Schauergeschichten, Romane von 14-jährigen Autorinnen oder ein Kampf von Gemüse gegen Früchte, beim Tag der jungen Schreibenden war Vielfalt geboten.
Stadt-Land-Fluss-FestivalJunge Autorinnen präsentieren ihre Werke im Windecker Kulturhafen

Kim Ly gelang der Spagat ernsten Bezug zur Realität, die Menschen spaltet extrem einfallsreich und witzig ans Ohr der Zuhörer zu bringen. Im Hintergrund ihre Figuren als Zeichungen.
Copyright: Sylvia Schmidt
„Fruits vs. Vegetables“ (Früchte gegen Gemüse) – die 18-jährige Kim Ly aus Montabaur liebt Comics und Mangas und trug unter dieser Überschrift eine verrückte und maximal unterhaltsame Kurzgeschichte mit stark symbolischem Wahrheitsgehalt vor. Im Rahmen vom Stadt-Land-Fluss-Festival in Windeck und im Westerwald, bereitete der Kulturhafen in Au jungen Schreibtalenten eine Bühne im geschützten Garten. Fünf junge Teilnehmerinnen schossen ihre erstaunlichen literarischen Leuchtfeuer ab und die zahlreiche Zuhörerschaft bekam unbedingt Hörenswertes auf die Ohren.
In Kim Lys Story lebt der junge Andi Appel in der Heutezeit in Frutopia. Seine Großmutter Avery Apple erzählt ihm vom Streit, der vor zweihundert Jahre zuvor zwischen Mandarine und Brokkoli ausgebrochen war und zu einem großen Krieg führte. Der teilte das Land in Frutopia (Obst) und Vegetania (Gemüse). Seither herrscht Hass, beide Länder sind durch eine Mauer getrennt. Kim Lys Protagonisten haben herrliche Namen und Rollen: Patrik Potato, Prinz Bruce Broccoli II., Barney Banana und viele mehr. Diese hat sie nicht nur beschrieben, sondern auch gemalt und ihnen Frucht- oder Gemüsekörper verpasst. Während sie las, hielten zwei Freunde diese Bilder hoch, es war das reinste Vergnügen, die zehn Minuten Lesezeit, die jeder hatte, waren im Nu vorüber.
Grusel-Geschichten aus der Familie und Nostalgie in der Stadt
Anselm Sellen, von der ersten Stunde an Festival Mit-Initiator, führte als Moderator durch den Nachmittag. Munter blies, zupfte, spielte und sang nach jedem Vortrag die Band „Jua“. Greta (16) und Gya (21) teilten sich die Vorlesezeit und traten dafür zweimal mit Texten an. Grusel-Geschichten aus der Familie hatte Greta zu Papier gebracht. „Wir sind vier Kinder. Einer davon noch besonderer als die anderen.“

Literatur im Garten vom Kulturhafen in Au mit jungen Autorinnen und Autoren.
Copyright: Sylvia Schmidt
An einem Abend an St. Martin hatte jedes der Kinder 15 Kilogramm Süßes gesammelt. Die waren nun mit Namen versehen im Keller gebunkert, als etwas Unverschämtes geschah. „Kinder sind Monster“, weiß die Jungautorin und schreibt weiter, es gebe Schlimmeres, nämlich das Unheil auf zwei Beinen. Das raschelte im Keller. Mit dem Brotmesser bewaffnet schleicht die Autorin dem Geräusch nach. Das Unheil auf zwei Beinen stand schokoladenbeschmiert dort im Schlafanzug mit rosa Sternchen.
17-Jährige liest aus ihrem Buch „The Hunted“
Studentin Gya aus dem benachbarten Bitzen beobachtet in ihrer Story, wie die Farbe vom Bahnhof abblättert. Sie spürt seltsame Nostalgie, wenn sie Kopfhörer tragend durch die Städte fährt und fragt sich, wer ihr die (toten) Musiker zeigte, die sie so vergöttert: Johnny Cash, Billy Idol, Alicia Keys und Nina Hagen… . „Auch wenn die beiden keine Männer sind, ich bin nicht nur studientechnisch dual unterwegs.“
Die 17 Jahre alte Sophie schreibt seit zwei Jahren an ihrem Buch „The Hunted“. Bei der düster beschriebenen Stimmung, scheint der Zuhörerschaft der Atem zu stocken. Mit präzisen Bewegungen greift ihre Hauptfigur Xavier nach dem schwarzen Koffer auf der Rückbank. Der Timer läuft, noch 30 Sekunden. Die Bombe zündet, dann liegt Asphaltgeruch in der Luft. Im Rosewood Hotel, Zimmer 304, endet das Kapitel explosiv. Zwei junge Leute halten auch hinter Sophie gezeichnete Plakate zur Szenerie im Hintergrund hoch.
Szenenwechsel: Leni aus Wissen nimmt mit Buch in der Hand Platz. Es ist ihr 254 Seiten umfassenden Buch „Rallou – Magie kommt ungebeten“. Im vergangenen Herbst wurde ihr Werk unter 500 Einsendungen vom Casimir-Verlag als Wettbewerbssieger gekürt. In ihrem Fantasy-Roman erwacht das Mädchen Rallou nach acht Jahren Schlaf in einer Welt, die sie nicht wiedererkennt.
Autos fliegen durch die Luft, warme Landschaften sind von Schnee bedeckt. Wird sie sich in dieser Welt zurechtfinden – oder wird die Wahrheit alles zerstören, was sie zu kennen glaubte? Wovon andere träumen, Buch-Autorin zu werden, Leni hat es geschafft. Übrigens ist sie jetzt 14 Jahre alt und schreibt fleißig weiter, denn Rallou wird eine Trilogie.
