Das Vorgehen von Wolfram Weimer im Umgang mit dem Deutschen Buchhandlungspreis halten Händlerinnen und Händler im Kreis für höchst fragwürdig.
„Muss ich Preisgeld zurückzahlen?“Buchbranche in Rhein-Sieg kritisiert Kulturstaatsminister Weimer scharf

Viele Buchhändlerinnen und -händler sehen im Ausschluss der drei Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis eine Einschränkung der Meinungsfreiheit. (Symbolbild)
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Eigentlich sollte in wenigen Tagen, am 19. März, auf der Leipziger Buchmesse der Deutsche Buchhandlungspreis verliehen werden. Doch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat die Verleihung abgesagt. Die Begründung: Die Debatte um drei von dem Preis ausgeschlossene Buchhandlungen überlagere den eigentlichen Sinn der Veranstaltung, „nämlich die würdevolle Auszeichnung und Ehrung, unabhängiger Buchhandlungen“, so das Ministerium für Kultur und Medien in einer Mitteilung.
Der Ausschluss der drei Buchhandlungen „Zur schwankenden Weltkugel“ in Berlin, „The Golden Shop“ in Bremen und „Rote Straße“ in Göttingen –offiziell aufgrund „verfassungsrechtlicher Erkenntnisse“ – löste eine Welle der Solidarität unter Buchhändlerinnen und Buchhändlern aus. Auch im Rhein-Sieg-Kreis zeigen sich viele empört und wütend über das Vorgehen des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer.
Ich finde das schlicht eine Unverschämtheit.
„Ich finde das schlicht eine Unverschämtheit“, zürnt Buchhändlerin Natalie Schmidberger vom Treffpunkt Lesen in Niederkassel im Gespräch mit der Redaktion dieser Zeitung. „Und auch nicht nachvollziehbar“. Sie hält es für „höchst fragwürdig“, dass der Minister nach der Entscheidung einer unabhängigen Jury Buchhandlungen aufgrund angeblicher „verfassungsrechtlicher Erkenntnisse“ von der Preisliste streicht. Den betroffenen Buchhandlungen würden die Vorwürfe nicht erläutert, sie hätten keine Möglichkeit, sich zu verteidigen. „Das ist geschäftsschädigend“.

Natalie Schmidberger ist die Inhaberin von Treffpunkt Lesen in Niederkassel
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Besonders störe sie auch, dass der Minister nach Protesten der gesamten Buchbranche die Preisverleihung abgesagt hat und „sich wegduckt“ anstatt sich der Diskussion zu stellen. Doch nicht nur Wolfram Weimer selbst wird von der Buchhändlerin kritisiert. Sie beklagt außerdem eine fragwürdige Verkürzung seitens der Politik in der Diskussion und findet es erschreckend, wie nach „verfassungsschutzrechtlichen Erkenntnissen“ plötzlich von „Verfassungsfeinden“ die Rede ist.
Uwe Madel aus Hennef: Buchhandlungen sind Horte der Vielfalt und Meinungsfreiheit
Uwe Madel, Geschäftsführer der Buchhandlung am Markt in Hennef, sieht das Ausschließen der drei Buchhandlungen durchaus schon als eine Zensur: „Es gibt überhaupt keine richtige Begründung, warum sie ausgeschlossen wurden. Nur von verfassungsschutzrechtlichen Erkenntnissen ist die Rede“, so Madel. „Aber alles, was man bisher weiß ist, dass die Buchhandlungen linksgerichtet sind.“ Aber das könne doch kein Ausschließungsgrund sein. „Nur weil man linksgerichtet ist, ist man doch nicht direkt anti-staatlich.“

Uwe Madel, Geschäftsführer der „Buchhandlung am Markt“ in Hennef
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„Wir Buchhandlungen sind doch dafür da, Vielfalt und Meinungsfreiheit abzubilden“, empört sich Uwe Madel. Durch den Ausschluss werde die Meinungsfreiheit eingeschränkt. „Ich finde auch, die Absage der Preisverleihung in Leipzig ist ein Armutszeugnis.“ Viele Buchhändlerinnen und -händler hätten vor Ort friedlich gegen den Ausschluss der drei Betroffenen protestieren wollen. „Offenbar hat der Minister aber Angst vor Kritik.“
Die Frage sei für Madel nun auch, welchen Einfluss eine solch einschneidende Entscheidung auf den Kulturbetrieb haben könnte: „Es fängt jetzt mit Buchhandlungen an, aber wie geht es weiter?“
Ruppichterother Buchhändlerin sieht Amt des Kulturstaatsministers als „absolut fehlbesetzt“
„Ganz schlimm“ nennt Angelika Abels aus Ruppichteroth den Ausschluss der drei Buchhandlungen. „Wir Buchhandlungen sind ‚neutrale Orte‘", sagt sie. Wo solle Kultur stattfinden, fragt sie, „wenn wir nicht mehr Raum schaffen für Menschen, die sich austauschen wollen?“ Auch Abels, Inhaberin von Angelikas Büchergarten, zeigte sich schockiert, dass der Minister „die ausgewählten Buchhandlungen noch vom Verfassungsschutz prüfen lässt.“

Angelika Abels von 'Angelikas Büchergarten' in Ruppichteroth empfiehlt als Ferienlektüre 'Blaues Wunder'.
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Viele Faktoren seien für die Entscheidungen der Jury ausschlaggebend, „und die macht das ja auch nicht zum ersten Mal“. Für Abels reiht sich der Umgang mit dem Buchhandlungspreis jedoch in eine Reihe weiterer Entscheidungen Weimers ein. „Er macht gerade in allen kulturellen Bereichen, wo er tätig ist, einen Rundumschlag“: Zuvor schon in der Auseinandersetzung um die Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle und zuletzt mit der Absage eines Magazinbaus für die Nationalbibliothek in Leipzig. „Absolut fehlbesetzt“ sei ihrer Meinung nach das Amt des Kulturstaatsministers mit Wolfram Weimer.
Ich habe eine Veranstaltung gemacht, die zu politischer Widerspenstigkeit motiviert. Muss ich das Preisgeld dann demnächst zurückzahlen?
Mit einer „Frage an Herrn Weimer“ meldet sich auf Facebook Paulina Löffelholz von der gleichnamigen Buchhandlung in Neunkirchen zu Wort, die in diesem Jahr zum dritten Mal nach 2019 und 2022 zu den Prämierten gehört: „Ich habe eine Veranstaltung gemacht, die zu politischer Widerspenstigkeit motiviert. Muss ich das Preisgeld dann demnächst zurückzahlen und die Urkunde schreddern?“ Im Januar hatte sie Matthias Meisner mit dem Buch „Mut zum Unmut – Eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit“ zu Gast in ihrer Buchhandlung.
„Es ist viel mehr als ein Angriff auf die Buchhandlungen“, sagt Löffelholz. Für sie ist die Entscheidung „ein Angriff auf Artikel 5 des Grundgesetzes“, und sie sieht dadurch Kunst- und Meinungsfreiheit in Gefahr. „Wir verkaufen nicht nur Ware“, betont sie, Buchhandlungen seien vielmehr „Orte für Vielfalt, kritischen Austausch und lebendige Demokratie.“

Paulina Löffelholz von der gleichnamigen Buchhandlung in Neunkirchen
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Die Entscheidung sei „schon bedrückend“, sagt Löffelholz auf Anfrage; „man macht sich Sorgen: darf ich das noch sagen?“ Schon beim Ausfüllen der Bewerbungsunterlagen für den Preis sei in der Branche diskutiert worden, ob man nach dem Genderverbot des Ministers in seiner Behörde mit einer geschlechterneutralen Bewerbung überhaupt Aussicht auf Erfolg haben könnte.
„Ich habe das getan“, betont Paulina Löffelholz. „Ich wollte mir treu bleiben“. Und feiern werde die Branche auf der Leipziger Buchmesse trotz der Absage der Preisverleihung: Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und verschiedene Verlage hätten bereits dazu eingeladen.
Auch Uwe Madel ist überzeugt, dass das Ganze vor allem dazu führen werde, dass das Thema weiterhin präsent bleibe und Buchhandlungen „noch klarer Flagge für Demokratie und Meinungsfreiheit“ zeigen würden.


