Auch Sascha Wiedenhöfer, der in der Halle eine Jetski-Werkstatt betrieb, steht vor dem Nichts. Spendenkampagnen wurden die Opfer des Feuers gestartet.
Nach dem Großbrand in RheidtMutter aus Niederkassel und ihre zwei Kinder haben alles verloren

Das Zuhause von Mathilda (10) und Mika (4) und ihrer Mutter Fabienne Oelschläger (Mitte) ist bei dem Großbrand in Niederkassel-Rheidt zerstört worden, sie leben derzeit bei Gerhard (r.) und Swantje Voosen (l.)
Copyright: Marius Fuhrmann
Mika freut sich: Gerade hat es an der Tür geklingelt, der Vierjährige hat eine Autorennbahn geschenkt bekommen. Seine Schwester Mathilda (10) und seine Mama Fabienne Oelschläger (35) leben seit drei Tagen bei Freunden. Ihr Zuhause ist bei dem Großbrand einer Gewerbehalle in Niederkassel-Rheidt zerstört worden. Seitdem erfährt die dreiköpfige Familie eine große Welle der Hilfsbereitschaft – die bereits begann, als das Feuer noch nicht gelöscht war.
Fabienne Oelschläger sieht man die Spuren der vergangenen Tage an: „Es war grauenhaft. Ich saß auf der Arbeit am PC und wollte gerade Pause machen, als die ersten Nachrichten aufploppten – brennt eure Halle? Ich arbeite drei Minuten entfernt und bin sofort hingerast“, schildert sie. Sie sah die gewaltige Rauchsäule, die Flammen, die ihrer Wohnung immer näher kamen. „Ich bin – natürlich völlig irrational – in die Wohnung gerannt, um unsere Katze zu suchen. Die ist in der Aufregung allerdings von meinem Arm gesprungen und weggelaufe. Es flogen Teile herum, der Wind hat das Feuer voran getrieben“, sagt Oelschläger.
Die dreiköpfige Familie lebt seit dem, Brand in Niederkassel mitsamt Hund bei Freunden
Ein weiteres Mal habe sie nicht hinein laufen dürfen, die Polizei habe sie abgehalten. „Da hat die Wohnung noch nicht gebrannt, aber das Feuer war nicht aufzuhalten. Es ist alles pulverisiert, ich kann nun in mein Schlafzimmer gucken.“ Auch die Wohnung des Nachbarn unter ihnen, ein älterer Herr, sei zerstört worden. Noch unter Schock habe ein Notfallseelsorger sie zu Swantje Voosen gebracht, ihrer Arbeitskollegin und Freundin. „Und ich kam herein, da lag schon alles voller Kleidung – das war überwältigend“, sagt Oelschläger.
Voosens Mann Gerhard ist bei der Freiwilligen Feuerwehr. „Als er mir schrieb, dass die Halle in Vollbrand stehe, wusste ich, was das heißt“, schildert sie die Stunden am Dienstagnachmittag. „Ich habe eine Nachricht in die Schulpflegschaftsgruppe geschrieben und die benötigten Größen genannt – nach einer Stunde musste ich die Aktion wieder stoppen, weil so viele Sachen bei uns landeten. Hat aber nichts gebracht, die Leute haben teilweise sogar neue Sachen gekauft“, berichtet Voosen. Auch Möbel habe die Familie angeboten bekommen. „Das schauen wir uns am Wochenende in Ruhe an – erstmal brauchen die Drei eine Wohnung.“
Ich bin eigentlich jemand, der nur schwer Hilfe annehmen kann – aber dieses Mal sollte ich das vielleicht
Denn seitdem leben sie samt Hund unter dem Dach von Familie Voosen, auf der Gästeetage. Im Wohnzimmer stapeln sich die Spenden. „Meine Kuscheltiere sind weg, und meine Spielsachen“, sagt Mika auf die Frage, was in seinem Zimmer gewesen war. „Ich hatte dort selbst gemalte Bilder von meiner Oma, die letztes Jahr gestorben ist“, sagt die Fünftklässlerin Mathilda. Am Freitag habe die Mutter eine Wohnungsbesichtigung in Rheidt. „Ich brauche allerdings erstmal einen Wohnberechtigungsschein – die Stadt versucht, uns so unkompliziert wie möglich zu helfen“, sagt Oelschlager.
Auch ihre Katze Coonie ist wieder aufgetaucht, das „Team für Tiere“ aus Köln habe sie eingefangen. „Sie lebt bei meinem Ex-Mann, der uns auch sehr unterstützt“, so die 35-Jährige. „Ich bin eigentlich jemand, der nur schwer Hilfe annehmen kann – aber dieses Mal sollte ich das vielleicht“, sagt sie lächelnd. Bekannte haben auf der Plattform Gofundme eine Spendenaktion gestartet, auf der bereits über 12.000 Euro zusammengekommen sind. Die Familie ist dankbar für die Hilfsbereitschaft, insbesondere von Familie Voosen. „Wir spüren die Herzlichkeit hier und fühlen uns extrem wohl, wir haben das Gefühl, dass es das Zuhause ist, wenn auch nicht das eigene“, sagt die Mutter.

Auch das angrenzende Wohnhaus der Familie von Fabienne Oelschläger brannte ab.
Copyright: Marius Fuhrmann
18 Jetskis von Kunden standen zum Zeitpunkt des Brandes in der Halle
Das Handy von Sascha Wiedenhöfer steht am Tag nach dem Brand kaum fünf Minuten still. Immer wieder ruft ihn jemand an, um zu fragen, wie es ihm geht. „Nicht gut“, antwortet er meistens und erzählt das, was er immer wieder erzählt: Der 46-Jährige ist überregional als „Mr. Jet“ bekannt, denn in seinem Betrieb reparierte und wartete er Jetskis. Doch der ist vollständig abgebrannt.

Sascha Wiedenhöfer, bekannt als „Mr. Jet“, steht vor den Trümmern seiner ausgebrannten Jetski-Werkstatt.
Copyright: Marius Fuhrmann
„Das ist, als wenn jemand stirbt: Ein bis zwei Tage geht’s, dann bricht alles zusammen“, sagt er. Traurig blickt er über die verbrannten, vermutlich mit Asbest belasteten Ruinen. „Ich hatte eine Werkstatt, wie es sie kein zweites Mal gab, ich hatte viel Liebe ins Detail gesteckt, jeder Stift hatte seinen Platz“, berichtet er. 18 Jetskis standen zum Zeitpunkt des Brandes in der Halle, allesamt von Kunden. Jeder von ihnen sei rund 30.000 Euro wert.
Zwei Spendenkampagnen für die Brandopfer gestartet
Ausgelöst hat den Brand der Polizei zufolge wohl eine Verpuffung auf einem geparkten Unimog, der ebenfalls in der Halle stand. „Das war keine Verpuffung, das war eine Explosion“, widerspricht Wiedenhöfer. „Ich bin durch die Halle geflogen, meine Glasvitrinen mit Einzelstücken sind in Scherben zersprungen, obwohl es hinter der Wand war.“ Er habe den Lkw brennen sehen. Mit einem Gabelstapler sowie einem Radlader hätten er und eine weitere Person dann versucht, den Unimog aus der Halle zu ziehen. „Aber die Kette ist gerissen und der Unimog hat sich verkantet“, schildert Wiedenhöfer.
Hilflos musste er zusehen, wie das Feuer auf seinen Teil der Halle übergriff. Als die ersten Einheiten der Feuerwehr eintrafen, habe die Halle kurz vor der Durchzündung gestanden, so Einsatzleiter Frank Härtel. Das Betreten war bereits zu gefährlich, das mitgeführte Wasser reichte nicht, um den Brand zu begrenzen. Da es rund um die Gewerbehalle weit und breit keinen Hydranten gibt, musste die Feuerwehr das Wasser mit Tankfahrzeugen im Pendelverkehr liefern.
Wiedenhöfer hat keine Inventarversicherung. „Ich hoffe, dass die Haftpflicht des Unimogs den Schaden übernimmt, sonst bleibe ich wahrscheinlich auf Kosten von 500.000 Euro sitzen.“ Ein Freund habe auch für ihn eine Spendenkampagne auf Gofundme gestartet, mehr als 10.000 Euro sind bereits darauf eingegangen.
„Ich bin oft für andere da, ich spende für krebskranke Kinder. Dieses Geld ist nur für den Fall, dass die Versicherung nicht zahlt – ansonsten gebe ich es selbstverständlich weiter, zum Beispiel an die betroffenen Familien“, beteuert Wiedenhöfer.

