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StromversorgungIHK fürchtet um die Energiesicherheit in Rhein-Erft

Lesezeit 4 Minuten
Auf einem Feld stehen zwei Strommasten, einer davon nur halb fertig, dahinter ein Bagger.

Bewölkt bis düster: Ohne eine dauerhaft stabile Stromversorgung werde der Kreis für Unternehmen nicht attraktiv sein, fürchtet die IHK.

Der Leiter der IHK-Geschäftsstelle Gero Fürstenberg mit seiner Einschätzung für den Rhein-Erft-Kreis.

Über Erwartungen und Perspektiven der Wirtschaft mit Blick auf den Strukturwandel im Kreis sprach Gero Fürstenberg, Leiter der Geschäftsstelle Rhein-Erft der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Köln, mit Johanna Tüntsch.

Herr Fürstenberg, Sie machen sich Sorgen um die Energiesicherheit. Warum?

Den derzeit acht Gigawatt aus fossiler Energie stehen ab 2030 geplante vier Gigawatt aus Gaskraftwerken, Wind- und Photovoltaikanlagen gegenüber. Die Pläne der Landesregierung weisen demnach ein Defizit auf. Der Energiebedarf steigt dabei stetig, weil wir zukünftig auch mit Strom fahren werden und weil die Industrie viele Prozesse weg von fossilen Brennstoffen, hin zu elektrischen Lösungen bringen wird. Probleme bei der Versorgungssicherheit haben Folgen: Wenn zum Beispiel Kunststoff im Kessel erkaltet, wird er fest und die Anlage geht kaputt. Wenn das zweimal passiert, baut man sie beim zweiten Mal vermutlich nicht wieder am gleichen Standort auf. Dann gehen die Unternehmen vielleicht nach China, wo man sich um die Herkunft des Stromes keine Sorgen macht.

Die Unternehmen beklagen Fachkräftemangel, gleichzeitig entstehen neue Gewerbegebiete. Macht das Sinn?

Auf den ersten Blick ist der Fachkräftemangel ein stichhaltiges Argument gegen neue Gewerbegebiete, aber die Wahrheit ist: Wir spüren den Strukturwandel noch gar nicht. Aktuell laufen die Kraftwerke und der Kohleabbau noch. Das wird sich 2030 ändern. Allein in der Braunkohleverstromung werden voraussichtlich bis zu 18.000 Arbeitsplätze direkt betroffen            sein. Dahinter hängen Wertschöpfungsketten und vor allem Unternehmen, die als energieintensiv gelten. Alles in allem sprechen wir von einem Potenzial von 90.000 Arbeitsplätzen im gesamten Revier, die vom Strukturwandel betroffen sein werden. Deshalb braucht das Rheinische Revier Unternehmen, die bereit sind, zu investieren. Dafür brauchen wir Fläche. Nicht nur Gewerbe-, sondern auch Industriefläche. Natürlich sprechen wir von nachhaltigen, emissionsarmen Technologien.

Wie kann die Politik den Strukturwandel unterstützen?

Ende 2024 sollte ein neuer Regionalplan vorliegen, nun verzögert sich das wohl bis 2025. Aus diesem müssen anschließend die Kommunen ihre Flächennutzungspläne ableiten. Sportlich geschätzt, kann das zwei bis drei Jahre dauern. Parallel dazu kann schon der Bebauungsplan geschrieben werden – aber erst, wenn der vorliegt, können Unternehmen Bauanträge stellen. Um 2030 erschlossene Grundstücke bebauen zu wollen, ist es jetzt schon fast zu spät. Was nicht heute schon geplant ist, wird wohl 2030 nicht da sein. Eine Beschleunigungsmöglichkeit wäre es, den derzeitigen Regionalplan zu ändern, statt nur auf den neuen zu warten.

Geht es dem Einzelhandel im Kreis besser als der Industrie?

Die Zentren stehen überall unter Druck. Viele Geschäfte werden nur noch aus Leidenschaft von Inhabern fortgeführt. Nach Berücksichtigung ihres eigenen Unternehmerlohns und bei Verzicht auf Miete in der eigenen Immobilie sind viele Einzelhändler längst in den roten Zahlen. Für Neueinsteiger lohnt sich eine solche Perspektive oftmals nicht. Eine politische Aufgabe für die Zukunft wird die intensive Kommunikation mit den Einzelhändlern sein. Derzeit werden sie bestenfalls angehört, umgesetzt werden ihre Ideen aber selten.

Für die Innenstädte hat der Nahverkehr Rheinland die Vision autofreier Zonen. Wie stehen Sie dazu?

Wenn ein relevanter Teil der Kunden nicht aus der direkten Nachbarschaft, sondern beispielsweise aus der Voreifel kommt, kann die Antwort nicht sein, dass man ihnen die Anreise mit dem Zug empfiehlt – den gibt es nämlich dort, wo sie herkommen, meistens nicht. Das Ideal einer autofreien Innenstadt wird dann realitätsnah, wenn die Städte Parkraum schaffen und diesen mit der City bestens anbinden. Wo das nicht passiert, wird die Kundenfrequenz sicher nicht höher, wenn man Parkplätze abschafft. Wenn es dem Kunden schwerer bzw. unbequemer gemacht wird, in die Stadt zu kommen, gibt es im Internet ausreichend Anbieter, die nur auf die nächste Bestellung warten.

Sind angesichts der Wohnungsnot Geschäfte in den Innenstädten noch zeitgemäß, wenn viele Verbraucher ohnehin lieber online einkaufen? Die Flächen ließen sich in Wohnraum umwandeln.

Die Gesellschaft muss sich darauf einigen, welches Modell sie haben will. Meine Erfahrung ist: Wo Wohnen und Handel kombiniert werden, fühlen Menschen sich zu Hause. Das ist in reinen Schlafstädten anders. Das wiederum hat Auswirkungen auf Vereinsstrukturen, auf die Dorf- oder Stadtgemeinschaft, die Politik – auf alle Ebenen, auf denen es Ehrenamt gibt.

Vieles, was Sie kritisieren, resultiert aus dem Bestreben, die Zukunft nachhaltig zu gestalten. Wie stehen Sie zu diesem Argument?

Auch wir haben uns der Nachhaltigkeit verschrieben, sehen aber einen anderen Weg zu diesem Ziel. Nachhaltig für das Klima zu wirken, geht nur mit der Wirtschaft, mit der Industrie. Solarpanel, Wärmepumpe und Windenergieanlagen etc. müssen ja produziert werden. Die Frage, die ich mir da stelle: Wollen wir die Technologien der Zukunft bei uns herstellen, oder wollen wir das anderen überlassen?

Gibt es etwas, das Ihnen Mut macht – trotz der Herausforderungen, mit denen Sie täglich konfrontiert sind?

Wir haben eine starke Region mit sehr einfallsreichen Unternehmern, die sich engagieren. In diesem Bereich liegt die größte Chance. Von der Unternehmensseite her bringen wir alles mit, der Rest muss jetzt von Verwaltung und Politik kommen.

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