Claudia Holzgartner bekam 1987 Fünflinge. Aus ihrer bewegten Geschichte ist ein Roman entstanden. Es gibt eine Lesung in Bergheim.
Hera Linds „Die Löwenmutter“Wie das Leben einer Kerpenerin zum Roman wurde

In ihren Alben hat Claudia Holzgartner neben Fotos auch kleine Notizen und Briefe verfasst
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Für jeden ihrer Fünflinge, die 1987 als Frühchen auf die Welt kamen, hat Claudia Holzgartner ein sorgfältig zusammen gestelltes Babyalbum: Ein Foto zeigt, wie sie neben einem Brutkasten sitzt und durch die Öffnung hindurch sanft einem ihrer fünf Söhne den Kopf streichelt.
Nur ein einziges Mal hat die 64-Jährige, die heute in Kerpen lebt, diese Alben aus der Hand gegeben. Der Grund: Hera Linds neuer Roman „Die Löwenmutter“ basiert auf Claudia Holzgartners Leben. Die Bestsellerautorin benötigte diese intimen Einblicke für ihr Manuskript.
Hera Linds „Löwenmutter“ beruht auf Claudia Holzgartners Leben
Die Fünflinge kamen in München zur Welt. Sie selbst sei fast beim Notkaiserschnitt gestorben, erzählt Holzgartner im Gespräch mit dieser Redaktion. Noch Monate lang habe sie doppelt gesehen und habe Sprachstörungen gehabt. Da ihre Söhne intensive Pflege brauchten, wurden sie auf drei Kliniken verteilt.
Das erste halbe Jahr sei grauenvoll gewesen. Die Krankengeschichte ihrer Fünflinge beinhaltete Gehirnblutungen, Netzhautablösungen, Lungenrisse, einen Darmverschluss. „Es war die ganze Bandbreite, die Eltern von Frühchen erleben können“, so die Kerpenerin. „Ich bin morgens aufgestanden und habe zitternd in jeder der drei Kliniken angerufen.“

Claudia Holzgartner legte für ihre Fünflinge Babyalben an. Ihre eigene Mutter hatte ebenfalls solche Alben angelegt.
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Nach sechs Wochen starb einer ihrer Söhne. Dies sei erwartbar gewesen, so die Mutter, Felix habe als fünftgeborener die schlechtesten Chancen gehabt. „Felix habe ich nur ein einziges Mal mit offenen Augen gesehen“, erzählt sie. Beim Abschiednehmen habe sie das Bedürfnis gehabt, ihn zu halten. Es habe etwas Tröstliches gehabt, in sein friedliches, gelöstes Gesicht zu sehen. „Das Schwere ist nur, wenn du diesen Raum verlässt und weißt: Du siehst das Kind jetzt zum letzten Mal.“
Idee mit den Babyalben hat sie von ihrer Mutter
Im April starb dann überraschend ihr zweiter Sohn. Der Arzt habe sie nachts um elf Uhr angerufen und mitgeteilt, dass Daniel verstorben sei. Holzgartner erinnert sich, dass sie dachte, schlecht geträumt zu haben. „Daniel war ein bildhübsches Kind. Ich konnte ihn auch schon aus dem Brutkasten rausnehmen. Er schien stabil zu sein.“
Aus jeder Zeile las ich, wie gewollt ich war, wie geliebt ich war, was sie sich für Gedanken gemacht hat
Viel Zeit zum trauern blieb ihr nicht. Sie musste sich um ihre anderen drei Kinder kümmern. Ihr Glaube habe ihr geholfen, und die Resilienz, die sie durch ihre eigene Mutter bekommen habe. Dabei war ihre Mutter früh verstorben, als die Holgartner gerade neun Jahre alt war: „Sie war eine unglaublich tolle Mutter“. Auch die Idee mit den Babyalben komme von ihr, sie habe ebenfalls zwei solcher Alben angelegt. „Aus jeder Zeile las ich, wie gewollt ich war, wie geliebt ich war, was sie sich für Gedanken gemacht hat“, erzählt Holzgartner. Ihre Eltern hätten sie unterstützt und frei aufwachsen lassen, und prägten damit auch den Erziehungsstil der Tochter.
Kerpen: Holzgartner half es, über den Verstorbenen zu sprechen
Vor fünf Jahren musste Claudia Holzgartner noch einen dritten Sohn beerdigen, Benjamin. „Das war bei mir der Punkt, wo ich gesagt habe: Was will mir das Leben jetzt eigentlich gerade sagen?“ Damit hadere sie noch immer.
Doch wie kann man als Freund oder Angehöriger einem Menschen in Trauer begegnen? „Ich finde, der wichtigste Satz ist: Ich weiß gerade wirklich nicht, wie ich dich trösten kann, aber ich bin da“, sagt Claudia Holzgartner. „Es reicht nicht zu sagen: Ruf an, wenn du was brauchst. Das macht keiner, der in Not ist.“

Claudia und Didi Holzgartner fanden sich im Jahr 2006.
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Ihr habe es auch geholfen, mit Freunden über den Verstorbenen zu sprechen. „Unser Benni ist 31 geworden. Ich habe zwei Freundinnen, die ihn auch haben aufwachsen sehen.“ Noch heute lachten sie gemeinsam über bestimmte Situationen – er habe einen tollen Humor gehabt, sei ein Lebemensch gewesen. „Das tut mir heute noch gut, wenn sie erzählen, wie sie ihn so erlebt haben.“
Im Verlauf ihres Lebens war die 64-Jährige aber nicht nur für ihre Söhne, sondern auch für zwei Töchter da. Ihre Tochter Julia, die heute noch nebenan wohnt, bekam sie 1994, und 2002 nahm sie ihre Pflegetochter Merve bei sich auf. Letzteres sei nicht geplant gewesen, aber Merve brauchte eine Mutter, und Holzgartner öffnete ihr Herz für ein weiteres Kind.
Claudia Holzgartner traf Hera Lind in Salzburg
Nach einer schwierigen ersten Ehe traf sie ihren zweiten Ehemann Didi Holzgartner im Jahr 2006 – durch ihn habe sie eine neue Stärke in sich gefunden und machte Karriere in einer Firma für Medizintechnik. Irgendwann fing sie an, ihre Geschichte aufzuschreiben. „Die Idee war, dass meine Kinder und Enkel wissen, wie das damals war, wenn ich irgendwann nicht mehr bin“, erzählt die 64-Jährige. Eine ihrer besten Freundinnen, ein großer Hera Lind Fan, habe sie dann so lange bearbeitet, bis sie ihr Manuskript an die Schriftstellerin geschickt habe.
Und tatsächlich fand sich die Kerpenerin mit ihrem Mann Didi irgendwann auf einer Terrasse über den Dächern von Salzburg wieder, bewirtet von Hera Lind und derem Ehemann. „Wir hatten sofort eine tiefe Sympathie füreinander, und ich hatte auch das Vertrauen in sie, ihr meine Lebensgeschichte anzuvertrauen“, sagt Holzgartner.
Die Kerpenerin ist dankbar, ihre Söhne kennengelernt zu haben
Wer das Ehepaar heute in seinem Haus in Kerpen besucht, findet dort an einer Tür zahlreiche Zeichnungen ihrer zwei Enkel. Sie habe aber noch immer viel Liebe für Bergheim übrig, wo sie über einige Jahre lebte und wo noch immer ihre zwei besten Freundinnen wohnen.
Wie schaut Claudia Holzgartner auf ihr eigenes Leben zurück? Sie habe überlebt, und es habe sie auch verletzlicher gemacht. „Es gibt Dinge in meinem Leben, die wünschen ich keinem.“ Und doch sagt sie: „In erster Linie bin ich sehr dankbar.“ Dankbar, ihre fünf Söhne kennengelernt zu haben, und dankbar, dass ihre Kinder trotz ihres schweren Starts etwas aus sich gemacht haben.
Die Lesung mit Hera Lind findet am 11. April im Medio Rhein Erft statt. Einlass 18 Uhr, Beginn um 19 Uhr. Veranstalter ist die Stadtbibliothek Bergheim in Kooperation mit der Kreisstadt. Tickets gibt es ab 18 Euro über das Ticketsystem der Stadtbibliothek.

