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Hoffnungs-Café
Sankt Augustinerin begleitet die Eltern von „Sternenkindern“

Siegburg/Sankt Augustin – Federleicht ist das „Schatzkästchen“ aus Pappe, das Birgit Rutz in den Händen hält. Besteht der Inhalt doch aus einer besonders feinporigen orthopädischen Masse, geeignet für winzige Füße und Hände.

Die können in der rosa Masse abgedrückt werden – als Erinnerung an ein Sternenkind. So wurden ursprünglich Babys genannt, die vor oder während der Geburt sterben und weniger als 500 Gramm wiegen.

Inzwischen umfasst der Begriff auch Babys mit mehr als 500 Gramm Gewicht. „Die Eltern können von den Abdrücken Gipsplastiken oder Schmuckstücke anfertigen lassen“, sagt Birgit Rutz, die dieses Kästchen in Zusammenarbeit mit einer kleinen Schmuckdesign-Firma kreiert hat.

Die Sterbe- und Trauerbegleiterin aus Sankt Augustin weiß, was solche Souvenirs für die Eltern bedeuten, „die in einem Ausnahmezustand sind“.

Den hat die Mutter von zwei erwachsenen Kindern selbst erfahren. Fünf Fehlgeburten hat sie erlitten; eine davon 2008 in Kalifornien, wo sie mit ihrem Mann, einem Berufsoffizier der Bundeswehr, zeitweise lebte. „Ich suchte einen Platz, an dem ich mein Kind symbolisch verabschieden konnte.“ Ein Freund machte sie mit dem „Garden of Innocence“ bekannt.

Damit Eltern nicht mit leeren Händen aus der Klinik zurückkehren müssen, gibt es eine „Trosttasche“.

Damit Eltern nicht mit leeren Händen aus der Klinik zurückkehren müssen, gibt es eine „Trosttasche“.

„Das ist eine ehrenamtliche Organisation, die sich um die Bestattung von Sternenkindern kümmert.“ Auf einem Hügel bei San Diego erlebte Birgit Rutz die 100. Zeremonie dieser Art – und war so berührt, dass sie spontan in den Verein eintrat, mitarbeitete und sogar Vizepräsidentin wurde, bis die Familie 2010 wieder nach Deutschland zog.

Die Erfahrungen in den USA motivierten sie, den Verein „Hope’s Angel“ zu gründen: „Hope ist der Name, den ich meiner toten Tochter gegeben habe.“ Im freundlich gestalteten Raum einer Yoga-Schule in Siegburg-Braschoss betreut die gelernte Verwaltungsfachfrau Trauergruppen, bietet Einzel- oder Paargespräche an und hat auch ein „Hoffnungs-Café“ eingerichtet.

Diese Angebote sind kostenfrei zugänglich, um eine Spende an den Verein wird allerdings gebeten.

„Es ist unfassbar, wenn ein Kind vor den Eltern stirbt. Sie brauchen viel Zeit, um das zu begreifen. Sie quälen sich mit der Frage nach dem »Warum«“. So seien Mütter oft von Schuldgefühlen geplagt, grübelten darüber, in der Schwangerschaft womöglich etwas falsch gemacht zu haben.

„Aber es gibt unzählige Gründe, warum ein Kind tot zur Welt kommt.“

Erinnerungsstücke, weiß die 44-Jährige, tragen durch die Trauerzeit. So hat sie eine „Trosttasche“ mit Kerze und kleinen Präsenten zusammengestellt und schon 250-mal in Krankenhäusern verteilt. Dort steht sie den Eltern bei, bleibt – mit Unterbrechungen – bis zu drei Tage mit in der Klinik.

Und arrangiert auf Wunsch auch Familienfotos. „Eltern von Neugeborenen kommen oft mit Taschen voller Babysachen und Pröbchen nach Hause. Eltern von Sternenkindern kehren mit leeren Händen zurück. Das wollte ich ändern.“

So bietet Rutz winzige Kleidungs-Sets an, liebevoll in einer Box verpackt, und auf Wunsch auch eine „Sternentaufe“ in Zusammenarbeit mit einem österreichischen Astronomieverein. An einer Wand des Praxisraums prangt ein großes Herz mit 26 Vornamen – nur eine kleine Auswahl jener Kinder, deren Eltern Birgit Rutz betreut hat. Zum Auftakt jeder Gruppenstunde wird für jedes verstorbene Baby ein Teelicht angezündet.

„Es geht nicht darum, die Trauer zu kultivieren“, stellt Birgit Rutz klar. „Aber die Eltern müssen sich verstanden fühlen in ihrem Schmerz und oft auch in ihrer Wut. Da sind Angehörige und Freunde auf Dauer überfordert. Die vermissen nichts, denn sie haben ja keine Berührung mit dem Kind gehabt.“

Als betroffene Mutter wurde Rutz selbst oft genug mit Floskeln konfrontiert. Etwa: „Na, das war ja eh’ noch nichts Richtiges.“ Oder „Ihr seid doch noch jung. Dann probiert es halt noch mal.“

Bis ins zweite Jahrtausend hinein habe man die totgeborenen Babys oft über den Klinikmüll entsorgt. „Man glaubte auch, es sei besser, sie den Eltern nicht zu zeigen, damit erst keine Bindung entstehen kann. Inzwischen weiß man es besser: Die Bindung ist ja schon längst da, sie baut sich im Mutterleib auf.“

Für diese Prozesse will Birgit Rutz sensibilisieren. So hat sie nicht nur ein überregionales Netzwerk von Fachkräften und Selbsthilfegruppen aufgebaut, sondern auch ein Fortbildungs-Konzept für alle Berufsgruppen entwickelt, die auf die Begleitung bei Fehl- oder Stillgeburt spezialisiert sind.

Das nächste Hoffnungs-Café findet am Samstag, 8. Juli, 14.30 bis 16.30 Uhr, in Siegburg, Am Kreuztor 13, statt. Um Anmeldung bittet Birgit Rutz unter der Rufnummer 02241/5451123 oder per Mail.

foundation@hopesangel.com

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