Der ehrenamtliche Besuchsdienst „4 Pfoten für Sie“ ermöglicht Susanne Kramarz-Bein den Kontakt zu Hunden. Diese haben einen besonderen Platz in ihrem Herzen.
„Bereicherung für mein Leben“Wie zwei Hunde eine kranke Sankt Augustinerin glücklich machen

Die Chemie zwischen Susanne Kramarz-Bein, Silva (l.) und Kutja stimmte von Anfang an.
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Es klingelt an der Tür. Kurz darauf stürmen zwei Hunde durch den Flur in das Wohnzimmer von Susanne Kramarz-Bein und ihrem Mann Thomas Bein in Sankt Augustin. Nach kurzer Begrüßung läuft Kutja (4), ein rumänischer Terrier, direkt weiter in den Garten. Silva (8), ein amerikanischer Terrier, tänzelt um Kramarz-Bein herum – die Hündin hat schon die Leckerlis gerochen, die in einem alten Marmeladenglas auf dem Wohnzimmertisch stehen. Mit kurzem Abstand folgt Hundebesitzerin Anna Jonas. Sie hat Kramarz-Bein ein kleines Vergissmeinnicht im Topf mitgebracht und begrüßt die 67-Jährige herzlich.
Susanne Kramarz-Bein ist seit 25 Jahren an Multipler Sklerose erkrankt und leidet unter Gedächtnisschwierigkeiten sowie Problemen mit Raum und Zeit. Seit einem Dreivierteljahr kommt jeden Dienstag gegen 17 Uhr Anna Jonas mit ihren beiden Hunden vorbei. Sie arbeitet für „4 Pfoten“, einen ehrenamtlichen Hundebesuchsdienst für Menschen mit Demenz und anderen neurologischen Erkrankungen.
„Ich habe noch nie ohne Hunde gelebt, wir haben immer Hunde gehabt. Eigene Hunde habe ich seit … puh, 1990?“, erzählt Jonas. Die 60-Jährige arbeitet sonst als Zahnärztin in Kitas und Schulen. Silva ist mit sechs Jahren zu Jonas gekommen, Kutja ist seit anderthalb Jahren bei ihr. Beide Hunde sind aus dem Tierschutz, Kutja aus Rumänien und Silva aus dem Kölner Verein „Pit-Staff“, der Listenhunde aufnimmt und auf ihr neues Zuhause vorbereitet. „Die Alexianer sind die einzigen, die keinerlei Einschränkungen im Hinblick auf die Rassenzugehörigkeit machen“, berichtet Jonas.

Anna Jonas hat Silva (vorn) und Kutja aus dem Tierschutz.
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Thomas Bein ist bei einer Fortbildung für pflegende Angehörige im „Gemeinsam-Gehen-Zentrum“ in Bonn-Beuel auf den Besuchsdienst aufmerksam geworden. „Mein lieber Ehemann, den ich mit allem auf der Welt nur loben kann, der ist wirklich ganz toll und auch noch mein bester Freund“, schwärmt seine Frau.
Hundebesuchsdienst: Erstes Kennenlernen fand im vergangenen Sommer statt
Das Kennenlernen zwischen Jonas, Kramarz-Bein und den Hunden fand vergangenen Sommer statt. „Die Chemie stimmte von Anfang an“, berichtet Bein. „Die Hunde gehen vor, die sind wichtiger als ich. Wenn einer von denen signalisiert hätte, dass es ihm nicht gefällt, dann hätten wir schauen müssen“, ergänzt Kramarz-Bein.
Die Chemie stimmte von Anfang an.
Als Erstes hat Susanne Kramarz-Bein Hündin Silva kennengelernt. Zu der Zeit hatte Anna Jonas vier Hunde, darunter auch einen Dackel – der war damals 14 Jahre alt. „Ich selber hab' eine Meise, was Dackel angeht. Ein Dackel war mein erster Hund als Kind. Da schmelze ich dahin. Mein Herz schlägt für Dackel“, sagt Kramarz-Bein. Zurzeit hat Jonas nur noch Kutja und Silva. Sie versuche, Kutja gegenüber Susanne Kramarz-Bein als großen Rauhaardackel zu verkaufen, erzählt Jonas schmunzelnd. „Brille ab, dann passt das“, sagt Kramarz-Bein lachend.
Hunde haben einen besonderen Platz im Herzen von Kramarz-Bein
Die 67-Jährige war bis 2022 in Münster Professorin für Skandinavistik. Kramarz-Bein spricht fließend Norwegisch, und ihr Herz schlage nicht nur für Hunde, sondern auch für Skandinavien. „In Münster hatten wir eine Sekretärin, und irgendwann kam sie zu mir, druckste rum und sagte: ‚Ich habe was ganz Schlimmes zu besprechen mit Ihnen. Ich hab' einen Hund, und ich weiß nicht, wie das gehen soll.‘ Da hab' ich gesagt: ‚Das fragen Sie mich ernsthaft? Natürlich darf der Hund mit‘“, erinnert sie sich.

Streicheleinheiten kann es gar nicht genug für Silva geben.
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„Hunde, die verstehen einen irgendwie anders als Menschen. Wenn ein Hund dich mag, dann steht er auch zu dir und würde dich nie hängen lassen“, sagt Kramarz-Bein ernst. „Das ist absolut ohne Vorbehalte.“ Ihr Mann und sie hatten nie einen eigenen Hund, es habe einfach nicht richtig gepasst.
Spaziergang im Pleiser Park: Die beiden Frauen verstehen sich ohne viele Worte
Im Wohnzimmer herrscht Aufbruchsstimmung. Jonas leint die Hunde an und drückt Kramarz-Bein die Leine von Kutja in die Hand. Susanne Kramarz-Bein hat sich ausgesucht, dass sie Kutja nimmt und Anna Jonas Silva führt. „Ich kann mir einbilden, dass ich für kurze Zeit einen Hund habe“, sagt sie glücklich. „Das hast du ja auch, einen Besuchshund“, erwidert Jonas.
Der Pleiser Park liegt direkt am Ende der Straße und ist gut zu Fuß zu erreichen. Silva und Kutja wissen genau, wo sie hin müssen. „Der junge Hundeherr hat eine ganz schöne Kraft“, stellt Susanne Kramarz-Bein lachend fest. Beim Spaziergang gibt die 67-Jährige die Richtung und das Tempo vor. Anna Jonas lässt sie entscheiden, ist aber immer unterstützend dabei.

Im Pleiser Park genießen die beiden Frauen vor allem die Natur.
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Während des Spaziergangs beobachten Kramarz-Bein und Jonas ihre Umgebung genau, diesmal entdecken sie die ersten blühenden Wildrosen und blühenden Kastanien. Dabei sprechen sie auch über Beobachtungen von vorherigen Treffen, und Jonas knüpft durch Fragen geschickt an gemeinsame Erinnerungen an.
Die beiden Frauen freuen sich über den blauen Himmel und die Sonne, vor allem aber genössen sie immer wieder aufs Neue den Frieden im Pleiser Park, erzählen sie. Kurzzeitig wird der Frieden durch einen kleinen Hund gestört, der auf einer Bank neben seinem Frauchen thront und Silva und Kutja anbellt. Wenn ein anderer Hund dem Gassi-Duo entgegenkommt, übernimmt kurzzeitig und ganz selbstverständlich Anna Jonas beide Hunde. Die Frauen kommunizieren ohne viele Worte und ruhig miteinander.
Tiergestützte Betreuung ist für Kramarz-Bein eine Bereicherung
Auf einer Bank im Pleiser Park wird ein kleiner Zwischenstopp eingelegt. Im Schatten ist es noch recht frisch, der Wind lässt die Blätter in den Bäumen rascheln. Susanne Kramarz-Bein spricht liebevoll mit den Hunden, gibt ihnen Kosenamen und streichelt Silva und Kutja immer wieder.
Tiergestützte Betreuung ist etwas ganz Tolles. Das ist eine Bereicherung für mein Leben.
„Tiergestützte Betreuung ist etwas ganz Tolles“, sagt sie. „Das ist eine Bereicherung für mein Leben.“ „So soll es sein“, erwidert Jonas glücklich und lächelt Kramarz-Bein liebevoll zu. „Das ganze Projekt ist toll – auch dank Anna, die ich als tolle Persönlichkeit vom ersten Moment an kennengelernt habe. Wir haben sofort einen Draht zueinander gehabt“, sagt Kramarz-Bein dankbar.
Die beiden Hunde schnüffeln viel und verhalten sich während des Spaziergangs ruhig und achtsam. Wieder am Haus angekommen, öffnet Thomas Bein die Tür und erwartet seine Frau schon. Zum Schluss gibt es für die Hunde immer noch ein Leckerli, „ein Abschiedsleckerli“, erklärt Kramarz-Bein.
