Danach sind sie selbst und auch die Schülerinnen und Schüler entspannter und konzentrierter.
Finden Schülerinnen und Schüler solche Übungen nicht albern?
Das kommt ein bisschen aufs Alter an. In Workshops mit Schülerinnen und Schülern weiterführender Schulen wird tatsächlich viel gelacht. Aber in der Regel sagen alle am Ende: Wow, ich fühle mich viel besser!
