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WeiberfastnachtWarum es im Rhein-Sieg-Kreis kaum noch öffentliche Partys für Jugendliche gibt

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Verkleidete Jugendliche werfen die Arme in die Luft.

Die Fete für Jugendliche in der Hennefer Halle Meiersheide hat sich etabliert. (Archivfoto)

Weiberfastnacht ohne Treffpunkt: Warum Jugendpartys im Rhein-Sieg-Kreis scheiterten und welche Konzepte jetzt Hoffnung machen.

Wenn der Straßenkarneval beginnt, tummeln sich die Erwachsenen an Weiberfastnacht in Kneipen und Eventhallen. Für Jugendliche gibt es dagegen kaum Anlaufstellen. Dabei waren die Partys auf dem Siegburger, Hennefer und Sankt Augustiner Markt einmal jecke Sammelbecken mit regionaler Strahlkraft. Warum diese Veranstaltungen scheiterten und welche neuen Konzepte die Städte anstreben.

Auf dem Sankt Augustiner Karl-Gatzweiler-Platz fanden früher geschützte Partys statt

Für den Sankt Augustiner Stadtsprecher Benedikt Bungarten, der in der Stadt aufwuchs, waren die Weiberfastnacht-Partys auf dem Karl-Gatzweiler-Platz Teil der Schulzeit. „Das hatte seinen Ursprung in den 1990er-Jahren als eher spontane Treffen von Schülerinnen und Schülern umliegender Schulen“, erinnert er sich. Mit steigenden Besucherzahlen habe sich daraus eine offizielle Veranstaltung entwickelt, die etwa ab dem Jahr 2000 durch die Jugendförderung und später den Stadtjugendring organisiert und pädagogisch begleitet worden sei.

„Ziel war es, einen geschützten Rahmen für Jugendliche zu schaffen, in dem Karneval gefeiert werden konnte, ohne die Themen Sicherheit und Jugendschutz aus dem Blick zu verlieren“, sagt Bungarten. Doch mit den Jahren seien die Anforderungen deutlich gewachsen, vor allem durch höhere Sicherheitsauflagen, umfangreiche Absperrungen und Kontrollen und durch den Personaleinsatz von Ordnungskräften. „Somit fand die Party 2015 zum letzten Mal statt.“ In den Folgejahren hätten die Umgestaltung des Karl-Gatzweiler-Platzes und die Corona-Pandemie eine Neuauflage unmöglich gemacht.

Viele Jugendliche aus Rhein-Sieg fahren zum Feiern nach Köln

Nachdem die Bauarbeiten im Jahr 2024 beendet waren, sei die Weiberfastnachtsparty wieder ausführlich geprüft und von Seiten der Politik beraten worden. „Trotz des grundsätzlichen Interesses, Jugendlichen wieder ein Angebot vor Ort zu machen, haben die Rahmenbedingungen eine verantwortungsvolle Durchführung nicht zugelassen. Zudem hatte sich kein Veranstalter dafür gefunden“, schildert Bungarten.

„Dass Weiberfastnacht heute für viele Jugendliche anders erlebt wird, hängt sicherlich auch damit zusammen, dass die weiterführenden Schulen an diesem Tag häufig geschlossen sind. Damit fehlt ein strukturierender Ausgangspunkt. Viele Jugendliche orientieren sich stattdessen nach Köln“, vermutet er.

Hier in der Gegend gibt kaum Angebote, deswegen haben wir uns auch gar nicht groß informiert.
Gereon Trippe, Schüler

Nachgefragt bei einer Gruppe 18-Jähriger: Gereon Trippe geht auf die Gesamtschule Lohmar, wo der Unterricht nach der fünften Stunde endet. „Meine Gruppe ist ziemlich eng, wir wollen auf jeden Fall etwas zusammen machen“, sagt der Schüler. Nach Köln fahren wollten die Freunde aber nicht: „Da sind Menschenmassen, und man verliert sich häufiger aus den Augen“, glaubt Gereon. „Hier in der Gegend gibt es kaum Angebote, deswegen haben wir uns auch gar nicht groß informiert. Wir treffen uns nach der Schule bei mir und feiern dort – das ist im dritten Jahr Tradition.“

Seine Freundin Florentine Keller, ebenfalls 18 Jahre, stammt aus Windeck. „Vor zwei Jahren habe ich in der Halle Kabelmetal gefeiert, was anderes gibt es in Windeck aber auch nicht. Deswegen gehen einige Freunde dieses Jahr wieder hin“, sagt sie und fügt hinzu: „Ich gehe mit meiner Mama in den Saal Zur Küz nach Troisdorf. Es wird cool, da werden bestimmt auch ein paar Leute in meinem Alter sein.“ In Köln wolle sie irgendwann auch einmal Karneval feiern. Nur leider sei ihre Gruppe davon nicht zu überzeugen. „Was es in Troisdorf oder Siegburg speziell für Jugendliche gibt, weiß ich nicht.“

Feier auf dem Siegburger Marktplatz war früher ein zentraler Treffpunkt an Weiberfastnacht

Auch in Siegburg ist die Feier auf dem Markt längst Geschichte. Bis zur Corona-Pandemie war sie ein Magnet für Tausende Jugendliche aus umliegenden Städten und Gemeinden. Häufig gab es Probleme mit betrunkenen jungen Menschen, für Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz war der Karnevals-Donnerstag stets ein Stresstest. Ab 2016 übernahm erstmals ein gewerblicher Veranstalter die Fete. Die Verantwortlichen führten ein Eintrittsgeld – zunächst zwei Euro, später sieben Euro – und strenge Kontrollen ein, um Alkoholmissbrauch zu unterbinden. Nach der Pandemie-Pause floppte das Comeback 2023 völlig; nur noch etwa 150 Jecke feierten gleichzeitig auf dem Platz, weswegen die Marktfete 2024 endgültig abgesagt wurde. 

„Da aber der Wunsch aus der Politik nach einer entsprechenden Veranstaltung da war, haben wir im vergangenen Jahr eine Feier auf dem Gelände des Allee-Gymnasiums organisiert. Die mussten wir aber vorzeitig abbrechen, weil das Interesse zu gering war“, sagt Stadtsprecher Jan Gerull. Eine neuerliche Veranstaltung auf dem Markt wolle niemand: „Aus Jugendschutzsicht war das eine Katastrophe – wir waren als Stadt für die Sicherheit und das Verhalten der teils betrunkenen Jugendlichen verantwortlich.“

Aus Jugendschutzsicht war das eine Katastrophe – wir waren als Stadt für die Sicherheit und das Verhalten der teils betrunkenen Jugendlichen verantwortlich.
Der Siegburger Stadtsprecher Jan Gerull über die Feier auf dem Marktplatz

Die Verwaltung beteilige sich stattdessen mit Kosten und Personal an der Karnevalsfete im Kulturcafé. Das Jugendzentrum ist zwar klein, war in den vergangenen Jahren an Weiberfastnacht aber gut besucht. „Wir glauben, dass man auch ohne Alkohol viel Spaß haben kann. Sollte der Zustrom größer werden als gedacht, kann man im kommenden Jahr über eine Verlegung in eine größere Halle nachdenken – angesichts der Erfahrung der vergangenen Jahre erwarten wir das aber nicht“, sagt Gerull.

In Hennef zieht es junge Leute in die Halle Meiersheide

In Hennef dagegen hat sich eine neue Veranstaltung etabliert: Auch dort ist der Marktplatz verwaist, doch die Jugendlichen zieht es in die Halle Meiersheide – wohin sie mit Shuttlebussen vom Schulzentrum gebracht werden. Das Programm klingt attraktiv: Die Party dauert von 12 bis 17 Uhr, ein DJ sorgt für gute Laune, außerdem spielt eine Überraschungsband. Neben Pizza, Brezeln und Kamelle gibt es Getränke, alkoholfreie Cocktails sowie eine Fotostation. Mitfeiern dürfen Hennefer Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren – und das kostenlos.

Für jüngere Schulkinder gebe es zeitgleich eine Party im Jugendzentrum Key an der Frankfurter Straße, berichtet Stadtsprecher Dominique Müller-Grote. „Beide Veranstaltungen organisiert das Amt für Kinder, Jugend und Familie. Etwa 1000 Jugendliche zeigen, wie man auch ohne Alkohol Spaß haben kann.“

Der Ort der Party sollte gut zu erreichen sein. Nicht zuletzt ist auch die Präsenz pädagogischer Fachkräfte entscheidend.
Dominique Müller-Grote, Stadtsprecher Hennef

Die Kosten von 11.500 Euro trügen zu etwa 95 Prozent die Kinder- und Jugendstiftung und die Hennef-Stiftung der Kreissparkasse Köln, der Verein „Dasdigidings“ helfe bei der Technik. „Die Stadt muss so nur 1500 Euro beisteuern.“ Seit Ende der Pandemie habe sich die Veranstaltung etabliert, nicht zuletzt aufgrund eines sicheren Rahmens im Sinne des Jugendschutzes. Auch ein weiterer Umstand dürfte dazu beitragen: In Hennef haben die Schulen an Weiberfastnacht nicht geschlossen.

„Eine erfolgreiche Party für Jugendliche basiert auf einem durchdachten Konzept, das gezielt auf die Interessen und Bedürfnisse der jungen Zielgruppe eingeht. Dazu zählen ein attraktives Programm, abwechslungsreiche und niedrigschwellige Angebote sowie eine ansprechende und kostenfreie Verpflegung“, zählt Müller-Grote auf. Wichtige Faktoren seien außerdem effektive Werbung, zum Beispiel über soziale Medien, Aushänge an Schulen und in Jugendtreffs.

„Der Ort der Party sollte gut zu erreichen sein. Nicht zuletzt ist auch die Präsenz pädagogischer Fachkräfte entscheidend. Sie begleiten die Veranstaltung, bieten Hilfe bei Fragen oder Problemen und stehen den Jugendlichen während der gesamten Zeit als Ansprechpartner zur Verfügung“, sagt Müller-Grote. „Auf diese Weise entsteht eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der sich Jugendliche willkommen und wohlfühlen.“