In diesem Jahr fällt Ramadan mit der christlichen Fastenzeit vor Ostern zusammen.
Ostern und RamadanWas das Fasten für Christen und Muslime in Rhein-Sieg bedeutet

Das Fastenbrechen halten Muslime mit Freunden und Familie ab.
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Ramadan, der Fastenmonat aller Muslime, beginnt jedes Jahr zehn Tage früher als im Vorjahr. In diesem Jahr fällt er mit der christlichen Fastenzeit vor Ostern zusammen. Beim Fastenbrechen der Ditib-Gemeinde Siegburg trafen islamische Geistliche auf zwei christliche Theologen – und erklärten die Bedeutung der Fastenzeit ihrer Religion.
Beim Fastenbrechen werden Familie und Freunde nach Hause eingeladen
Güven Cinar ist zweiter Vorsitzender der Siegburger Moschee-Gemeinde. „Wir fasten im Ramadan von Sonnenaufgang bis -untergang. Dabei denkt man an die, die kein Essen haben“, erklärt er. Der neunte Monat des islamischen Kalenders sei der Zeitpunkt des Gebens. „Zakat, die soziale Pflichtabgabe, ist eine von fünf Säulen im Islam – das kommt im Ramadan besonders zum Tragen. Ich habe alles, was ich brauche, und davon gebe ich etwas ab.“

Güven Cinar, zweiter Vorsitzender der Ditib-Gemeinde in Siegburg.
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Durch das Fasten bereinige man den Körper, indem man auf Fett und Zucker verzichte. „Es ist aber auch ein Monat, in dem man den Koran lesen und verstehen soll. Jeden Abend wird in der Moschee ein separates Gebet gesprochen. Dass man beim Fastenbrechen Familie und Freunde nach Hause einlädt, ist gewollt.“ Hingabe und Gastfreundschaft stünden dabei im Vordergrund, erklärt Cinar. Kommenden Freitag endet der Ramadan, dann feiern Musliminnen und Muslime das Zuckerfest. „Da wird die Moschee rappelvoll sein: Es gibt ein Abschlussgebet, in dem es darum geht, dass alle, die Probleme haben, miteinander reden und den Streit hinter sich lassen sollen.“
Manche sehr katholische Familien machen das noch, sie essen zurückhaltend, nur wenig oder gar kein Fleisch
Während der Fastenzeit auf Essen und Trinken zu verzichten, sei in der katholischen Lehre nicht mehr so stark verankert wie früher, erklärt André Schröder vom Katholisch-Sozialen Institut auf dem Michaelsberg. „Manche sehr katholische Familien machen das noch, sie essen zurückhaltend, nur wenig oder gar kein Fleisch. Da spielt Tradition eine große Rolle.“ Generell sei das Fasten früher stärker ausgeprägt gewesen. „Da aß man auch mittwochs und freitags kein Fleisch“, berichtet Schröder. Das mag auch daran gelegen haben, dass viele Menschen sich es nicht leisten konnten.
„Bei Mainstream-Katholiken ist das aber keine spirituelle Praxis mehr.“ Das Fasten entspreche eher einem Heilfasten. „Man fährt seine Laster zurück, isst zum Beispiel nichts Süßes. Man lebt eine Enthaltsamkeit von schlechtem Verhalten, indem man bewusst drauf verzichtet.“ Diese Bewusstseinsänderung erlebe man auch im Islam. „Der Verzicht aus Essen und Trinken ist ja nur der sichtbare Teil davon.“

Matthias Lenz, evangelischer Pfarrer in Siegburg (l.), und André Schröder, Referent am Katholisch-Sozialen Institut auf dem Michaelsberg.
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Auch Matthias Lenz, evangelischer Pfarrer in Siegburg, erkennt im Protestantismus Parallelen zum Islam. „Das Teilen, die Anteilnahme am Hunger der Armen, einen Platz am Tisch anbieten – all das sind Traditionen, die im Austausch mit dem Islam entstanden sind.“
Fastenbrechen war bei den Reformern im Mittelalter ein Zeichen des Protests
Denn Fastenbrechen sei bei den Reformern im Mittelalter ein Zeichen des Protests gewesen: „Die Regeln der Kirche waren sehr streng, sie verboten den Leuten zeitweise den Verkehr von Fleisch, Milchprodukten und Eiern“, sagt er. Auch die Adventszeit, erinnert Lenz, sei ursprünglich eine Fastenzeit gewesen. „Deswegen hat der 11.11. so eine besondere Bedeutung: Sankt Martin war der Tag, an dem die Knechte ausbezahlt wurden, es wurden Märkte abgehalten und nochmal gefeiert, ehe der Advent begann.“
Erst in den vergangenen 30 bis 40 Jahren sei das Fasten in der evangelischen Kirche „individuell selbstbestimmt“ geworden, beschreibt Lenz. „Man versucht, in dieser Zeit bewusst auf Dinge zu verzichten und zu konsumieren. Alkohol, Süßigkeiten, das sind die Klassiker. Manche Menschen fahren auch ihren Internet-Konsum herunter.“ Es gehe darum, bewusst etwas zu tun. „Eine gute Tat am Tag vielleicht, Briefe schreiben, den Kontakt mit Freunden halten – das soll man sieben Wochen lang probieren und auch darüber hinaus etwas mitnehmen.“
Der Hang zum Schummeln, fügt André Schröder hinzu, sei indes so lang wie die Tradition des Fastens selbst: „Man denke an die Maultaschen, die man auch Herrgottsbescheißerle nennt, weil das Fleisch verborgen war. Oder man jagte ein Schwein durch den Wassertrog, weil man es dann als Fisch bezeichnen konnte.“

