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Hass, Bedrohungen, DeepfakesDigitale Gewalt – Wie groß ist das Problem in Rhein-Sieg?

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Eine Demonstration in München für Solidarität mit Collien Fernandes und Betroffenen von digitaler, sexueller Gewalt. In den vergangenen Wochen gab es viele solcher Demos in deutschen Städten.

Eine Demonstration in München für Solidarität mit Collien Fernandes und Betroffenen von digitaler, sexueller Gewalt. In den vergangenen Wochen gab es viele solcher Demos in deutschen Städten.

Digitale Gewalt nimmt zu, doch Fälle werden auch im Rhein-Sieg-Kreis nur selten angezeigt. Wird das Problem auch hier stark unterschätzt?

Das Thema digitale Gewalt ist derzeit in aller Munde. Auslöser war der Fall der Schauspielerin Collien Fernandes, von der schon seit Jahren gefälschte pornografische Fotos und Videos kursieren. Laut Fernandes soll ihr Ex-Ehemann Christian Ulmen die Inhalte selbst verschickt und verbreitet haben. Die Schauspielerin äußerte auch, Deutschland sei wegen gesetzlicher Lücken ein „Täterparadies“.

In den vergangenen Wochen gingen deutschlandweit Demonstrierende auf die Straße, um sich mit Collien Fernandes zu solidarisieren und auf sexualisierte digitale Gewalt, die meistens Frauen trifft, aufmerksam zu machen. Was sagen Polizei und Staatsanwaltschaft, Sozialarbeiter und Gleichstellungsbeauftragte aus Rhein-Sieg zu der Debatte?

Lohmarer Gleichstellungsbeauftragte: Frauenhass wird online „ungebremst ausgelebt“

Der Begriff der Digitalen Gewalt ist laut Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik nicht eindeutig definiert. Dazu gehören beispielsweise Cyberstalking, also das Verfolgen einer Person mit digitalen Mitteln, Hassrede, also Beleidigungen und Abwertungen, oder auch das Verbreiten von Fotos oder Videos ohne Kenntnis oder Einverständnis der betroffenen Person. Diese „Gewalt“ wird dadurch verschärft, dass durch Künstliche Intelligenz mittlerweile auch gefälschte, teilweise pornografische Fotos und Videos erstellt werden können, die kaum von echten unterschieden werden können. 

„Insbesondere Frauen werden unter anderem auf Social Media hemmungslos beleidigt, belästigt und bloßgestellt. Frauenhass wird ungebremst ausgelebt“, sagt die Lohmarer Gleichstellungsbeauftragte Brigitte Feist. Betroffene von sexistischen Beleidigungen seien gesetzlich nicht ausreichend geschützt, wie man auch am Fall der Politikerin Renate Kynast gesehen habe.

Im Rahmen ihrer Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte sei sie bereits mit Digitaler Gewalt in Form von Stalking und Bildmissbrauch in Berührung gekommen. Das Thema sei politisch und gesamtgesellschaftlich noch viel zu wenig im Fokus, sagt Brigitte Feist. „Deep-Fake-Pornos sind virtuelle Vergewaltigung und müssen entsprechend sanktioniert werden“, sagt Feist zum Fall Collien Ferandes, auch hier müssten zügig entsprechende Gesetzgebungen auf den Weg gebracht werden.

Im Siegburger Kulturcafé wird digitale Gewalt regelmäßig thematisiert

Dass Jugendliche im Netz bedroht werden oder Fotos und Videos mit sexuellen Inhalten zugeschickt bekommen, ist häufig Thema im Siegburger Kulturcafé. „Weil es bei digitaler Gewalt so eine unglaublich hohe Dunkelziffer gibt, ermutigen wir die Jugendlichen, das auch zur Anzeige zu bringen – damit das Problem sichtbar wird“, sagt die Kulturcafé-Mitarbeiterin Sonja Höfer (35). „Aber ob sie es letztendlich auch tun, darauf haben wir natürlich keinen Einfluss.“

Wenn es um Drohungen geht und die betreffenden Personen sich auch im Umfeld des Jugendzentrums befinden, suchen die Mitarbeitenden das Gespräch. „Wir bieten hier einen Schutzraum, in dem die Jugendlichen alles ansprechen können. Natürlich setzen wir uns aber auch mit den Tätern auseinander und machen deutlich: Was ihr hier macht, das ist strafbar.“ Ansonsten verweisen Höfer und ihre Kolleginnen und Kollegen darauf, dass die Betroffenen zur Polizei gehen oder sich an andere Beratungsstellen wenden können.

Prävention und Opferschutz müssen im Fokus sein

Das Problem ist, dass es gerade bei digitaler Gewalt rechtlich einige Grauzonen gibt. „Aber insgesamt sind die Gesetze ja alle sehr schwammig formuliert, wenn es um sexuellen Missbrauch oder Belästigung geht“, findet Sonja Höfer. „Wir sind im Jahr 2026 – wir müssten viel mehr aufklären, was toxische Maskulinität und die Sexualisierung von Frauen angeht.“ Gerade Jungen sollte man hier schon in jungem Alter informieren, außerdem müsse ihnen vermittelt werden, dass auch sie über ihre Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen sprechen dürfen.

Birgit Kellers und Sonja Höfer, Mitarbeiterinnen im Siegburger Kulturcafé

Birgit Kellers und Sonja Höfer, Mitarbeiterinnen im Siegburger Kulturcafé

Wichtig sei also nicht nur Opfer zu schützen, sondern zu vermeiden, dass Menschen zu Tätern werden. „Wichtig ist uns, wenn wir hier zum Beispiel einen Kommentar hören, da direkt eine Grenze zu ziehen: Was ist Meinung und was ist Abwertung? Das ist unser Alltagsgeschäft“, sagt Birgit Kellers (56), die ebenfalls im Kulturcafé arbeitet. Es bräuchte außerdem mehr Therapieangebote, sowohl für Betroffene als auch für Menschen, die digitale und sexualisierte Gewalt ausgeübt haben, so Kellers.

Melissa (18) aus Lohmar, die das Siegburger Kulturcafé regelmäßig besucht, ist der Meinung, dass digitale Gewalt nicht ernst genug genommen wird. Vielen Jugendlichen sei vermutlich nicht bewusst, dass das Erstellen von Nacktbildern mit KI strafbar ist. „Dafür wird zu wenig informiert. Ich finde, man sollte schon ab der fünften Klasse darüber sprechen. In der Grundschule spricht man ja zum Beispiel auch schon über Mobbing.“ An weiterführenden Schulen über digitale sexualisierte Gewalt zu sprechen, sei wichtig, um solche Fälle zu vermeiden; „aber das wird halt nicht passieren.“ Sie berichtet von einem Vorfall an ihrer ehemaligen Schule, es ging um das Verschicken von Videos mit sexuellen Inhalten. „Da wurden die Eltern angerufen, mehr nicht. Und du selbst als Kind kannst nicht damit umgehen.“

Polizei Rhein-Sieg: Anzeigen im Bereich Digitale Gewalt sind selten

„Es sind Anzeigen erstattet worden“, weiß Stefan Birk, Pressesprecher der Polizei im Rhein-Sieg-Kreis. „Das gibt es, aber sehr selten.“ Meist seien es Fotos pornografischen Inhalts, „aber oftmals dilettantisch gemacht. Wenn es geht, wird das strafrechtlich verfolgt“, so Birk. In Frage kämen da die Verbreitung pornografischer Daten, sexuelle Beleidigung oder das Recht am eigenen Bild.

Auch der Pressesprecher der Bonner Staatsanwaltschaft, Dr. Sebastian Buß, kennt Fälle, die zumeist aus dem Bereich von Beziehungsstreitigkeiten kommen. Dort würden Intimfotos verbreitet. Aus Sicht der Strafverfolgung weist er auf das Gesetz zum Urheberrecht an Werken der bildenden Künste und der Photographie, das KunstUrhG, hin. In dessen Paragraf 22 ist zum Recht am eigenen Bild geregelt: „Bildnisse dürfen nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden.“

Ist das nicht der Fall, greift Paragraf 33 KunstUrhG: Unter bestimmten Umständen kann das strafrechtlich geahndet werden, so Buß. Im Gesetzestext steht, dass, wer keine Einwilligung hat und trotzdem veröffentlicht, mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft wird. Eine solche wird allerdings nur auf Antrag verfolgt.


Neben dem Erstatten einer Anzeiger bei der Polizei haben Betroffene aus dem Rhein-Sieg-Kreis die Möglichkeit, sich an die Frauenzentren in Troisdorf und Bad Honnef oder an die Bonner Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt zu wenden. Das Hilfetelefon bei Gewalt gegen Frauen ist unter 116 016 rund um die Uhr erreichbar.