Abo

Feuerwehr KerpenDie Lebensretter der Lebensretter

3 min
Das Bild zeigt Feuerwehrmänner mit Atemschutzmasken, die einen Kollegen retten.

Bevor der verletzte Kollege an neue Atemluft kommt und auf die Trage gelegte wird, untersuchen ihn die Retter noch auf weitere Verletzungen.

Wenn Feuerwehrleute bei einem Einsatz selbst in Not geraten, kommt die neue ANTS-Staffel zum Einsatz

„Mayday, Mayday, Mayday. Einsatzleiter von Angriffstrupp kommen. Mein Truppführer ist umgekippt und nicht ansprechbar. Folgt dem Schlauch, dann findet ihr uns. Mayday, Mayday, Mayday“, schallt es aus dem Funkgerät von Staffelführer Arno Wichterich. Die Feuerwehrfrau Angelina Oparnica meldet den Zusammenbruch ihres Kollegen Kai Faust, mit dem sie unter Atemschutz in einem verrauchten Gebäude zum Löscheinsatz unterwegs ist. Die Zeit drängt, der Luftvorrat für den ohnmächtigen Feuerwehrmann reicht vielleicht nur noch für fünf bis zehn Minuten. Es droht Lebensgefahr, wenn er nicht schleunigst herausgeholt wird. Genau das tun vier Feuerwehrleute aus der ANTS-Staffel.

Durch den Qualm am gelben Feuerwehrschlauch entlang

Sie stehen in voller Montur in Bereitschaft, stöpseln die Schläuche in ihre Atemschutzmasken, schalten die Lungenmaschine ein und robben mit einer Hartschalentrage durch den Qualm am gelben Feuerwehrschlauch entlang. Einmal gefunden, versorgen sie den Ohnmächtigen mit Luft aus einer frisch befüllten Atemflasche. Weil es bei einem Kreislaufkollaps zum Erbrechen kommen kann, stülpen sie dem Verletzten dazu eine flexible, tütenartige „Rescue Maske“ mit Sichtfenster über den Kopf, schnallen ihn auf die Trage und bringen ihn und seine Kollegin auf schnellstem Weg ins Freie.

Dort wartet im Ernstfall schon ein Rettungsdienstler zur Versorgung des Feuerwehrmanns. Zum Glück handelt es sich an diesem Tag nur um eine Übung im Feuerwehrgerätehaus Sindorf. Der völlig unschädliche Rauch kommt aus einer handelsüblichen Nebelmaschine. ANTS steht für Atemschutz-Notfall-Trainierte-Staffel. Das ist eine Spezialstaffel für die Rettung von Feuerwehrleuten, die selbst bei einem Brandeinsatz in Not geraten sind und dabei Atemschutz-Ausrüstung tragen, erläutert Staffelleiter Markus Nattmann – die Retter der Retter sozusagen.

Das Bild zeigt Feuerwehrkräfte bei der Übung.

In voller Montur steht die sechsköpfige ANTS-Staffel zur Rettung von Feuerwehrleuten aus Notfällen bereit.

Nach dreizehn Monaten Ausbildung mit zusätzlichen 60 Stunden zum ehrenamtlichen Feuerwehrdienst haben 30 Freiwillige der Löschzüge Sindorf und Türnich die erste Staffel dieser Art im Kreisgebiet gebildet. Unabhängig voneinander hätten beide Löschzüge schon vor Corona Konzepte für eine solche Staffel entwickelt, seien durch die Pandemie aber ausgebremst worden. Das berichten der Staffelleiter, der auch Löschzugführer der Sindorfer Wehr ist, zusammen mit seinen Staffel-Stellvertretern, Manuel Heyn, der stellvertretende Löschzugführer der Wehr in Türnich/ Balkhausen, und Oliver Wilkens als stellvertretender Löschzugführer in Sindorf. Ein Unglück in St. Augustin vor drei Jahren, als ein Kollege und eine Kollegin bei einem Brandeinsatz ums Leben kamen, sei zusätzliche Motivation gewesen, endlich Gas zu geben – diesmal in gemeinsamer Anstrengung beider Löschzüge. Bei einem dreitägigen Besuch bei der Berliner Feuerwehr habe man sich über die Arbeit der dortigen ANTS, der ersten ihrer Art im Bundesgebiet, informiert.

Das Bild zeigt Feuerwehrleute, die über  den Boden robben.

Der Feuerwehrschlauch weist den Einsatzkräften den Weg zu ihren verunglückten Kollegen.

„Der schönste Nebeneffekt des Projektes ist, wie die Kameradschaft zwischen den Löschzügen gewachsen ist“, sagt Manuel Heyn. Bei den ANTS-Migliedern bedankte er sich, mit „Schweiß und Herzblut“ hätten sie sich für das Gelingen des Projektes eingesetzt. Das eigentliche Training fand unter realistischen Bedingungen in leerstehenden Sindorfer Baulichkeiten statt. Dort wurde mit Nebelmaschine oder verklebten Sichtgläsern unter „Null Sicht“ geübt: Hindernisse mussten überwunden und Kommunikation sichergestellt werden. Das ging bis an die maximale Belastungsgrenze, schildert Nattmann. Für einige der erprobten Feuerwehrleute war es zu viel, sie brachen die Ausbildung ab.

Am Feuerwehrgerätehaus üben die Feuerwehrleute den wahrscheinlichsten Notfall bei einem Löscheinsatz, den Kreislaufkollaps des Retters. Der könne infolge Hitze, Dehydrierung und Anstrengung erfolgen, allein 25 Kilogramm wiegen Ausrüstung, Kleidung und Atemschutzgerät – oft genug müssen die Feuerwehrleute in dieser Montur viele Stockwerke hinauf. Seltener kommt es vor, dass sie bei einem Einsatz verletzt werden, etwa durch herunterfallende Balken. „Ich bin megastolz auf die neue Staffel“, sagte der Leiter der Kerpener Feuerwehr, Andre Haupts. Aber hoffentlich komme sie nie zum Einsatz. Kürzlich stellte er gemeinsam mit Bürgermeister Thomas Jurczyk ANTS die Einheit offiziell in Dienst.