Im Klammergriff der SittenwächterHenneferin bangt um Angehörige im Iran

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In der Teheraner Villa der Familie spielte das Mädchen unbeschwert, auch mit Jungen. 

Hennef – Die Videos auf dem Handy haben sie auf Umwegen erreicht: Sie zeigen eine Staatsmacht, die auf friedliche Bürger schießt. Junge Protestierende, die trotz Gefahr in die Kamera sprechen. Künstler, die persische Freiheitslieder anstimmen. Nora Trimborn sitzt an ihrem Esstisch in Hennef und ist mit dem Herzen im Iran, in ihrer alten Heimat. „Wenn ich dort wäre und wenn ich kein Kind hätte“, sagt die 33-Jährige, „würde ich auch auf die Straße gehen.“

Die Internetströme in die islamische Republik sind gekappt, mehr als zwei Wochen hatte sie keinen Kontakt zu den Großeltern in Teheran. Kürzlich die ersten Worte am Telefon, ein Cousin hatte die Verbindung hergestellt über ein ausländisches Netz: Was macht ihr, wie geht es euch, wirken die neuen Medikamente? „Mein Großvater ist 98 und sehr krank.“

Am Telefon reden sie nicht über Politik

Bloß keinen Kommentar zur Politik, sagt sie, man wisse nie, ob jemand mithöre, in der Leitung rauschte es. Aktuell schwinge die Angst noch stärker mit. „Vielleicht stürmen sie das Haus und ballern meine Familie weg.“

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Beim Besuch in Teheran im Jahr 2017 trug Nora Trimborn das Kopftuch locker – ohne Folgen.

Auch die Iraner im Ausland, in Deutschland lebten seit Jahrzehnten mit Bespitzelungen des Regimes. Wenn sie öffentlich spreche, wenn sie ihr Gesicht zeige, könne das Folgen haben, sagt die studierte Betriebswirtin. Aber einschüchtern lassen will sie sich nicht: „Die Welt muss das mitkriegen.“

„Ich trug das Kopftuch wie Mahsa Amini“

2017 war sie zuletzt im Iran, kurz nach ihrer Hochzeit, ihr deutscher Ehemann sollte die Familie kennenlernen, ihre Heimat. Sie habe sich wie alle den Bekleidungsvorschriften unterwerfen müssen: „Damals trug ich das Kopftuch genauso wie Mahsa Amini.“ Die junge Frau wurde, weil sie ihr Haar nicht ganz bedeckt hatte, von der Sittenpolizei festgenommen und starb in der Haft.

Der Auslöser der massiven Proteste – aber nicht die Ursache, sagt Trimborn: „Es geht nicht ums Kopftuch, es geht nicht gegen die Religion, es geht um die Freiheit.“

Die Lage im Land wird immer schlechter

Das Regime regiere mit immer härterer Hand, Corona verschärfte die Wirtschaftskrise, es gebe kein soziales Netz, nur eine mangelhafte medizinische Versorgung, keine Lohnfortzahlung, ohne Vitamin B oder Zahlungen unter der Hand keine Chancen. Die Inflation galoppiere, wer die explodierenden Mieten nicht mehr zahlen könne, lebe in Kartons.

Alles werde zensiert, selbst harmlose Trickfilme wie „Der König der Löwen“. Szenen, in denen die Tiere ihre Köpfe aneinanderreiben: „Rausgeschnitten!“ Die junge Generation, überwiegend gut ausgebildet, sehe sich in einer Sackgasse. Die Frauen treffe das noch mehr: „Sie haben weniger Rechte, sind weniger wert.“

Das Leben im Iran war zweigeteilt

Deutschland, das war zunächst ein Kulturschock, sie lernte den Karneval kennen und Punks, sie büffelte Deutsch, machte ihr Abitur, studierte, arbeitet für ein großes Unternehmen. Und sie genoss die Freiheit, von der sie zu Hause schon gekostet hatte, in der Villa der Familie.

Zur Person

Seit 15 Jahren lebt Nora Trimborn in Deutschland. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag folgte ihr Vater, ein Maschinenbauingenieur, seinen Eltern und seinem Bruder ins Exil. Nora wuchs nach der Scheidung der Eltern beim Vater auf – das ist im Iran üblich und sei auch ihr Wunsch gewesen. Die Mutter lebt in England.

 Nora, so hatte sie ein Lehrer in Deutschland genannt, der ihren iranischen Namen nicht aussprechen konnte. Den Nickname nutzt sie seitdem weiter. (coh)

Es war ein zweigeteiltes Leben: „Ich spielte mit Jungen, planschte im Bikini im Pool. Im Laufe der Jahre wurden die Mauern ums Haus immer höher, damit niemand hineinschauen konnte.“ Und draußen warteten die Sittenwächter.

Den Sohn erzieht die Familie dreisprachig

Derzeit ist sie in Elternzeit. Die Familie feiert Ostern und Weihnachten genauso wie das persische Neujahrsfest. „Schon mein Opa hat immer gesagt, man muss in einem anderen Land die Kultur kennenlernen und verstehen“, sagt die 33-Jährige in perfektem, akzentfreien Deutsch. Der Sohn wird dreisprachig erzogen, deutsch, persisch und englisch. „Wer weiß, wo er mal leben wird.“

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Ob er die Großeltern im Iran einmal umarmen kann? Nora Trimborn will die Hoffnung nicht aufgeben, dass das Mullah-Regime entmachtet wird, dass die friedliche Revolution der Jugend Kreise zieht und siegt. „Die Iraner haben so viel Potenzial. Uns wird in die Wiege gelegt, dass man etwas erreichen muss.“

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