Wir rekonstruieren, was sich in Waggon 23 im ICE 19 zugetragen hat, der am Donnerstagabend (2. April) von Brüssel auf dem Weg nach Frankfurt war.
Sprengsatz gezündetWas bis jetzt über den Anschlag im ICE in Siegburg bekannt ist

Polizistinnen und Polizisten sicherten den Bahnhof.
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Am Tag nach dem Sprengsatz-Anschlag in einem ICE, der am Bahnhof in Siegburg gestoppt wurde, besteht der Verdacht auf ein politisch motiviertes Attentat. Der 20-jährige Mann aus Aachen wurde festgenommen und befand sich auch am Tag danach noch in Polizeigewahrsam.
Wir rekonstruieren, was sich in Waggon 23 im ICE 19 zugetragen hat, der am Donnerstagabend (2. April) von Brüssel auf dem Weg nach Frankfurt war.
Um 20.55 meldeten Fahrgäste vermeintliche Schüsse im ICE
Um 20:52 fuhr der ICE 19 aus Brüssel mit deutlicher Verspätung in Köln ab (fahrplanmäßig hätte er um 20:18 Uhr den Kölner Hauptbahnhof verlassen sollen). Nächster Halt: Frankfurt Flughafen. Zuvor hatte der Zug in Aachen gehalten.
Kurz nachdem der Zug am Kölner Hauptbahnhof abgefahren war, etwa in Höhe Köln-Porz, betrat ein Mann in einem schwarzen Hoodie und mit einer schwarzen Maske den Waggon 23. In dem Großraumabteil saßen mehrere Familien mit Kindern. Wie Augenzeugen berichteten, warf der Mann einen Sprengsatz in den Gang, der im Waggon explodierte.
„Ich habe zuerst noch gedacht, dass vielleicht ein Fußballfan einen Böller hineinwirft“, berichtete ein Mann im Gespräch mit dieser Zeitung. „Das haben wohl alle gedacht. Und dann hat man erst verstanden, was los ist.“ Plastikkugeln und Splitter seien im Waggon umher geflogen, berichtet seine Frau. Die Familie aus dem Taunus war mit ihren beiden Kindern auf der Rückreise von einem London-Urlaub.
Ein Fahrgast rannte dem Vermummten hinterher, der kurz darauf den zweiten Sprengkörper warf. Der junge Mann verfolgte den Täter, der sich in der Toilette einschloss. Dort setzten ihn nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) mehrere Fahrgäste fest. Andere Fahrgäste liefen zum Bordbistro, um das Zugpersonal zu informieren. „Um 20.55 Uhr wurden vermeintliche Schüsse im Zug ICE 19 am Bahnhof Siegburg gemeldet“, hatte eine Bahn-Sprecherin noch in der Nacht gesagt.
Um 21.20 Uhr wurde die Siegburger Feuerwehr zur Unterstützung alarmiert
Wenige Minuten später, gegen 21.15 Uhr, stoppte der ICE außerplanmäßig an Gleis 6 am Siegburger Bahnhof. Kurze Zeit später ging auch eine Alarmierung bei der Siegburger Feuerwehr ein, wie Leiter Daniel Winterscheidt berichtet. „Wir sind um 21.20 alarmiert worden.“
Während die Fahrgäste verängstigt den Waggon verließen, aus dem es laut Zeugenaussagen nach dem Wurf des Sprengsatzes auch stark nach Qualm gerochen habe, fuhr der ICE schon mit gedrosselter Geschwindigkeit und hielt schließlich außerplanmäßig an Gleis 6 des Siegburger Bahnhofs. Bewaffnete Bundespolizisten sperrten den Zugang und auch einen Teil der Konrad-Adenauer-Allee ab und konnten den Täter festnehmen, der in Handschellen abgeführt wurde. Der Zug wurde gegen 22 Uhr geräumt.
Zwölf Menschen wurden leicht verletzt, eine Person erlitt ein Knalltrauma und wurde in der Bonner Uniklinik behandelt.
Die Siegburger Feuerwehr, die mit 24 Kräften im Einsatz war, unterstützte die Polizei und den Rettungsdienst bei der Evakuierung der Fahrgäste. 183 Menschen hatten in dem ICE gesessen.

Rettungskräfte betreuten die Passagiere.
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Die Passagiere wurden zunächst zum Parkhaus gegenüber vom ICE-Bahnhof gebracht. „Wir haben sie mit einem Mannschaftstransportfahrzeug vom Parkhaus zur Höheren Handelsschule transportiert“, so Winterscheidt. Im Berufskolleg übernahm das Deutsche Rote Kreuz die Betreuung. „Außerdem hatten wir auf der Feuer- und Rettungswache einen Löschzug in Bereitschaft.“ Im Kreishaus waren die Führungskräfte von Polizei, Bundespolizei, Rettungsdienst und Feuerwehr zur Besprechung zusammengekommen.
Gegen 0.45 Uhr war der Einsatz beendet – noch in der Nacht wurde der Staatsschutz hinzugezogen
Polizisten durchsuchten sowohl den Waggon als auch den Festgenommenen. Bei dem 20-Jährigen aus Aachen fanden die Einsatzkräfte zwei Messer, eine Maske sowie zwei frei verkäufliche Sprengkörper, „vermutlich aus dem Airsoft-Bereich“, sagte Stefan Birk, Sprecher der Kreispolizeibehörde Rhein-Sieg, noch am späten Abend.
Gegen 0.45 Uhr war der Einsatz beendet und der Zug wieder freigegeben. Noch in der Nacht wurde auch der Staatsschutz der Bonner Polizei zu den Ermittlungen hinzugezogen. Auch für die Siegburger Feuerwehr war der Einsatz beendet: „Wir sind danach nochmal auf die Wache gegangen und haben uns bei den Ehrenamtlern bedankt“, berichtet Winterscheidt.
Am Freitagmorgen (3. April) übernahm der Staatsschutz die Ermittlungen. Am Mittag dann veröffentlichten die Generalstaatsanwaltschaft und die Polizei Bonn eine gemeinsame Erklärung. Es werde gegen den Aachener unter anderem wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung sowie Verstößen gegen das Sprengstoff- und das Waffengesetz geführt. „Dabei prüfen die Ermittler insbesondere die Motivlage des 20-Jährigen. Eine politische Motivation kann derzeit nicht ausgeschlossen werden.“
Medienberichte, dass der 20-Jährige ein polizeibekannter Rechtsextremer sei, bestätigte die Staatsanwaltschaft nicht.
Um 16.41 teilten die Behörden dann mit, dass ein Ermittlungsrichter in Aachen Haftbefehl gegen den 20-Jährigen erlassen hat. Der mutmaßliche Täter wurde in eine Justizvollzugsanstalt gebracht. Ihm werden versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung und Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz vorgeworfen. Es soll aber auch Erkenntnisse auf eine psychische Erkrankung des Beschuldigten geben.
