Auf der „Elefants Ranch“ in Seligenthal können Kindern an einem besonderen Projekt mit Pferden und Ponys teilnehmen.
Tiergestützte PädagogikSchüler aus Siegburg stärken ihr Selbstbewusstsein mit Pferden

Die Fünftklässler der Alexander-von-Humboldt-Realschule bei ihrer Mathe-Lerneinheit mit den Pferden.
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„Wir sind eine Gruppe, ein Team“, sagt Iris Gust, Schulleiterin der Alexander-von-Humboldt-Realschule in Siegburg, zu ihren Schülerinnen und Schülern. Die Kinder sitzen jedoch nicht an ihren Tischen im Klassenzimmer, sondern kümmern sich gerade um Pixie, Prinzessin Tessa, Blue, Männlein, Justus und Hermann. Die vier Shetlandponys und zwei Pferde stehen entspannt am Gatter, ab und zu werden sie von den umherfliegenden Bremsen gestört. Zwei Hühner laufen frei umher, und eine schwarze Katze räkelt sich in der warmen Aprilsonne.
Chef, kann ich mal den Hufkratzer haben?
„Chef, kann ich mal den Hufkratzer haben?“, fragt einer der Schüler. Mit „Chef“ ist Cyrille Meik gemeint, die Leiterin der „Elefants Ranch“ in Seligenthal. Hauptberuflich ist Meik für den Verein Murkel tätig, der drei Kitas in Siegburg betreibt und schon immer mit tiergestützter Pädagogik gearbeitet hat. Iris Gust hat sie durch die Schule kennengelernt – sie war die Lehrerin ihrer Tochter. Beide sind ausgebildete Pädagoginnen und vom Veterinäramt zertifiziert.

Cyrille Meik (l.) und Iris Gust teilen die Leidenschaft für Pferde.
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Die beiden Frauen haben sich auf Anhieb verstanden und gemeinsam das Projekt „Unterricht im anderen Klassenraum – Lernen mit Pferden und in der Natur“ entwickelt. Der Fokus liegt auf dem Naturerlebnis und der gemeinsamen Arbeit mit den Tieren auf Augenhöhe. Reiten lernen die Kinder nicht. Seit März besuchen jeweils eine Gruppe der fünften Klasse und eine der sechsten Klasse der Alexander-von-Humboldt-Realschule im Wechsel jeden Freitag die Ranch. „Die Kinder lieben es, und ich liebe es auch“, sagt die Schulleiterin lachend. Für sie sei die Ranch einfach ein anderer Lernort, der aber genauso wichtig wie das Klassenzimmer sei.
Wenig Regeln, viele Absprachen: Kindern soll auf der Ranch in Seligenthal „Raum“ gegeben werden
Die zehnjährige Isabella putzt Pixie und erklärt währenddessen, wie man sich dem Pferd gegenüber am besten verhalten solle: „Man muss einen großen Bogen ums Pferd machen, Pferde sind Fluchttiere, und es könnte sich erschrecken.“ Leon zeigt mit den Armen, wie weit das Sichtfeld vom Pferd geht: Im Gegensatz zum Menschen haben Pferde eine fast vollständige Rundumsicht, ohne den Kopf zu bewegen.

Cyrille Meik (l.) und Isabella mit Pony Pixie.
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Danach werden noch einmal gemeinsam die Regeln wiederholt: Auf der Ranch soll nicht geschrien und nicht gerannt werden. Es gibt nur wenige Regeln und möglichst viele Absprachen. „Wir wollen den Kindern Raum geben“, erklärt Meik.
Tiergestützte Pädagogik: Projekt kommt bei den Kindern gut an
Heute sind drei Mädchen und drei Jungen zu Besuch, eine Gruppe besteht aus maximal zehn Schülerinnen und Schülern. Die Kinder seien in Absprache mit den Klassenleitern für das Projekt ausgewählt worden. Einige haben einen Förderschwerpunkt, Angstproblematiken oder sind besonders überaktiv. Auf der Ranch können sie Sozialverhalten lernen, ihr Selbstbewusstsein stärken und ihre Konzentrationsfähigkeit steigern.
„Mir gefällt das Projekt gut, weil man hier mit Tieren und Pferden zusammenarbeitet“, sagt Isabella. Der zwölfjährigen Fabiola gefällt an dem Projekt „alles“. Sie hat das erste Mal Kontakt zu Pferden. Auch Leon sagt: „Mir gefällt alles.“ Zu den liebsten Beschäftigungen des Zwölfjährigen gehört das Putzen der Pferde.
Lernen mit Pferd: Tiere helfen Schülern sich zu konzentrieren
Nach dem Putzen geht es auf die Wiese, aber erst, nachdem sich alle mit Zeckenschutz eingeschmiert haben. Während die Fünftklässler die Pferde selbstbewusst führen, werden sie von Gust und Meik angefeuert und positiv bestärkt. „Das Schöne ist, dass die Pferde spiegeln, wie die Energie des Kindes ist. Das kriegen sie sonst nirgendwo so in direkter Rückmeldung. Die Pferde werten nicht“, erklärt Gust begeistert.
Das Schöne ist, dass die Pferde spiegeln, wie die Energie des Kindes ist.
Jetzt wird es mathematisch. Während die Pferde entspannt schnauben und Gras fressen, lösen die Kinder die Pferde vom Strick und bauen einen Zahlenstrahl auf, er dient ersten Übungen zum Zahlenverständnis. Das mathematische Grundverständnis fällt ihnen noch schwer. „Nicht das Pferd sagt ihnen: ‚Du weißt jetzt, wie die Zahlenzerlegung geht‘, sondern in dem Moment, indem sich die Kinder auf das Pony konzentrieren, konzentrieren sie sich automatisch auch auf die Aufgabe“, erläutert die Schulleiterin.

Gemeinsam mit den Pferden könnten sich die Kinder besser konzentrieren, so Iris Gust.
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Die Kollegen hätten bereits berichtet, dass die Kinder sich besser konzentrieren könnten, sagt Gust. Außerdem zeige sich eine Veränderung auch im Sozialverhalten. Die introvertierten Kinder seien mutiger und stünden mehr für sich ein, die lauteren Kinder nähmen sich mehr zurück. Eines der Kinder hat eine Autismus-Spektrum-Störung und spreche in der Schule kaum bis gar nicht. Auf der Ranch spreche der Junge und „ist mittendrin“, so Gust. Isabella sei selbstbewusster geworden, vor allem in der Schule, sagt ihre Mutter. Auch Leons Vater sagt, sein Sohn sei mutiger und offener geworden.
Während ein Rotmilan und ein Mäusebussard ihre Kreise am blauen Himmel über dem Seligenthal ziehen, müssen die Pferde wieder eingefangen werden. Ein Geduldsspiel zwischen Leon und Blue beginnt. Ihm wird nicht direkt geholfen, und nach mehreren Versuchen hat Leon es geschafft – er lächelt und ist stolz, dass es ihm allein gelungen ist. „Die Zeit ist ein wesentlicher Faktor. Vieles passiert heutzutage im Stress. Hier haben die Kinder Zeit“, erklärt Meik.
Auf weitere Unterstützer angewiesen: Angebot für Kinder kostenlos
Um zu lernen, Verantwortung für die Tiere zu übernehmen, kommt die Gruppe bei jedem Wetter auf die Ranch. Zuerst wird zusammen gefrühstückt, dann die Stallarbeit erledigt und nach den Hühnern geschaut. Danach macht Gust mit den Schülerinnen und Schülern eine erste Lerneinheit, zum Beispiel etwas zur Links-Rechts-Fähigkeit. Wenn die Pferde geputzt worden sind, werden sie von den Kindern auf die Wiese geführt, und es folgt eine Mathematik- oder Deutsch-Lerneinheit. Zum Abschluss können die Kinder den Hang herunterrutschen, ein Lagerfeuer machen oder mit den Pferden eine Runde spazieren gehen.
Das Projekt ist für die Familien kostenlos. Es wird durch den Schulträger und Sponsoren finanziert, ist aber auf weitere Unterstützer angewiesen. Stattfinden kann das Projekt ausschließlich in den fünften und sechsten Klassen, weil ab der siebten Klasse ein zusätzliches Hauptfach hinzukommt und der Lehrplan es nicht mehr hergibt, dass die Kinder die Schule freitags verlassen. Irist Gust und Cyrille Meik haben auch schon eine nächste Idee für die Kinder: Hühnereier in der Schule „ausbrüten“ – mit einer Wärmelampe.
