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Zugunsten der Seenotrettung Pianist spielt in Sankt Augustin 16-Stunden-Konzert

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16 Stunden am Klavier plant Pianist Daniel Höhr für einen Spendenmarathon im Paul-Gerhardt-Haus ein.

Sankt Augustin – Pianist Daniel Höhr gibt einen Konzert-Marathon zugunsten der Seenotrettung: Am Samstag, 11. Dezember, spielt er im Paul-Gerhardt Haus Sankt Augustin von 6 bis 22 Uhr die „Vexations“ von Erik Satie 840-mal hintereinander – wie vom Komponisten vorgesehen. Mit dem Pianisten (48) aus Sankt Augustin sprach Annette Schroeder.

Wie sind Sie auf die Idee zu dem Marathon gekommen?

Daniel Höhr: Inspiriert hat mich der Pianist Igor Levit, der das Stück im Mai 2020 aufgeführt hat, um Geld für Künstler zu sammeln, die unter der Corona-Pandemie leiden. Das hat mich auf die Idee eines Spendenlaufs gebracht. Pfarrer David Bongartz von der evangelischen Kirchengemeinde Niederpleis und Mülldorf war sofort begeistert. Ich will auch verdeutlichen, dass es ein Luxus ist, in einem warmen Raum 16 Stunden zu spielen, im Vergleich zu den Stunden und Tagen, die Menschen in Seenot im Mittelmeer verbringen.

Das Stück heißt „Vexations“, also übersetzt Quälereien. Ist der Name Programm?

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Das bleibt ein Rätsel; vom Komponisten findet sich kein Hinweis. Vielleicht ist es die Atonalität, vielleicht ist die schiere Länge gemeint, die sich durch die Wiederholungen ergibt.

Wie bereiten Sie sich darauf vor, 16 Stunden zu spielen?

Ich habe eine Zeit lang die „Vexations“ eine halbe Stunde täglich gespielt, um das Stück wie selbstverständlich in die Hände zu bekommen. Es passt auf ein Notenblatt und ist technisch nicht schwer. Ich werde einen bequemen Stuhl und Kissen mitbringen. Aber man kann ja zwischendurch auch aufstehen und im Stehen spielen. Vor allem am Tag vor der Aufführung versuche ich dann, Saties Anweisung umzusetzen, sich „in größter Stille“ und mit „ernster Regungslosigkeit“ vorzubereiten.

Profitieren Sie von der Erfahrung anderer Musiker?

Ich habe mir die Zählmethode von Igor Levit abgeguckt, 840 Notenblätter zu benutzen und nach jeder Wiederholung ein Blatt auf den Boden fallen zu lassen. Das sieht auch schön aus. Ich werde mich an Levits Tempo orientieren und etwa eine Minute und zehn Sekunden für jeden Durchgang einkalkulieren – einfach weil ich das Stück auch so fühle.

Wie viele Pausen haben Sie eingeplant?

Ich will so lange und so nahtlos wie möglich spielen, werde aber sicher einige Pausen machen müssen. Die will ich aber so kurz wie möglich halten und dabei mit niemandem sprechen. Zu essen und zu trinken bringe ich mir ein paar Kleinigkeiten mit, die ich am Flügel platziere.

Wie, glauben Sie, wird sich Ihre Beziehung zum Stück verändern? Rechnen Sie mit Widerstand, mit Erschöpfung, oder damit, dass Ihnen die Komposition ans Herz wächst wie ein Familienmitglied?

Sicher wird es Phasen der Erschöpfung und des Widerwillens geben, aber auch der Ruhe und Ausgeglichenheit. Ich stelle mir vor, es wird so sein, als ob ich den Tag über mit einem Fremden einen intensiven Austausch pflegen werde und wir am Ende miteinander vertraut sind. Vielleicht lieben wir uns, vielleicht hassen wir uns. Konfliktfrei wird das nicht werden – aber sehr, sehr spannend.

Taucht man durch diese vielen Wiederholungen in einen tranceähnlichen oder meditativen Zustand ein?

Davon gehe ich aus. Es ist ja ein Mantra, das ständig wiederholt wird, wenn auch sicher nie gleich. Der Notentext hat außer „très lent“ („sehr langsam“) keinerlei Anweisungen. Das heißt, was Phrasierung, Dynamik und Ausdruck angeht, gibt es viel Raum zur Entfaltung.

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Aber ja, ich erwarte eine gewisse spirituelle Erfahrung. Die Aufführung ist in einer Kirche, und so wird es auch für mich ein Gebet sein. Vor vielen Jahren habe ich einen Kurs in Zen-Meditation mitgemacht, allerdings bin ich da nicht weit gekommen. Ich bin eigentlich jemand, der nie so richtig zur Ruhe kommt. Vielleicht helfen mir die „Vexations“ – ein Stück Eigentherapie also.

Wie viel Zeit sollte sich das Publikum für dieses ungewöhnliche Musikerlebnis nehmen?

Die Aufführung wird eher eine Art von Performancekunst als ein Konzert sein. Die Verweildauer ist natürlich ganz individuell. Es gibt Berichte, dass diejenigen, die alle 840 Wiederholungen aushalten, über eine ähnliche Abfolge von Reaktionsphasen berichten: zuerst Faszination, die in Erregung übergeht, dann in eine allumfassende Agonie und schließlich in einen Zustand tiefer Ruhe.