Dabei schien die Ausgangslage des Falles für die Ermittler so eindeutig.
Beweisvideo nur inszeniert?Kölner Folter-Prozess um verschluckte Patrone in der Sackgasse

Der laufende Strafprozess in Köln dreht sich um eine verschluckte Patrone.
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Ein Mann wurde in einem Hotelzimmer in Istanbul gefoltert, er musste eine scharfe Patrone schlucken – so legen es zumindest Aufnahmen aus einer Handykamera nahe. Rockergröße Onur G. (37) aus Deutschland gilt als Hauptverdächtiger und wurde am Flughafen Köln/Bonn festgenommen, weshalb die Behörden das Verbrechen hier zur Anklage brachten. Doch der laufende Strafprozess am Kölner Landgericht befindet sich in einer Sackgasse. Der Angeklagte spricht von einer Inszenierung, das Opfer versteckt sich – und dessen Angehörige verstrickten sich im Zeugenstand in Widersprüche.
Köln: Zugespieltes Foltervideo bringt Ermittler auf die Spur
Dabei schien der Fall für die Ermittler zunächst glasklar. Als ihnen das Foltervideo zugeschickt wurde, erkannten sie darauf den Mann im weißen T-Shirt, kurzer Sporthose und schwarzen Socken. Es handelte sich um Onur G., der eine Pistole in der Hand hielt und diese auf einen vor ihm knienden Mann richtete. Wie oft er eine Frau am Telefon Hure genannt habe, wollte G. von seinem Opfer wissen – offenbar eine Vergeltungsaktion. Der Mann wurde gezwungen, eine 9-mm-Patrone zu schlucken. Das Opfer flehte um Wasser, später rief der Mann panisch, dass er Asthma habe.

Der Angeklagte Onur G. (37) mit seinen Verteidigern Carsten Rubarth und Fin Keith Habermann (l.) im Kölner Landgericht
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Später raubten die Täter dem 33-Jährigen laut Anklage noch dessen Rolex und weiteren Schmuck. Die dramatischen Aufnahmen sollen aus dem Herbst 2024 stammen. Die Frau, die das Opfer „Hure“ genannt haben soll, habe die Bestrafungsaktion per Livestream mitverfolgt, heißt es. Beim Prozess am Landgericht stellte Verteidiger Carsten Rubarth gar nicht in Abrede, dass es sich bei dem Hauptakteur in dem Video tatsächlich um seinen Mandanten Onur G. handelt. Dann nannte Rubarth den möglichen Grund, warum G. offen sein Gesicht gezeigt habe: Das „Foltervideo“ sei inszeniert.
Köln: Angeklagter spricht von bloßer Inszenierung
Es habe sich um ein Schauspiel gehandelt, um die zuvor beleidigte Frau und deren Umfeld zufriedenzustellen, erklärte der Anwalt. Die Patrone habe der Mann auch nicht wirklich hinuntergeschluckt. Laut Rubarth fielen damit die Anklagevorwürfe erpresserischer Menschenraub, besonders schwere räuberische Erpressung, gefährliche Körperverletzung und Nötigung weg. Was bliebe, wäre ein möglicher Verstoß gegen das Waffengesetz. Allerdings sei laut Verteidiger völlig unklar, ob es sich bei der im Video präsentierten Schusswaffe um eine scharfe Pistole gehandelt habe.
Der Vorsitzende Richter Christoph Kaufmann – er verhandelt sonst fast ausschließlich gegen Sexualstraftäter – steht nun vor einem Dilemma. Denn der Geschädigte ist den deutschen Behörden entwischt. Er soll derzeit in Aserbaidschan leben und zeigt keine Bereitschaft mehr, im Prozess auszusagen. Die Aussage verweigert hatte der Mann bereits, als Polizisten ihn in der Justizvollzugsanstalt Stammheim in Stuttgart – dort saß der Mann wegen einer anderen Sache ein – konfrontiert hatten. Denn mit einer Software zur Gesichtserkennung hatten die Ermittler die Identität des Mannes herausgefunden.
Köln: Zeugen sollen sich in Widersprüche verstrickt haben
Der vernehmende Beamte sagte im Zeugenstand, der Mann sei „kreidebleich“ geworden, als das Video zur Sprache gekommen sei. Auch habe der Geschädigte geäußert: „Ich kenne diese Personen und ich kann mir nicht erklären, warum sie das gemacht haben.“ Verteidiger Rubarth tobte, denn im Protokoll tauchten diese Beobachtungen und Aussagen nicht auf. Der ermittelnde Oberstaatsanwalt hatte bis zuletzt Kontakt zu dem Geschädigten gehalten, nachdem dieser aus der Haft entlassen wurde. Der Mann habe ihm zugesichert, zum Prozess zu reisen – doch letztlich meldete sich dieser nicht mehr.
Um eine mögliche Authentizität des Videos abzuklopfen, hat Richter Kaufmann daher Verwandte des Geschädigten geladen – denn es erschien naheliegend, dass der Mann ihnen von dem Vorfall im Istanbuler Hotel berichtet habe. Nach einigem Hin und Her erschienen diese im Zeugenstand. Doch dem Vernehmen nach verstrickten sie sich in Widersprüche. Verteidiger Rubarth regte an, die Handys der Zeugen zu konfiszieren. Zu sehen waren etwa Fotos mit dem Geschädigten in Aserbaidschan – auf einem will der Verteidiger die Rolex erkannt haben, die dem Mann ja angeblich geraubt worden sei.
Wie der Staatsanwalt im Prozess mitteilte, laufe nun bereits ein Ermittlungsverfahren wegen Falschaussage gegen die Verwandten. Als glaubwürdige Zeugen dürften sie damit verbrannt sein.
Köln: Wirbel um aufgetauchten Kronzeugen aus der Türkei
Umso wichtiger wird nun ein Zeuge, den Verteidiger Rubarth jüngst benannt – oder wie Prozessbeobachter sagen, wie ein Ass aus dem Ärmel geschüttelt – hat. Der Türke sei bei dem Geschehen im Hotelzimmer dabei gewesen und könne die Inszenierung bestätigen. „Mein Mandant steht für eine Aussage bereit und möchte bei der Aufklärung mitwirken“, sagte der bekannte Anwalt Mutlu Günal auf Anfrage dieser Redaktion – er stehe mit dem Mann im ständigen Kontakt. Das Problem: Der Zeuge möchte per Videokonferenz aus der Türkei aussagen und nicht nach Deutschland reisen.
Ein Rechtshilfegesuch an die Türkei, das für die Aussage nötig wäre, hat Richter Kaufmann allerdings noch nicht gestellt. Sollte er das tun, würde der laufende Prozess nämlich höchstwahrscheinlich platzen – denn die Mühlen laufen bei solchen Anfragen an die Türkei langsam, so hatte es der Oberstaatsanwalt erklärt. Der Prozess müsste dann wohl ausgesetzt werden. Mit der Konsequenz, dass Onur G. aufgrund der jetzt schon langen Untersuchungshaft wohl auf freien Fuß käme. Für Anwalt Rubarth wäre das folgerichtig: Er strebt ja ohnehin einen Freispruch für den Mandanten an.
