Zwei Künstler aus dem Iran, die schon lange im Rhein-Sieg-Kreis leben, berichten, wie sie die Demonstrationen und die politische Lage im Iran einschätzen.
„Folge menschenverachtender Politik“Iraner in Rhein-Sieg zwischen Sorge und Hoffnung

Proteste in Teheran im Januar 2026.
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Irak, Lybien, Syrien, Sudan, die Liste von Krieg und Chaos heimgesuchter Länder lässt sich fortsetzen: Der Troisdorfer Künstler Masoud Sadedin fürchtet, dass auch bald sein Heimatland Iran eingereiht werden könnte. Grund für seine Befürchtungen sind Drohungen von Donald Trump, militärisch gegen das Regime vorzugehen.
„Meiner Meinung nach ist das der falsche Weg“, erläutert der 69-Jährige, der sich nicht nur Freunde macht, wenn er vor einem Sturz des Regimes warnt. Aber ein friedlicher Übergang hin zu einem demokratischen Staat wäre ihm entschieden lieber.
„Iran ist eigentlich ein fortschrittliches Land“, sagt Masoud Sadedin
„Iran ist eigentlich ein fortschrittliches Land mit vielen gut ausgebildeten Menschen, mit Kreativen, Wissenschaftlern und Ärzten, die eine solche Entwicklung tragen könnten.“ Zudem sei das Land reich an Bodenschätzen, nicht nur an Öl, das die Amerikaner eher im Fokus haben dürften als demokratische Verhältnisse. Das Bild, das in westlichen Medien vom Iran gezeichnet werde, sei oft zu einseitig und schwarz.
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Künstler Masoud Sadedin in seinem Atelier im Kunsthaus Troisdorf
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Als schädlich sieht er die massiven Sanktionen an, die dem Weg zu einer freien Gesellschaft im Weg stünden. Sie beflügeln seiner Ansicht nach vor allem die weitverbreitete Korruption, die, neben vielen Fehlern der Regierung, ein großes Problem darstelle. Entsprechend hat er Verständnis für die aktuellen Proteste vor allem junger Leute.
Das Land sei gespalten, in eine Oligarchie, die sich seit den Zeiten von Staatspräsident Rafsandschani (1989 bis 1997) ungeniert bereichere, und breite Bevölkerungsteile, denen das Nötigste zum Leben und jede Perspektive fehle. „Die Proteste waren zu Beginn friedlich“, betont Sadedin. Er gehe aber davon aus, dass sie von westlichen Provokateuren unterwandert worden seien, bis hin zu Angriffen auf Sicherheitskräfte.
Sadedin malt Bilder von selbstbewussten, unverschleierten Frauen
Sadedin reist seit vielen Jahren in den Iran und stellt seine Bilder aus. In seiner Wahlheimat Deutschland erhielt er 2016 den Rheinischen Kunstpreis (Kunstpreis des Rhein-Sieg-Kreises). Seine Bilder zeigen oft Porträts von selbstbewussten und unverschleierten Frauen. Eher indirekt sei das auch als politische Äußerung zu sehen.
Die Situation von Frauen habe sich seiner Beobachtung nach in jüngster Zeit etwas gebessert, immer öfter sehe er in Teheran Frauen ohne verhülltes Haar. An den Sohn des 1979 gestürzten Schahs Reza Pahlavi knüpft er keine großen Erwartungen für die Zukunft, befürchtet eher einen weiteren Autokraten, der das Land nicht weiterbringen würde. „Wir brauchen vor allem Rechtsstaatlichkeit, die Hoffnung darauf gebe ich nicht auf.“
1986 kam Masoud Sadedin als politisch Verfolgter mit seinen Verwandten nach Deutschland. „Wir waren eine sehr politische Familie, vor allem mit meinem Vater als Gewerkschaftler, und mussten mit Repressionen rechnen.“ Der Künstler bezeichnet sich selbst als Pazifisten. Nach seinem Studium der Bildenden Künste an der Universität Teheran geriet er als Wehrpflichtiger in den Krieg zwischen Iran und Irak. „Zwei Jahre lang bin ich an die Front gefahren, viele Kilometer weit durch zerstörte Dörfer und rauchende Trümmer. Als junger Leutnant musste ich zeitweise 90 Leute befehligen. Viele reden von Krieg und wissen gar nicht, was das bedeutet.“
Hennefer Musiker ist überzeugt, dass der Umschwung im Iran nicht aufzuhalten ist
Wenn der Hennefer Omid Shirazi die Bilder der Proteste im Iran sieht, dann sieht er vor allem eine unausweichliche Entwicklung. „Ein totalitäres Regime beutet seit 47 Jahren die Menschen aus“, sagt er. „Seit Tag eins, als die Ajatollahs an die Macht kamen, ging es mit dem Land wirtschaftlich bergab.“ Heute hat das Land eine Inflationsrate von etwa 50 Prozent.
Seit er als 14-Jähriger vor dem Iran-Irak-Krieg nach Deutschland floh, hat er die Entwicklung in seinem Heimatland Iran beobachtet, die „menschenverachtende Politik, die mit Sanktionen gegen die Bevölkerung vorgeht, die Frauenrechte, zivilrechtliche Freiheit, künstlerische Entfaltung und Gemeinschaft unterdrückt“. Für den 54-Jährigen sind die Proteste in Teheran die stärksten, die es bislang gegeben hat. Er habe nicht nur die Hoffnung, nein, er sei davon überzeugt, dass es einen Umschwung geben werde.
Noch bestehe bei der iranischen Zivilbevölkerung wohl die Hoffnung, dass Hilfe aus dem Westen komme. Doch das, so seine Einschätzung, werde nicht passieren. Vielmehr sieht er den Iran im Zentrum eines „3D-Schachspiels“ der Großmächte, die andere Interessen verfolgten als die Freiheit der Bevölkerung. Öl, seltene Erden, Metalle, die strategisch günstige Lage machten das Land interessant.
Seit dem Internet-Shutdown keinen Kontakt mehr zur Familie in Teheran
Als Teenager beobachtete Shirazi, wie Gleichaltrige emotionalisiert wurden, wie ihnen der Schlüssel zum Paradies versprochen wurde, sollten sie sich freiwillig zum Kriegsdienst melden. Ein Mitschüler, 13 Jahre alt, folgte dem Ruf. „Drei Tage später war er wieder zurück - im Sarg.“ Später hörte Omid von Soldaten, dass die rekrutierten Teenager ohne Ausbildung an die Front und dort über die Minenfelder geschickt worden seien, um der Armee den Weg freizumachen.

Der Iraner Omid Shirazi lebt in Hennef und floh vor 40 Jahren aus Teheran. Er ist als Musiker und Performer unter dem Künstlernamen Om-Shir bekannt.
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Die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen bewegten den Jugendlichen, seine Familie und seine Heimat zu verlassen und zu seiner Schwester nach Deutschland zu ziehen. „Meine Eltern haben mir die Entscheidung gelassen, ich habe im Iran keine Perspektive gesehen“, sagt Shirazi. Er studierte Musik, lebt heute als Performer, Musiker und Produzent, der unter dem Künstlernamen Om-Shir auftritt.
Teile seiner Familie leben noch im Iran, seit dem Internet-Shutdown durch Irans Regierung hat er keinen direkten Kontakt mehr. „Ich habe gehört, dass es ihnen gut geht, dass sie nicht verhaftet wurden, dass sie nicht verletzt sind.“ Nicht alle haben diese Gewissheit. Eine iranische Freundin aus Köln habe seit einigen Wochen nichts mehr von ihrem Vater gehört, bis sie ihn jetzt auf Social Media entdeckte, wie er neben der Leiche ihres Cousins stand. „Das kann man sich nicht vorstellen, was das bedeutet“, sagt Shirazi, „Kriegsverbrechen werden begangen, Menschen werden mit Kriegsmunition beschossen.“

