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Abschied vom RichterWarum eine junge Siegburgerin dankbar ist für ihre Zeit in Haft

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Eine Mauer mit Wachtürmen der Justizvollzugsanstalt in Köln-Ossendorf.

Neun Monate saß eine junge Frau aus Siegburg in der JVA Ossendorf. Dem Richter, der sie in Haft schickte, ist sie heute noch dankbar.

Richter Ulrich Feyerabend schickt eine junge Frau hinter Gitter - und sie dankt ihm dafür. Nach einem Artikel zu seinem Abschied erzählt sie uns ihre Geschichte.     

Verwarnungen, Arrest, Bewährungsstrafen, Knast - die Jugendliche aus Siegburg rutschte auf der sprichwörtlichen schiefen Bahn immer weiter ab. Von dem Mann, der sie einst hinter Gitter schickte, verabschiedete sie sich jetzt persönlich - mit einem Dankesschreiben und einem Präsent. Wenn Amtsgerichtsdirektor Ulrich Feyerabend in wenigen Tagen in den Ruhestand wechselt, „dann geht auch ein Stück meiner Jugend“, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion.   

Wie kam dieser Kontakt zustande? Anlässlich seiner bevorstehenden Pensionierung hatte Feyerabend mit unserer Zeitung über seine Zeit als Jugendrichter in Siegburg gesprochen, auch über die junge Siegburgerin. Die Chancen, die das deutsche Rechtssystem straffälligen jungen Leuten bietet, hatte die damals 16-Jährige zunächst nicht ergriffen, ja, völlig ignoriert. Bis sie auf offener Straße in Siegburg verhaftet und ins Frauengefängnis Köln-Ossendorf gebracht wurde.

Auf dem sonnigen Siegburger Michaelsberg geht es um dunkle Momente

Als sie, Jahre später, von der bevorstehenden Pensionierung des Richters erfährt, besucht sie ihn in seinem Büro. Feyerabend berichtet von dem Interesse der Zeitung an ihrer Lebensgeschichte, sie notiert meine Telefonnummer und ruft noch am selben Tag an. Kurz vor unserem Treffen meldet sie sich erneut - will sie absagen? Nein, sie kündigt an: „Ich komme leider zehn Minuten zu spät, ist das okay?“

Auf dem Siegburger Markt winkt mir wenig später eine lebhafte, junge Frau zu, gepflegte Erscheinung, langes Haar, große Ohrringe, dezentes Make-up. Optisch auf jeden Fall ein Musterbeispiel für Resozialisierung. Wir marschieren mit unserem Coffee-to-go auf den Michaelsberg, hier ist es menschenleer am Vormittag. Auf der sonnigen Parkbank spricht die 26-Jährige über dunkle Momente in Kindheit und Jugend, über Schwierigkeiten in der Schule, Probleme daheim.

Sie landete im Kinderheim, lief immer wieder weg. Sie kiffte, trank zu viel Alkohol. Wurde aggressiv. Stand mehrfach vor dem Jugendgericht, vor Ulrich Feyerabend, wegen Schlägereien, wegen Cannabis-Besitzes, wegen Bedrohungen und Beleidigungen.

Weg zurück ins bürgerliche Leben verlief nicht ohne Hürden

Nach den ersten, verzweifelten Wochen im Gefängnis nahm sie sie Situation an und schrieb ihm, Briefbogen und Umschlag verziert mit lauter Blümchen. Überraschenderweise habe er geantwortet. Neun Monate saß sie, gerade volljährig geworden, in ihrer Acht-Quadratmeter-Zelle. Drei Monate davon freiwillig, um ihren Hauptschulabschluss zu machen, den der neunten Klasse, „mit lauter Einsen und Zweien“. Dass sie für dieses Ziel auf ihre vorzeitige Entlassung verzichtete, das imponiert dem Richter noch heute.

Wieder in Freiheit, meldete sie sich ab und zu bei ihm, berichtete von Erfolgen und Niederlagen, suchte Rat. Beim letzten Besuch in seinem Büro überreichte sie ihm ein Schreiben, aus dem wir zitieren dürfen: „Als wir uns vor über zehn Jahren das erste Mal begegneten, hätte ich wohl am wenigsten damit gerechnet, dass daraus ein Kontakt erwächst, der für mich zu einem so wichtigen Anker werden würde. In einer Zeit, in der ich die Orientierung verloren hatte, haben Sie mir nicht nur mit der nötigen Strenge des Gesetzes, sondern vor allem mit Menschlichkeit und echtem Interesse an meinem Weg gegenübergestanden.“

Ihr Weg zurück in ein bürgerliches Leben verlief nicht ohne Hürden, das räumt sie frank und frei ein. Nach der Haft waren Partys angesagt, sie begann eine Ausbildung, wurde schwanger, brach die Lehre ab. Die Beziehung zu ihrem Partner war schwierig, sie lebte zeitweise mit ihrem Baby in einer Mutter-Kind-Einrichtung: „Da war ich wieder im Heim.“

Ich danke Ihnen für Ihre Geduld und dass Sie in mir mehr gesehen haben als nur ein Aktenzeichen
Siegburgerin, 26, hat sich bei dem Richter, der sie ins Gefängnis schickte, mit einem bewegenden Brief verabschiedet

Sie habe wohl jahrelang Halt gesucht, der ihr zu Hause fehlte, sagt sie. Da war eine Polizistin, die die Gabe hatte, mit wenigen Worten ihre Wut zu besänftigen. Freunde, die zu ihr hielten. Und Ulrich Feyerabend: „Ihre Ratschläge haben maßgeblich dazu beigetragen, dass ich heute dort stehe, wo ich bin“, so formuliert sie es. „Ich danke Ihnen für Ihre Geduld, Ihre Zeit und dafür, dass Sie in mir mehr gesehen haben als nur ein Aktenzeichen.“

Der Jugendrichter habe sie ins Gefängnis schicken müssen, das weiß sie heute. Sie hatte die Bewährungsauflagen verletzt, Sozialstunden nicht absolviert. „Bis zuletzt habe ich noch geglaubt, es abwenden zu können“, sie erschien nicht zum Haftantritt, lebte wochenlang mal hier, mal dort, „wie auf der Flucht“. Bis die Polizei, verständigt von einem Verwandten, sie aufgriff.

Die Zeit in der JVA habe ihr Struktur gegeben. Sie lernte, ist stolz auf  ihren Schulabschluss, den sie am Berufskolleg ablegte, „da steht zum Glück nicht Ossendorf drauf“. Sie hat ene Wohnung, bald will sie wieder arbeiten, ihr Kind besucht die Kita.

Sie könnte doch noch ihren Abschluss als Medizinische Fachangestellte machen. Oder etwas ganz Neues anfangen, „vielleicht eine Ausbildung im Justizwesen“, überlegt sie, idealerweise im Amtsgericht Siegburg. Auf einer Berufsmesse hat sie sich kürzlich informiert, ja, das wäre möglich, trotz ihrer Geschichte, wenn sie die Einstellungstests besteht. Ulrich Feyerabend habe ihr Mut gemacht: „Bewerben Sie sich einfach.“