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LiteraturkritikerWas Zuhörer in Pulheim von Dennis Scheck erwarten dürfen

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Ein Mann bei einer Lesung, er hält ein Mikrofon in der Hand. (Archivbild)

Denis Scheck bei einer Lesung in Altenberg. (Archivbild)

Im Interview spricht Denis Scheck (61) über KI, die deutsche Gegenwartsliteratur und nach welchen Kriterien er entscheidet, was er liest.

Er liest überall, auch in der Badewanne und in der Sauna. Denis Scheck hat seine Begeisterung für Literatur zum Beruf gemacht. Seit 2003 moderiert er die Büchersendung „Druckfrisch“ im Ersten und schreckt dort auch vor deutlichen Urteilen nicht zurück. Am Dienstag, 14. Juli, 19.30 Uhr, liest er in Pulheim-Brauweiler aus seinem neuen Buch. 

Herr Scheck, was muss ein Buch ausmachen, damit es Sie überzeugt?

Ein gutes Buch sollte meinen Blick in eine Richtung lenken, in die ich freiwillig nicht geschaut hätte. Es muss mir etwas an der Welt zeigen, das ich bislang nicht wahrgenommen habe – sei es durch beharrliches Streicheln oder durch sanfte Ohrfeigen.

Für Ihr neues Buch haben Sie die „Spiegel“-Bestsellerlisten der vergangenen 20 Jahre gesichtet und neu bewertet. Gab es Befunde, die Sie überrascht haben – vielleicht auch Bücher, die unerwartet gut gealtert sind?

Man kann an Bestsellerlisten einem Land literarisch den Puls fühlen und dabei die ein oder andere soziologische Diagnose stellen. Einen Stammplatz haben dort etwa Stammtisch-Schwurbler wie Peter Hahne, dessen gesammelte „Bild“-Kolumnen schon sprachlich Lachtränen provozieren. Man begegnet auch Sachbuchautoren, die im 19. Jahrhundert wohl mit Universaltinkturen gegen Haarausfall, Zahnschmerzen und unerwünschte Schwangerschaften über Jahrmärkte gezogen wären. Gleichzeitig finden sich auf den Listen der vergangenen 20 Jahre auch literarische Meisterwerke: Cornelia Funkes „Tintenwelt“-Romane, Daniel Kehlmanns „Tyll“, Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ oder Juli Zehs „Unterleuten“.

Ihrem Buch stellen Sie die „Zehn Gebote des Lesens“ voran. Können Sie uns durch diese Liste führen?

Das wichtigste Gebot ist tatsächlich das erste: „Lesen Sie skeptisch. Trainieren Sie Ihr Gespür für den Unterschied zwischen Brillanz und Blödsinn.“ Die drei folgenden schützen vor Chauvinismus und Engstirnigkeit: „Lesen Sie mehr Bücher von Autoren aus dem Ausland als aus dem Inland“, „Lesen Sie mehr Bücher von Autoren eines anderen Geschlechts als Ihres eigenen“ und „Lesen Sie mehr Bücher aus vergangenen Zeiten als aus Ihrer eigenen.“ Der Rest formuliert Selbstverständlichkeiten – etwa, dass man die Leistung literarischer Übersetzer würdigen sollte und ein Buch nicht nach Umschlag, Genre oder Verlag beurteilen darf. Ich hoffe, meine Gebote sind so selbsterklärend wie die von Moses am Sinai.

Welche Autoren oder Bücher sollte man gelesen haben, um literarisch halbwegs fit zu sein?

Vor allem sollte man sich von falschen Propheten befreien, die einem einreden wollen, was man angeblich muss. Man muss überhaupt nicht lesen – aber wer es nicht tut, verpasst eine Menge schöner Dinge und verurteilt sich zu einer freudlosen Existenz ohne Jane Austen, Astrid Lindgren und J.R.R. Tolkien. Mir persönlich dienten Bibel, Shakespeare und die Donald-Duck-Geschichten von Carl Barks und Erika Fuchs immer wieder als literarisches Bootcamp.

Wie würden Sie den Zustand der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur beschreiben?

Wir haben weiterhin große Autoren: Christoph Hein, Uwe Timm, Jenny Erpenbeck, Martin Mosebach sowie die bereits erwähnten Cornelia Funke, Daniel Kehlmann und Juli Zeh. Wie immer vergesse ich dabei ein gutes Dutzend.

Jährlich erscheinen knapp 70.000 neue Bücher. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, was Sie lesen?

Oft genügt mir schon der Name des Autors, um einen großen Bogen zu machen. Ansonsten habe ich einen zum Glück „unausrechenbaren“ Geschmack und schätze ein gut erzähltes Sachbuch wie Konstantin Richters „300 Männer“ ebenso wie Leye Adenles „Schatten der Schuld“, einen originellen Krimi aus Nigeria.

In welchem Ambiente lesen Sie? Brauchen Sie eine bestimmte Atmosphäre?

Ich lese überall: am Schreibtisch, im Bett, in der Badewanne. Am liebsten dort, wo man mich warten lässt – oder in der Sauna.

Man hat den Eindruck, dass Ihnen besonders Bücher missfallen, die kalkuliert wirken. Womit kann man Sie überraschen?

Lesen Sie gern, wenn Geistestitanen wie Jürgen von der Lippe über ihre gebrechlich werdenden Körper schreiben? Ich mag Bücher, die formale Experimente wagen – etwa Günter Grass, der im „Butt“ Kochrezepte integrierte, oder Johannes Mario Simmel in „Es muß nicht immer Kaviar sein“. Auch Ulli Lusts Sachcomic „Die Frau als Mensch“ über unsere Vor- und Frühgeschichte fand ich wundervoll.

Vor einigen Wochen standen Sie im Fokus eines „Shitstorms“, weil Sie zwei Bücher weiblicher Autoren verrissen hatten. Hat Sie diese Vehemenz überrascht?

Jedenfalls zeigt es, dass man auch 2026 mit Literaturkritik Wirkung erzielen kann – was vielerorts bezweifelt wird.

Wie ordnen Sie den Rhein-Erft-Kreis literarisch ein?

Ich denke nicht in regionalen Kategorien. Wir alle stammen aus Afrika, denn dort sind unsere Vorfahren vor rund 65.000 Jahren aufgebrochen. Mich interessiert Weltliteratur – die Champions League, wenn man so will.

Wenn Sie nicht Literaturkritiker geworden wären – welcher Beruf hätte Sie erfüllt?

Vielleicht als Platzanweiser?

Wozu braucht es in Zeiten von KI und Instagram noch Literaturkritik?

Gerade jetzt ist Kritik wichtiger denn je – nicht nur in der Literatur. Sie ist eine Methode zur Verbesserung der Welt und schärft das eigene Denken.

Zum Abschluss noch die Bitte um einen Geheimtipp: Welches Buch verdient mehr Aufmerksamkeit?

Harlan Ellison: Gefährliche Visionen. Erstmals auf Deutsch in neuer Übersetzung im Carcosa Verlag erschienen. Diese richtungsweisende Anthologie mit Tabus brechenden Science-Fiction-Geschichten ist auch 60 Jahre nach Erscheinen eine Fundgrube origineller Gedanken und brillanter Stilexperimente.


Zur Person

Denis Scheck wurde 1964 in Stuttgart geboren und studierte Germanistik, Geschichte und Politologie. Er war 20 Jahre lang Literaturredakteur beim Deutschlandfunk und moderiert seit 2003 die Büchersendung „Druckfrisch“ im Ersten. Er lebt in Köln.

Literaturabend in Brauweiler

Am Dienstag, 14. Juli, 19.30 Uhr, liest Denis Scheck im Pater-Kolbe-Haus, Kaiser-Otto- Straße 39a, in Pulheim-Brauweiler, aus seinem aktuellen Buch „Schecks Bestsellerbibel. Schätze und Schund aus 20 Jahren“. Für die Veranstaltung der Katholischen Öffentlichen Bücherei (KÖB) und der Bücherstube Brauweiler gibt es noch wenige Restkarten zum Preis von 15 Euro. Sie sind in der Buchhandlung erhältlich. Denis Scheck: Schecks Bestsellerbibel. Schätze und Schund aus 20 Jahren, Piper-Verlag, 432 Seiten, 28 Euro.