Die neuen Entwicklungen könnten große Auswirkungen auf den laufenden Strafprozess am Kölner Landgericht haben.
Rocker-Mord in KölnVerdächtiger nach drei Jahren auf der Flucht in der Türkei verhaftet

Mai 2023: In diesem Innenhof am Böcking-Park in Mülheim wurde der Rocker Eren Y. erschossen.
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Drei Jahre ist es her, dass der Hells-Angels-Rocker Eren Y. (35) im Bereich des Mülheimer Böcking-Parks erschossen wurde. Die Kugeln trafen den Mann völlig unerwartet, von hinten in den Rücken und den Kopf. „Eine öffentlich ausgeführte Hinrichtung“ nannte ein Kölner Richter das Verbrechen. Während vor dem Landgericht gegen einen mutmaßlichen Auftraggeber verhandelt wird, ereignete sich am Montag in der Türkei eine spektakuläre Festnahme. Der flüchtige und seither verschollen geglaubte Marco C. (29), ein möglicher Schütze, sitzt nun in Auslieferungshaft – und er will aussagen.
Köln: Mordverdächtiger will sich umfassend äußern
Unsere Redaktion erreichte den bekannten Strafverteidiger André Miegel, der Marco C. vertritt. „Mein Mandant hat sich gestellt“, sagt Miegel, demnach sei die Festnahme vor dem deutschen Generalkonsulat in Abstimmung mit Landgericht und Staatsanwaltschaft geschehen. Der Anwalt weiter: „Er möchte reinen Tisch machen – sein Anliegen ist es, dass endlich die ganze Wahrheit ans Licht kommt.“ Miegel sagt aber auch: „Wir werden uns gegen den falschen Vorwurf des Mordes verteidigen.“ Und das könnte den aktuellen Mordprozess in Köln gehörig durcheinanderwirbeln.

Der Angeklagte Hami S. mit seinem Verteidiger Leonhard Mühlenfeld beim Prozessauftakt im Landgericht Köln.
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Denn: Bislang wird dem Kölner Familienvater Hami S. (29) vorgeworfen, Marco C. und einen weiteren Beteiligten zum Mord an dem Rocker-Kontrahenten Eren Y. angestiftet zu haben. „Marco sollte einen Job für Hami erledigen“, hatte Marco C.s frühere Lebensgefährtin mehrfach bei der Polizei und im Zeugenstand ausgesagt. Die Zeugin mutmaßte, dass ihr Freund nach seiner Flucht in die Türkei ums Leben gekommen sei – da er sich nie wieder gemeldet habe. Zuvor habe er ihr noch ein luxuriöses Leben am Bosporus in Aussicht gestellt. Das hätte ihm angeblich der Auftraggeber versprochen.
Köln: Ex-Freundin glaubte, der Gesuchte sei längst tot
Dass Marco C. am Leben ist, könnte die Glaubwürdigkeit der Zeugin erschüttern. So hatte sie etwa bei früheren Vernehmungen angegeben, mit ihrem Freund praktisch 24 Stunden am Tag zusammen gewesen sein. Sie vermittelte das Bild einer funktionierenden Beziehung. Das lange Untertauchen von Marco C. ohne ein Lebenszeichen vermittelt indes ein anderes Bild. Laut Verteidiger Miegel will Marco C., der in Rockerkreisen den Spitznamen „Toblerone“ trug, auch im aktuellen Verfahren gegen Hami S. aussagen. Die Vernehmung wird direkt nach seiner Auslieferung nach Deutschland erwartet.
Die Rückführung in die Bundesrepublik berge aber noch Hürden, wie die zuständige Staatsanwältin Heike Nöldgen am Mittwoch beim Verhandlungstermin in Gerichtssaal 27 bestätigte. Da die türkischen Behörden den Tatverdächtigen festgenommen hätten, liefe nun ein Rechtshilfegesuch. Und das könnte sich erfahrungsgemäß über mehrere Wochen hinziehen. Problematisch würde es, sollten die türkischen Behörden ein eigenes Ermittlungsverfahren anstreben – da Mordopfer Eren Y. die türkische Staatsangehörigkeit besaß. Darauf deute laut der Staatsanwältin aber bisher nichts hin.
Köln: Angeklagter seinen Bruder als Auftraggeber benannt
Sollte Marco C. nach einer Auslieferung vor Gericht tatsächlich bestätigen, gar keinen Mordauftrag erhalten und von der Tötung in Mülheim – als weiterer Tatverdächtiger gilt der Rocker Emre „Chico“ U. (33) – überrascht worden zu sein, dann wäre Hami S. zumindest teilweise entlastet. Im Prozess hatte er über seine Verteidiger Leonhard Mühlenfeld und Michael Diwo angegeben, sein Bruder Kamil S. – der frühere Präsident des Hells-Angels-Charters „Rhine Area“ – stecke hinter dem Auftrag. Grund seien Revierstreitigkeiten und ein Brandanschlag auf einen Friseursalon der Brüder in Meschenich.
Hami S. hatte allerdings auch eine Tatbeteiligung eingeräumt. So habe er bei der Logistik geholfen und vor und nach dem Verbrechen mit den von seinem Bruder angeheuerten Auftragstätern telefoniert. Dass Eren Y. getötet werden sollte, habe er jedoch nicht gewusst, sagte Hami S.: „Ich rechnete mit einem Beinschuss und hoffte, dass es nicht mehr würde.“ Diese Art von Bestrafung sei in Rockerkreisen nicht unüblich gewesen, erklärte der Angeklagte. Hami S. hatte weiter zugegeben, den Tätern nach dem Mord bei der Flucht geholfen zu haben. Über Griechenland ging es in die Türkei.
Köln: Auch Partnerin des Mordopfers von Kugel getroffen
Eren Y. wurde laut den Ermittlungen nach einem Besuch im Fitnessstudio von Marco C. und Emre U. im Empfang genommen. Die Stimmung sei gelöst gewesen, hatte die Freundin des späteren Mordopfers ausgesagt. Aus dem Nichts sei dann geschossen worden. Die Indizienlage lässt derzeit auf Emre U. als Schützen schließen. Denn Marco C. soll die Partnerin von Eren Y. noch gewarnt und „Lauf!“ zugerufen haben. Die Frau wurde ebenfalls getroffen, sie blutete stark aus dem Halsbereich. Panisch flüchtete sie durch den Park. Die Blutung stillte ein Brauhausköbes mit Stoffservietten.
Das Mordverfahren ist geprägt durch viele spektakuläre Wendungen. Im Mai 2025 hatte das Landgericht den Angeklagten zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch das Bundesverfassungsgericht hob die Entscheidung auf. Damals hatte sich Emre U. als Zeuge angeboten, war aber nicht gehört worden, weil U. nur per Videokonferenz aus der Türkei vernommen werden wollte. Das Landgericht bestand auf persönlicher Vernehmung – ein Fehler, so die Verfassungsrichter. Emre U. ist wieder abgetaucht – dafür ist nun Marco C. da. Nun muss der Mann noch nach Köln gelangen. Es bleibt also spannend.
