Nach WasserschadenKerpener Schüler laufen für neue Mikroskope – Stadt wartet auf Versicherung

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Das Bild zeigt die Schülervertretung der Gesamtschule vor der Turnhalle.

Die Schülervertretung der Gesamtschule hat einen Sponsorenlauf organisiert, um Geld für die beschädigte Ausrüstung der Naturwissenschaftsräume zu sammeln.

Normalen Unterricht in Biologie oder Chemie gibt es derzeit an der Kerpener Gesamtschule nicht. Mit einem Sponsorenlauf wollen Schüler das ändern.

Normalerweise laufen die Schüler der Willy-Brandt-Gesamtschule für ihre Abschlussfeiern oder für wohltätige Zwecke. Dieses Mal aber stand der Sponsorenlauf ganz unter dem Zeichen ihrer eigenen Bildung. Mit jedem gelaufenen Kilometer haben die Schüler für die Ausstattung der Naturwissenschaftsräume gesammelt, die durch einen Wasserschaden im Juli schwer beschädigt wurden.

Während die Stadt Kerpen noch mit der Versicherung des beauftragten Dachdeckers über Schadenersatz streitet, haben die Schüler ihr Schicksal selbst in die Hände genommen. „Die Idee, für unsere Schule zu sammeln, kam uns auf der Schülervertretungsfahrt“, erläutert Jasmin Raeisi, Sprecherin der Schülervertretung.

„Wir haben dann noch kurzfristig alles organisiert, obwohl es nicht leicht war.“ Normalerweise laufen die Schüler im September bei wesentlichen milderen Temperaturen. Auch die Runden sind mit zwei Kilometern etwas länger als üblich. Für jede gelaufene Runde erhalten die Schüler Geld von den Sponsoren des Laufs.

Biologie, Chemie und Physik sind an Gesamtschulen versetzungsrelevant

Raeisi zieht trotz allem positive Bilanz: „Es ist schön, dass wir alle gemeinsam etwas für die Schule tun“, sagt die Schülerin. „Schade ist nur der Grund dafür.“ Zwei Drittel des gesammelten Geldes wollen die Schüler in neue Ausstattung stecken, Mikroskope für das Fach Biologie zum Beispiel. Der Rest fließt in die Schülervertretung.

Mit den alten Mikroskopen kann man kaum etwas erkennen, unsere Messer sind stumpf. Und jetzt ist das meiste auch noch kaputt.
Lara Vocke, Schülerin

Vor allem den höheren Jahrgängen und der Oberstufe kommt das Geld gelegen. Die Naturwissenschaften sind an der Gesamtschule versetzungsrelevant. „Neue Ausstattung wäre wunderbar“, sagt Schülerin Lara Vocke, die einen Biologie-Leistungskursus absolviert. „Mit den alten Mikroskopen kann man kaum etwas erkennen, unsere Messer sind stumpf. Und jetzt ist das meiste auch noch kaputt.“

Willy-Brandt-Schule will sich für MINT-Zertifizierung bewerben

Betroffen sind Messgeräte und digitale Sensoren, präparierte Tiere aus der Biologiesammlung. Die teure Wellenmaschine hat Rost angesetzt. Wie viel Material und was genau beschädigt ist, wissen aber selbst die Lehrer der Schule nicht. Bisher fehlte die Zeit, um alles zu sichten. Der Unterricht hatte Priorität.

Auf dem Dach eines Gesamtschulgebäudes liegt Baumaterial.

Nach dem Wasserschaden mussten die Dächer der Gesamtschulgebäude repariert werden.

Dass die Situation in Fächern wie Biologie, Chemie und Physik aktuell nicht leicht ist, bestätigen Chemielehrerin Katharina Appel-Mariaux und Jörg Schmallenbach, Fachvorsitzender der naturwissenschaftlichen Fächer. Und dabei will sich die Willy-Brandt-Gesamtschule um eine MINT-Zertifizierung bewerben. Vor dem Wasserschaden standen die Chancen dafür gut.

Exkursionen nach Aachen statt Laborführersein

Die Achtklässler würden normalerweise nach den Sommerferien mit Experimenten ins Fach Chemie starten, erläutert Appel-Mariaux. „Dafür brauchen sie aber den Laborführerschein. Sie müssen lernen, wie man sicher mit Gashähnen und Brennern umgeht.“ Doch das sei nun nicht möglich, weil die Räume gesperrt sind. Viel Theorie ist im Fach Chemie erst in höheren Klassen vorgesehen, wenn komplexe Themen wie das Atommodell auf dem Stundenplan stehen.

„Die materielle Situation behindert uns sehr“, sagt Schmallenbach. Schüler seien im praktischen Unterricht engagierter, weil sie sich Inhalte selbst erarbeiten. Die materielle Not zwingt die Lehrer aber auch zu kreativen Lösungen. „Wir machen zurzeit viele Exkursionen. Am Tag der Biologie sind wir beispielsweise nach Aachen gefahren“, sagt Schmallenbach. Statt im Labor arbeiten die Schüler mit Versuchssimulatoren auf einem Tablet. Das bedeutet: Gashahn öffnen per Fingerwisch.

In solchen Lösungen sieht Kristiane Benedix auch Chancen für die Schülerinnen und Schüler. „Wir können das Geld aus dem Sponsorenlauf nutzen, um es in die Digitalisierung und Modernisierung unserer Naturwissenschaften zu investieren“, sagt die stellvertretende Schulleiterin. Die schwierige Lage in den Naturwissenschaften will sie trotzdem nicht beschönigen. Für sie steht aber fest, dass sich die Gesamtschule dennoch bis zum Herbstende für eine MINT-Zertifizierung bewirbt.


Den Sponsorenlauf der Gesamtschüler sieht auch die Stadtspitze positiv. „Das gesammelte Geld hilft kurzfristig, um die Situation der Schüler zu verbessern“, sagt Bürgermeister Dieter Spürck. Die Stadt verhandelt mit dem Versicherer des Dachdeckers, der für die Dacharbeiten an der Schule zuständig war. Eine Schätzung, wie viel die Versicherung der Stadt schuldet, gibt es noch nicht. „Wir warten auf eine Stellungnahme des Gutachters“, heißt es aus dem Rathaus.

Grüne wollen nicht auf Geld vom Versicherer warten

Von einer siebenstelligen Summe sprechen Ratsmitglieder. Die Grünen-Fraktion fordert deshalb, dass die Verwaltung bereits vorab mit Ausschreibungen für die Sanierung der beschädigten Räume beginnt. Im Haupt- und Finanzausschuss zeigten sich die Verwaltung und die anderen Fraktionen offen für den Vorschlag. Doch die Verwaltung riet dazu, zunächst die Kosten für die Sanierung zu klären und zu warten, bis die neue Schulleitung im Amt ist. Zurzeit wird die Schule von Kristiane Benedix kommissarisch geführt.

Selbst wenn wir jetzt bestellen, können wir davon ausgehen, dass die Schüler erst in einem halben Jahr neue Räume haben.
Peter Abels, Fraktionsvorsitzender Grüne Kerpen

Schnelles Handeln fordern die Grünen weiterhin. „Selbst wenn wir jetzt bestellen, können wir davon ausgehen, dass die Schüler erst in einem halben Jahr neue Räume haben“, sagt Fraktionschef Peter Abels. Für das Zögern des Versicherers habe er kein Verständnis. „Hier geht es nicht um eine Gebäudeversicherung, sondern um einen Schaden. Zur Not kann die Stadt das Verfahren mit einem Rechtsanwalt beschleunigen.“ Abels ist selbst in der Versicherungsbranche tätig.

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