Das Frauenhaus im Rhein-Erft-Kreis hat wie viele weitere Häuser selten freie Plätze, gleichzeitig nimmt die Gewalt an Frauen zu.
Gewalt an FrauenWarum das Frauenhaus im Rhein-Erft-Kreis stets ausgelastet ist

Laut dem Bundeskriminalamt (BKA) nimmt polizeilich erfasste Gewalt gegen Frauen weiter zu.
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Wenn Frauen sich im eigenen Zuhause nicht mehr sicher fühlen, wenn die Menschen, die ihnen eigentlich am nächsten stehen sollten, zur Bedrohung werden und zur Gefahr für Leib und Kinder, suchen viele von Gewalt betroffene Frauen Schutz in Frauenhäusern. Doch die Nachfrage ist weit größer als das Angebot.
Auch das Frauenhaus im Rhein-Erft-Kreis ist da keine Ausnahme. „Wir sind genauso ausgelastet wie alle anderen Frauenhäuser“, sagt Janin Harig vom Vorstand des Frauenhauses im Gespräch. „Wir müssen Frauen abweisen.“
Die Nachfrage verändert sich, weil Gewalt an Frauen und ihren Kindern öffentlich geworden ist
Der Bedarf ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Das hat einen Grund. Harig sagt: „Die Nachfrage verändert sich, weil Gewalt an Frauen und ihren Kindern öffentlich geworden ist.“ Gleichzeitig habe die psychische Gewalt zugenommen. Denn Gewalt gegen Frauen heißt nicht automatisch, dass physische Gewalt vorgefallen ist. „Körperliche Gewalt ist sichtbar“, erläutert Harig.
Rhein-Erft-Kreis: Psychische und digitale Gewalt an Frauen haben zugenommen
Nina Krüger, Sozialarbeiterin im Frauenhaus, fügt hinzu, dass auch digitale Gewalt häufiger vorkomme – etwa mit Trackern unter dem Auto oder Kameras in Stofftieren. Zudem gebe es Täter, die Frauen in den sozialen Medien gezielt degradierten. „Sie nutzen die Plattformen, um sich selbst in ein besseres Licht zu rücken“, sagt Krüger.
Gewalt an Frauen komme zudem keineswegs nur in den unteren gesellschaftlichen Schichten vor, so Harig. Sie spricht von Akademikerinnen und Frauen von Politikern oder Männern in hochrangigen Konzernen. Hier spiele die Reputation des Ehemannes oder Partners in der Gesellschaft sowie im Umfeld eine entscheidende Rolle, ob betroffene Frauen sich trauen, sich zu trennen, oder davon ausgehen müssen, dass ihnen die erlebte Gewalt nicht geglaubt wird, so Harig weiter.
Unter der Gewalt ihrer Väter leiden zudem die Kinder. „Sie haben auch traumatische Erfahrungen gemacht“, sagt Harig. Wichtig sind dem Frauenhaus daher zudem entlastende Angebote für Kinder. Das könne ein Zoobesuch oder Eisessen, Selbstbehauptungstrainings oder der Austausch mit den pädagogischen Mitarbeiterinnen über die erlebte oder miterlebte Gewalt in einem sicheren Raum sein.

Sarah Bendszus, Studierende der Sozialen Arbeit im Praxissemester (v.l.), Nina Krüger, Sozialarbeiterin im Frauenhaus, und Janin Harig vom Vorstand des Frauenhauses Rhein-Erftkreis.
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Das Frauenhaus hat zehn Plätze für Frauen und 14 für deren Kinder. Der knappe Wohnungsmarkt verschärft die Lage. Wenn die Frauen keine Wohnung finden, können sie nicht aus- und die nächste Frau nicht einziehen. Nina Krüger betont: „Das Wichtigste ist, dass die Finanzierung gesichert ist.“
Das autonome Frauenhaus verwaltet sich selbst. Der gemeinnützige Verein wurde 1986 gegründet, das Frauenhaus 1989 eröffnet. Finanziert wird das Haus über den Haushaltstitel des Kreises, eine Bezuschussung vom Land und eine nicht unerhebliche Summe an Spenden, so Harig. „Wir danken dem Rhein-Erft-Kreis und den Spenderinnen und Spendern, die dafür sorgen, unser Haus zu tragen“, betont sie.
Gesetz ab 2032: Anspruch auf Schutz, Unterbringung und Beratung
Sorge bereitet Janin Harig jedoch die Zeit bis zur Umsetzung des Gewalthilfegesetzes. Das Gesetz besagt, dass gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder ab dem 1. Januar 2032 einen Anspruch auf Schutz, Unterbringung und Beratung haben. Teile des Gesetzes sind bereits seit Februar 2025 in Kraft.
Grundsätzlich befürwortet Harig das Gesetz. Voraussetzung sei jedoch, dass die Finanzierung gesichert sei. „Wenn sich Kommunen aus der Übergangsfinanzierung ziehen, müssen Frauenhäuser schließen. Die Verantwortung zur Umsetzung des Gewalthilfegesetzes muss kombiniert bei Bund, Land und den Kommunen liegen.“
Auch in den sozialen Medien werden die Frauen lauter. In vielen Videos ist derzeit der Song „Nicht alle Männer“ (2026) von Mariybu und Ebow zu hören, mit der eindringlichen Zeile: „Es sind nicht alle Männer, aber es ist immer ein Mann.“ Während es Männer gibt, die sich davon angegriffen fühlen, solidarisieren sich andere mit den Frauen. Das begrüßt Janin Harig. Frauen seien es gewohnt, für sich einstehen zu müssen. Zudem bekämen sie weniger Gehör als Männer. Derzeit ändere sich etwas. „Es ist wichtig, dass Männer sich positionieren und Nein sagen zur Gewalt an Frauen und ihren Kindern. Das ist ein guter Start in die richtige Richtung.“
Dennoch sind tagtäglich zu viele Frauen und ihre Kinder Gewalt ausgesetzt. Laut dem Bundeskriminalamt (BKA) nimmt polizeilich erfasste Gewalt gegen Frauen weiter zu. Das zeigte das Bundeslagebild „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten 2024“, das das BKA im November 2025 veröffentlichte.
Demnach registrierte die Polizei 2024 im Bereich der politisch motivierten Kriminalität 558 frauenfeindliche Straftaten. Das entspreche einem Anstieg von 73,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Weiter wurden 53.451 weibliche Opfer von Sexualstraftaten erfasst (plus 2,1 Prozent) und 187.128 weibliche Opfer von Häuslicher Gewalt (plus 3,5 Prozent). Zudem waren 18.224 Frauen von digitaler Gewalt betroffen (plus sechs Prozent).
„Die Verantwortung trägt der Täter“, sagt Janin Harig.
Hilfe für Betroffene
Betroffene können sich an das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter 08000/116016 wenden. Das Frauenhaus ist unter 02237/7689 zu erreichen. Weitere Informationen hier. (eva)
Weiteres Frauenhaus
In den vergangenen Jahren war unter anderem ein weiteres Frauenhaus im Kreis im Gespräch. 2024 sprach sich der Kreisausschuss einstimmig dafür aus, zu prüfen, ob es Bedarf für weitere Plätze gibt.
2025 beschloss der Kreistag mehrheitlich bei 18 Gegenstimmen der SPD, Möglichkeiten für die Anmietung oder den Kauf einer weiteren Bestandsimmobilie für einen neuen oder zweiten Standort zu prüfen sowie zur Realisierung in einer kreiseigenen Immobilie oder Liegenschaft. Das beantragten die Fraktionen von CDU, Grünen und FDP. Die SPD-Fraktion betonte, dass sie weiter den Bau eines einzigen neuen, größeren Frauenhauses an einem Standort bevorzugt. (eva)
