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Guineer lernt bei Firma LindlahrNach der Ausbildung droht die Abschiebung

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Troisdorf – Es war nicht gerade eine alltägliche Bewerbung, die im Januar bei der Firma Lindlahr Bad- und Energietechnik in Eschmar einging: Alpha Oumar Baldé hatte sie geschrieben, ein 22 Jahre junger Mann aus der guineischen Hauptstadt Conakry, der vor drei Jahren aus seiner Heimat geflüchtet war. In dem Familienbetrieb bekam er eine Chance: Zunächst absolvierte er eine halbjährige Einstiegsqualifikation, seit August ist er ganz offiziell Auszubildender und angehender Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik.

Seniorchefin Evelyn Lindlahr, die den Betrieb gemeinsam mir ihrem Mann Peter leitet, würde sich wünschen, dass der Westafrikaner als Geselle bleibt. „Dafür bilden wir aus, um das Personal zu übernehmen.“ Doch die Chancen stehen schlecht. Baldé muss nach seiner Ausbildung die Abschiebung fürchten. Die meisten Anträge von Guineern auf Asyl werden abgelehnt.

Die Konflikte zwischen den Ethnien sind nach Schilderung Baldés ein großes Problem im vom Ebola-Virus besonders heimgesuchten Guinea, ebenso wie staatliche Gewalt. „Ich hatte keine Perspektive in Guinea“, sagt er, ebenso wie viele andere Flüchtlinge, die wegen „willkürlicher Tötungen, Vergewaltigungen und Korruption“ das Land verlassen hätten. Bis zu seiner Flucht über Frankreich nach Deutschland habe er sein Geld als Lagerarbeiter verdient und Alphabetisierungskurse für Senioren in französischer Sprache gegeben.

Morgens einer der ersten

Sein Sprachtalent fällt auch den neuen Arbeitgebern auf: „Ich bin sicher, dass er in zwei Jahren fließend Deutsch spricht“, sagt Evelyn Lindlahr. „Schon jetzt versteht er alles, was man ihm sagt.“ Ihre Tochter Stephanie hat großen Respekt vor der Leistung, nach einem langen anstrengenden Tag noch die fremde Sprache zu lernen. Und dabei sei Baldé morgens einer der ersten, die in der Firma erschienen. Offenbar fällt ihm das Leben in der Unterkunft, in der er lebt, nicht leicht. Zu laut sei es dort und schwer sich zu konzentrieren. Die Lindlahrs (Telefon 02241-872 30) suchen daher händeringend nach einer kleinen Wohnung für ihren Lehrling, am besten in Betriebsnähe.

Eines der ärmsten Länder der Welt

Guinea an der Westküste Afrikas mit seinen 11,5 Millionen Einwohnern gilt als eines der ärmsten Länder der Welt. Das Auswärtige Amt empfiehlt Reisenden, in Guinea besonders vorsichtig zu sein und sich über die Sicherheitslage zu informieren. Im Landesinneren könnten jederzeit „gewaltsame Konflikte zwischen verschiedenen Familienclans oder ethnischen Gruppen auftreten“.

In der Landeshauptstadt Conakry, aber auch im Landesinneren, komme es immer wieder zu Vandalismus und Straßenblockaden. Bandenmäßige Gewaltkriminalität sei zunehmend verbreitet, nachts würden häufig Überfälle auf Passanten, Wohnhäuser und Geschäfte verübt. „Die Anzahl gemeldeter Raubmorde, teilweise durch bewaffnete Täter in Uniformen, hat zugenommen.“ (ah)

Aus Sicht der Lindlahrs wäre eine Abschiebung auch bedauerlich, da sie sich für Baldé enorm engagiert haben. Juniorchefin Stephanie Lindlar berichtet, wie mühsam es gewesen sei, alle Formalitäten für die Anstellung zu erledigen. Über Monate habe sie dazu Informationen bei öffentlichen Stellen zusammengesucht. „Sie hat ganz Deutschland abtelefoniert“, erinnert sich ihre Mutter.

Dass schließlich alles gut ging, sprach sich in der Branche herum: „Jetzt rufen schon Kollegen aus Köln an, um zu fragen, wie das geht“, sagt Stephanie Lindlahr. Von Anfang an habe sie die Eigeninitiative Baldés beeindruckt, der mehr als 50 Bewerbungen schrieb, um eine Stelle zu finden. Bei seinen Kollegen sei er beliebt: „Jeder nimmt ihn gern mit .“ Sie betont, dass die Ausbildung nicht einfach sei. Angehende Anlagenmechaniker bekämen es mit Rohrbrüchen und defekten Heizungen ebenso zu tun wie mit der Programmierung komplexer Anlagen per Laptop.

„Guinea ist kein sicheres Herkunftsland“, sagt Christa Feld, die Geschäftsführerin der Flüchtlingsinitiative Lohmar-Siegburg, die Baldé und die Lindlahrs bei ihren Bemühungen unterstützt. Auch sie würde sich wünschen, dass der Guineer bleiben kann. „Er ist ein positives Beispiel für Integration.“ Nüchtern stellt sie auch fest: „Unsere Wirtschaft braucht Arbeitskräfte, aber sie zu bekommen wird durch Vorschriften erschwert.“ Davon abgesehen arbeite die Initiative gut mit Rathäusern, dem Jobcenter und vielen Firmen zusammen. Feld hofft, dass für Baldé eine Härtefallregelung gefunden werden kann. In einem ähnlich gelagerten Fall, von dem sie wisse, habe das funktioniert. Zudem ändere sich die Gesetzeslage sehr schnell, wovon auch der Guineer profitieren könne. „Wenn das Einwanderungsgesetz endlich käme, könnte er bleiben.“

Feld fiel auf, dass Baldé schon während der Qualifikation das Gehalt eines Lehrlings im ersten Jahr bekam – und das sei keineswegs üblich. Die Lindlahrs bewundere sie dafür, wie diese die Schwierigkeiten bis zur Anstellung ihres neuen Auszubildenden durchgehalten hätten. „Für uns ist das selbstverständlich“, sagt Stephanie Lindlahr, die das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Bruder Marc zum Jahresende in der vierten Generation weiterführen wird. „Ich würde das jederzeit wieder machen.“

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