Noch sind die Spuren zu sehen: aufgewühlte Erde zwischen den Grabreihen, umgekippte Grablichter, Rasenflächen, die aussehen, als sei ein Pflug darübergefahren. Auf dem Siegburger Nordfriedhof arbeiteten Friedhofsverwaltung und Bauhof im Verbund daran, die Schäden zu beseitigen, die Wildschweine vor wenigen Wochen angerichtet haben. Umkehrwalze, Bagger und Aufsitzmäher sind im Einsatz, bis Allerheiligen soll alles wieder in Ordnung sein. Das Besondere diesmal: Es dürfte der letzte große Einsatz dieser Art gewesen sein.
Denn rund um den Friedhof steht inzwischen ein neuer Zaun – fast 1.300 Meter lang, ein Doppelstabzaun, der den alten Maschendraht ersetzt. Anders als sein Vorgänger ist er 20 bis 30 Zentimeter tief ins Erdreich eingelassen, was das Unterwühlen massiv erschwert, wenn nicht unmöglich macht. Kostenpunkt: rund 160.000 Euro. Bereits im September hatte die Stadt ein erstes Erfolgssignal gemeldet: Fünf Tiere waren in den vorangegangenen Wochen erlegt worden, das letzte bei einer Treibjagd. Bei der abschließenden Begehung des Geländes war kein Schwarzkittel mehr zu entdecken. Mit dem Bau von 300 weiteren Metern Zaun zur Alten Lohmarer Straße schloss die Stadt dann auch die letzte Lücke, über die die Tiere das Gelände erreichen konnten.
Wildschweine lieben die Bodengegebenheiten
Dass ausgerechnet ein Friedhof zum Schauplatz einer solchen Zaun-Aktion wird, hat einen einfachen Grund: Wildschweine lieben lockeren, humusreichen Boden – und der ist dort, wo Gräber liegen, besonders ergiebig. „Friedhof, da wird immer geharkt. Die Wildschweine machen im Prinzip das, was die Maulwürfe von unten machen“, sagt Susanne Wellmann, Hegeringleiterin der Jägerschaft Siebengebirge. Ein gesunder Boden mit vielen Regenwürmern ziehe automatisch die Tiere an, die nach Engerlingen, Maden oder Käfern gründen. „Besuch von Wildschweinen ist also eigentlich ein Kompliment für einen gesunden Boden“, sagt Wellmann.
Auch in Troisdorf, Windeck-Schladern und Windeck-Herchen
Siegburg ist dabei kein Einzelfall, sondern nur das jüngste Kapitel einer Entwicklung, die den gesamten Rhein-Sieg-Kreis betrifft. In Troisdorf wühlten Wildschweine seit Karneval regelmäßig die Vorgärten an der Heerstraße um. Anwohner sprachen von einem erhöhten Unfallrisiko. In Windeck-Schladern verwüstete eine Rotte den privaten Friedhof bereits zum dritten Mal. Der Friedhofsverein plant nun für rund 30.000 Euro einen massiveren Gitterzaun. Vorerst soll ein Elektrozaun provisorisch Abhilfe schaffen. Und in Windeck-Herchen gruben Wildschweine auf der Suche nach Engerlingen den gerade erst für 5.000 Euro sanierten Trainingsplatz des TuS Herchen um – mehr als 60 Vereinsmitglieder mussten die Grasnarbe von Hand retten.
Dass sich die Fälle häufen, ist für Wellmann keine Überraschung. Genaue Bestandszahlen für Wildschweine lassen sich kaum ermitteln, da die Tiere sich ständig bewegen. Eine verlässliche Hilfsgröße liefern aber die sogenannten Trichinenproben, die bei jedem erlegten Tier ans Veterinäramt gehen müssen, bevor das Fleisch zum Verzehr freigegeben wird. „Da sehen Sie schon die steigende Tendenz“, sagt Wellmann und nennt die Zahlen für den Rhein-Sieg-Kreis: 2.412 Proben im Jahr 2022, 3.031 im Jahr 2023, 3.249 im Jahr 2024 und 4.567 im Jahr 2025. „Die vermehren sich ziemlich exponentiell.“

Der Rasen wurde verwüstet.
Copyright: Stadt Siegburg
Mehrere Faktoren kommen dabei zusammen. Zum einen die Fortpflanzung: „Was uns eben in den letzten Jahren zunehmend auffällt, ist, dass sogenannte Überläufer, also junge weibliche Tiere, dann auch schon wieder tragend sind“, so Wellmann. Zum anderen das Nahrungsangebot. In diesem Jahr falle besonders viel Mast in den Wäldern – Eicheln und Esskastanien seien „erstaunlich groß“, berichtet die Hegeringleiterin: „Wir haben im Wald jetzt ein wunderbares Nahrungsangebot. Das ist ein Riesenbuffet.“ Auch der verbreitete Maisanbau in Monokultur wirke als „starker Verführer“. Mit dem Wetter allein habe die Vermehrung dagegen wenig zu tun, erklärt Wellmann – Regen etwa sei für die Tiere sogar attraktiv: „Wenn wir zur Jagd gehen und Wildschweine jagen wollen, dann muss es schön regnen, dann ist das Sauenwetter.“ Entscheidend sei vielmehr, dass Trockenphasen ausbleiben und sich dadurch insgesamt mehr Nahrung entwickle.
Wildschweine zunehmend in Siedlungsnähe
Dass die Tiere zunehmend auch in Siedlungsnähe auftauchen, sei dabei kein neues Phänomen, aber eines, das zunimmt. „Das passiert ja schon lange, mal mehr, mal weniger, dass die sich dann eben doch auch in die Ortslagen begeben“, sagt Wellmann. Sie berichtet von Wildschweinen, die selbst an stark befahrenen Bundesstraßen zwischen Leitplanke und Asphalt gesichtet wurden: „Das heißt, sie scheuen auch die Gefahr durch die Fahrzeuge nicht.“ Begegnungen mit Menschen sind für die Tiere dabei grundsätzlich kein Ziel – im Gegenteil. „Es handelt sich um Fluchttiere“, erklärt Wellmann. Gefährlich werde es vor allem dann, wenn Tiere sich in die Enge getrieben fühlten, etwa auf einem ummauerten Friedhofsgelände ohne erkennbaren Ausweg. Wer einer Rotte begegnet, solle daher ruhig bleiben, möglichst stehen bleiben und sich langsam zurückziehen – „aber nie hektisch reagieren“.
Überlagert wird die Debatte zusätzlich von der Afrikanischen Schweinepest (ASP), die im Kreis selbst zwar nicht nachgewiesen ist, aber in benachbarten Regionen wie Sauerland, Olpe und Siegen-Wittgenstein weiterhin eine Rolle spielt. Nach Wellmanns Angaben lag die dortige Fallzahl zuletzt bei 845, mit zuletzt rückläufiger Tendenz. Die Seuche ist auch der Grund, warum die Schonzeit für Wildschweine bis 2028 ausgesetzt ist – mit Ausnahme führender Bachen mit Frischlingen dürfen die Tiere ganzjährig bejagt werden. Verhindern lässt sich eine Ausbreitung dadurch laut Wellmann aber nur begrenzt: „So ein Wildschwein kann pro Nacht, wenn es das möchte, etliche Kilometer laufen.“ In den betroffenen Gebieten würden deshalb strikte Schutzzonen eingerichtet und streng kontrolliert.
Wer in einer wildschweinreichen Gegend wohnt und sein Grundstück schützen will, kommt laut Wellmann um einen stabilen Zaun kaum herum. Elektrozäune mit zwei Stromlitzen – eine unten, eine weiter oben – seien zwar möglich, aber pflegeintensiv: „Das ist aufwendig, wenn ein Grashalm dran kommt, dann führt die schon wieder kein Strom mehr.“ Auf Dauer sei deshalb ein stabiler, tief eingegrabener Zaun die einfachere Variante – wie ihn Siegburg am Nordfriedhof nun gebaut hat. Trotz aller Ärgernisse hat Wellmann auch ein wenig Respekt für die Tiere übrig: „Das sind schon ausgesprochen clevere Tiere." Sie wüssten genau, welche Wege von Menschen genutzt würden – und hielten sich fern. (jv)

