Bei der Durchsuchung der Wohnung fanden Ermittler Hitlers „Mein Kampf“ und ein krudes „Manifest“ des Festgenommenen.
Zugriff in SiegburgICE-Attentäter kündigte Anschlag gegenüber Medien an

Am Bahnhof Siegburg ist es am Donnerstagabend zu einem großen Polizeieinsatz gekommen.
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In einem ICE auf dem Weg von Aachen nach Frankurt hat am Donnerstagabend ein junger Mann mit einem Anschlag gedroht und zwei Sprengvorrichtungen gezündet. Wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ aus Sicherheitskreisen erfuhr, ist der 20-jährige Tatverdächtige in der Vergangenheit beim Aachener Staatsschutz der Rubrik „Politisch motivierte Kriminalität rechts“ zugeordnet worden.
Zugleich gebe es Hinweise auf erhebliche psychische Probleme. Die Ermittlungsbehörden betonen, dass die Motivlage weiterhin offen ist – eine politische Motivation werde derzeit nicht ausgeschlossen.
Tatverdächtiger verschickte Mails ans „ZDF“ und den „Spiegel“
Nach Informationen dieser Zeitung hatte der Mann am Donnerstagabend auf dem Hauptbahnhof Aachen den ICE 19 bestiegen. Kurz darauf verschickte der mutmaßliche Extremist an das „ZDF“ und das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ Mails. Weitere Nachrichten gingen unter anderem an die Bundesregierung.
In den Mitteilungen kündigte der Mann einen Anschlag auf der Reise von Köln nach Frankfurt an. Demnach wollte er mit einem Messer so viele Menschen wie möglich töten. Ehe die Medien die zuständige Bundespolizei oder die Kreispolizei informieren konnten, ging bei der örtlichen Leitstelle ein Notruf durch einen ICE-Fahrgast ein. Der Zug wurde daraufhin auf dem Weg in Richtung Frankfurt außerplanmäßig im Bahnhof Siegburg/Bonn gestoppt.
Nach dem Stand der Ermittlungen soll der 20-Jährige kurz nach der Abfahrt aus Köln gegen 21 Uhr in einem Waggon mindestens eine sogenannte Softair-Granate gezündet beziehungsweise Gegenstände entzündet und geworfen haben. Dabei wurden Kunststoffkugeln freigesetzt, wodurch zwölf Reisende oberflächlich verletzt wurden. Ein Fahrgast soll ein Knalltrauma erlitten haben und wurde in ein Bonner Krankenhaus gebracht, konnte jedoch kurze Zeit später wieder entlassen werden.
Im Anschluss zog sich der Verdächtige den Ermittlungen zufolge in eine Zugtoilette zurück. Mehrere Reisende griffen ein: Ein junger Mann folgte dem Täter und hielt die Tür so lange zu, bis die Bundespolizei eintraf. Die Beamten nahmen den 20-jährigen Deutschen am Bahnhof fest. Der Zug wurde geräumt, die rund 180 Fahrgäste mussten den ICE verlassen. Viele Reisende seien am Abend mit Koffern unterwegs gewesen – kurz vor dem langen Osterwochenende.
Wohnung durchsucht: Hinweise auf mögliche Motivierung
Die Passagiere wurden nach Angaben der Behörden und der Bahn in Siegburg unter anderem in einer nahegelegenen Turnhalle betreut. Feuerwehr und Notfallseelsorger kümmerten sich um Betroffene. Der Zug sowie die Gleise wurden anschließend untersucht und später wieder freigegeben; der Bahnverkehr in der Region war vorübergehend eingeschränkt.
Bei der Durchsuchung des Tatverdächtigen, gegen den am Karfreitag Haftbefehl erlassen wurde, fanden die Beamten zwei Messer, eine Maske sowie weitere Rauchkörper. Die am Tatort eingesetzten und gezündeten Gegenstände werden derzeit kriminaltechnisch untersucht. Nach aktuellen Erkenntnissen handele es sich um Sprengvorrichtungen, teilten Ermittler mit. Details nannten die Behörden zunächst nicht.

Polizistinnen und Polizisten sicherten den Bahnhof.
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Die weiteren Ermittlungen haben die Terrorabteilung der Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf sowie der Staatsschutz der Bonner Polizei übernommen. Im Raum stehen unter anderem der Verdacht des versuchten Mordes, der gefährlichen Körperverletzung sowie Verstöße gegen das Sprengstoff- und das Waffengesetz.
Bei der Durchsuchung der Wohnung des Verdächtigen fanden die Ermittler nach Erkenntnissen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ sowohl Hinweise auf die islamistische Szene als auch Hitlers Buch „Mein Kampf“. Auch wurde ein krudes „Manifest“ beschlagnahmt, das offenbar den Schluss nahelegt, dass der Angriff im ICE nicht auf eine klare ideologisch motivierte Ideologie basiert.
„Aufgrund der vorgefundenen Beweismittel und der bisherigen Erkenntnisse über die Person“ könne ein politisches Motiv derzeit trotzdem noch nicht ausgeschlossen werden, sagte eine Sprecherin der Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf. Zugleich prüfen die Ermittler, ob seelische Probleme eine maßgebliche Rolle spielten und ob es dem Beschuldigten möglicherweise vor allem um Aufmerksamkeit ging.
