Spiele in ParisHürther Olympionikin verzichtet auf Profivertrag – und fährt mit ihrem alten Rad

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24.05.2024 Köln. 
Interview mit Radrennfahrerin Mieke Kröger. Als Bahnradfahrerin fährt sie zu den olympischen Spielen. Foto: Alexander Schwaiger

Latzhose und Sandalen trug Mieke Kröger nur beim Fototermin, das Rad aber ist auch bei Rennen vor Olympia im Einsatz.

Vor der Saison stand die Olympiasiegerin, Welt- und Europameisterin ohne Straßen-Rennrad da. Von ihrem Weg ist die Sportlerin überzeugt.

Ihre dritten Olympischen Spiele geht Radrennfahrerin Mieke Kröger anders an. Vor Rio 2016 und Tokio 2021 war sie Teil einer Profimannschaft, bestritt in der Vorbereitung also neben dem Bahn-Training mit der Nationalmannschaft regelmäßig Straßenrennen im Auftrag ihres Arbeitgebers. Vor Paris will sich die 30-Jährige ohne großes Profidrumherum fit machen. Sie hat für die aktuelle Saison keinen neuen Profivertrag unterzeichnet, obwohl sie als Olympiasiegerin, Weltmeisterin und Europameisterin mit ausgewiesenen Zeitfahrqualitäten sicher mit Kusshand eingestellt worden wäre.

Die Zahlen sind gut. Und die Stimmung ist es auch

Der Mieke-Kröger-Weg hat Vorteile. „Ich bin mehr bei mir, es geht mir besser“, sagt Mieke Kröger: „Ich kann mir die Zeit, die ich für mich brauche, nehmen.“ Dass die Form trotzdem stimmt, verraten ihr die Zahlen. Jene auf der Waage zum Beispiel, da kann sie sehen, dass sie seit Anfang des Jahres sieben Kilogramm an Gewicht verloren hat. Und jene auf ihrem Bordcomputer, der alles Mögliche messen kann, vor allem aber Zahlen zu ihrer getretenen Leistung und der dazugehörigen Herzfrequenz anzeigt. „Diese Daten über mich gibt es seit 2010“, sagt Kröger. „Ich weiß, welche Zahlen gut sind und welche nicht.“

Aktuell sind die Zahlen gut. Und die Stimmung ist es auch. Ein weiterer Vorteil ihres eigenen Weges ist, dass Mieke Kröger sich aussuchen kann, bei welchen Rennen sie ihre Form testet. Ganz ohne den Druck, für einen Geldgeber abliefern zu müssen. Also wählt Kröger Veranstaltungen in der Region, zu denen sie von ihrer Wohnung in Hürth per Fahrrad an- und wieder abreisen kann. Die Rennen über 40 bis 50 Kilometer bettet sie also ein in eine Trainingsfahrt. „Dann ist man fritte danach“, sagt Kröger. Aber glücklich.

Der Mieke-Kröger-Weg hat aber auch einen Nachteil

Denn natürlich ist die Olympiasiegerin, die so nahbar bei kleineren Rundstrecken-Rennen auftaucht, eine gern gesehene Starterin. Ein Plausch mit alten Bekannten hier, eine Pommes nach dem Rennen dort. „Die freuen sich immer alle, wenn ich komme“, wundert sich Kröger: „Dabei fahre ich ja nach einiger Zeit immer eine Attacke und dann allein vorneweg.“ Nur einmal, als es in Longerich bei Zwischensprints um Punkte ging, wurde sie punktgleich mit der Ersten Zweite. Kröger kann lange sehr schnell fahren, aber Sprints sind nichts für die 1,83 Meter lange Radrennfahrerin.

Einen Nachteil hat der Mieke-Kröger-Weg allerdings auch. Sie stand vor der Saison ohne Straßen-Rennrad da. Denn das hatte sie in den vergangenen Jahren ja immer von ihrem jeweiligen Profiteam gestellt bekommen. Also hat Kröger ihr „Schätzchen“ hervorgeholt, so nennt sie ihr Dunkelblau, Weinrot und Gold lackiertes Rad, das etwas unscheinbar daherkommt im Vergleich zu einem Sponsoren-Straßenrad. Dafür hat das „Schätzchen“ eine beeindruckende Geschichte: Mieke Kröger hat den Stahlrahmen 2018 in einem Kurs bei Rahmenbau-Legende Christian Pyttel selbst gebaut.

24.05.2024 Köln. 
Interview mit Radrennfahrerin Mieke Kröger. Als Bahnradfahrerin fährt sie zu den olympischen Spielen. Foto: Alexander Schwaiger

Den Rahmen hat Mieke Kröger 2018 selbst gebaut.

Dass sie damit 2024 Rennen fahren würde, war nicht unbedingt geplant. Da aber kein namhafter Hersteller der Olympiasiegerin ohne Profiteam ein Rad zur Verfügung stellen wollte, hat sich Kröger mit ihrem „Schätzchen“ arrangiert. „Es ist witzig, mit so einem Rad Rennen zu fahren“, sagt sie. Und zur vergeblichen Suche nach einem Radsponsor: „Ich hatte mir das einfacher vorgestellt. Aber man muss wohl besser sein im sich selbst vermarkten als ich es bin.“ Abhilfe ist immerhin in Sicht. Der kleine Radhersteller „Cantina“ hat Kröger ein Gravelbike für Touren abseits asphaltierter Straßen zur Verfügung gestellt und wird ihr nun auch noch ein Straßenrad liefern.

Der Mieke-Kröger-Weg ist anders in diesem Jahr, aber der Radrennfahrerin geht es gut damit. Sie hat die Olympischen Spiele in Paris fest im Blick, die Titelverteidigung in der Mannschaftsverfolgung ist das Ziel. Und um einen der beiden deutschen Startplätze im Zeitfahren auf der Straße kämpft Kröger auch noch.


Mieke Kröger (* 18. Juli 1993 in Bielefeld) ist eine deutsche Radrennfahrerin, sie lebt in Hürth. 2021 wurde sie Olympiasiegerin, Weltmeisterin und Europameisterin in der Mannschaftsverfolgung auf der Bahn sowie Weltmeisterin in der Mixed-Staffel auf der Straße. Im selben Jahr wurde der deutsche Bahn-Vierer mit Kröger, Lisa Brennauer, Franziska Brauße und Lisa Klein zur Mannschaft des Jahres gekürt. Brennauer hat ihre Karriere inzwischen beendet, ist Mutter geworden und ist als U-23-Nationaltrainerin aktiv; die drei anderen wollen den Titel von Tokio im Sommer bei den Olympischen Spielen in Paris verteidigen. Neu im Team ist Laura Süßemilch.

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