Die Zeichnungen sind teilweise unter nahezu unmöglichen Umständen entstanden, zum Beispiel im Dunkeln, und entwickeln ihre eigene Dynamik.
Vier Hände, ein DialogPumpwerk in Siegburg zeigt neue Ausstellung „Was Hände sehen“

Hiltrud Zierl und Rolf Schanko stellen ihre Werke im Pumpwerk aus.
Copyright: Markus Peters
Etwa 10.000-mal am Tag benutzt der Mensch seine Hände – meist ohne groß darüber nachzudenken. Einen neuen Blick auf das Greiforgan bietet die Ausstellung „Was Hände sehen“ von Hiltrud Zierl und Rolf Schanko, die jetzt beim Kunstverein für den Rhein-Sieg-Kreis zu sehen ist.
Hier scheinen die Hände der Künstlerin als weiteres Sinnesorgan zur Verfügung zu stehen, wie eine Serie von zwölf Bleistiftzeichnungen im Untergeschoss des Pumpwerks andeutet. Sie entstand während einer Aufführung des Stückes „De Profundis – Oscar Wildes Briefe aus dem Gefängnis“ im Bochumer Schauspielhaus. Diese Inszenierung habe in fast vollständiger Dunkelheit stattgefunden, berichtet Hiltrud Zierl: „Ich konnte also weder den Bleistift noch das Blatt Papier erkennen, auf dem ich gearbeitet habe.“
Doch wer unter diesen Umständen Gekritzel erwartet, wird überrascht. Die unter nahezu unmöglichen Umständen entstandenen Zeichnungen entwickeln ihre eigene Dynamik, werden mitunter zur Keimzelle der großformatigen Werke, für die Künstlerin eigentlich bekannt ist.
„Zeichnerischer Dialog“ mit 18 großformatigen Arbeiten
Die Schau versteht sich als „zeichnerischer Dialog“, als ein Zwiegespräch zweier Künstlerpersönlichkeiten, die nicht nur miteinander verheiratet sind, sondern auch seit fast 15 Jahren ein Atelier teilen und doch jeweils eigene Bildwelten entwickeln. Eine Konstellation, bei der sich künstlerisches und privates Leben kaum trennen lassen. Der Dialog in den 18 gezeigten großformatigen Arbeiten – je zur Hälfte von beiden Künstlern stammend – ist nicht als solcher angelegt, er entwickelt sich aus diesen besonderen Arbeitsbedingungen. Entstanden sind die Werke vorwiegend in den vergangenen beiden Jahren.
Im Zentrum aller Bilder stehen einzelne Figuren, Bühnenszenen und Landschaften, dargestellt in einer Formensprache, die bewusst weit vom Realismus entfernt bleibt. Hier sind menschliche Züge allenfalls angedeutet, hingeworfen bis zur maximalen Verfremdung. So trägt eines von Rolf Schankos Bildern den Namen „Frank Booth“, eine Figur aus dem Spielfilm „Blue Velvet“ von David Lynch. Zu sehen ist jedoch keine erkennbare Gestalt, sondern eine fast formlose Farbmasse.

„Frank Booth“ von Rolf Schanko
Copyright: Markus Peters
Ein anderes Werk mit dem Titel „Kardinal" zeigt lediglich einen in Farbflächen aufgelösten Kopf, der als solcher kaum mehr zu identifizieren ist. Auch eine Berglandschaft taucht in stark reduzierter, kaum wiedererkennbarer Form auf.
Es ist keine gefällige Schau, die das Kulturwerk des BBK Bonn ins Pumpwerk geholt hat: Viele der gezeigten Arbeiten verstören und irritieren, wirken mitunter fast unfertig. Doch genau das macht ihren Reiz aus, denn in jedem dieser Werke steckt eine unglaubliche Dynamik und kreativer Energie, der sich die Betrachtenden kaum entziehen können.
Dies liegt auch an dem Produktionsprozess: Die meisten dieser Werke entstanden innerhalb wenigen Minuten, in einem Vorgang, in dem bewusstes Steuern und intuitives Reagieren ineinandergreifen.
Die Ausstellung „Was Hände sehen“ von Hiltrud Zierl und Rolf Schanko wird noch bis zum 6. September im Pumpwerk in Siegburg, Bonner Straße 65, gezeigt.
Die Öffnungszeiten sind am Freitag von 11 bis 13 Uhr; am Sonntag und Montag von 15 bis 18 Uhr sowie nach Absprache. Zur Midissage am 23. August zwischen 15 und 18 Uhr liest Georg Schnitzler aus seinen „Kunstgeschichten“. Die Schauspielerin Kathrin Marder und der Schauspieler Nikolai Knackmuß führen eine szenische Lesung auf, und Rolf Schanko liest aus seinem Buch „Seele am Horizont“.
