„Es könnte der Durchbruch sein“, sagt Neurologin Dr. Jacqueline Nikolos. „Noch ist es jedoch keine Heilung.“
Wirkstoff kann Krankheitsverlauf bremsenIn Troisdorf bekommen Alzheimer-Erkrankte neuartiges Medikament

Dr. Jaqueline Nikolos, Fachärztin für Neurologie, GFO, Demenzbehandlung, Lecanemab
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Jeder kennt das: Man steht im Keller oder vor dem Schrank – und fragt sich plötzlich, was man da eigentlich wollte. Sind das erste Anzeichen für eine Demenz? Oder bin ich nur tüddelig, habe einfach zu viel im Kopf? Bei der Suche nach Antworten könnte der Weg in die Demenzsprechstunde im MVZ Rhein-Sieg Sieglar der GFO-Kliniken Troisdorf führen. Dort lässt sich klären, was Sache ist. Und seit Oktober des vergangenen Jahres auch eine Alzheimer-Erkrankung unter Umständen aufhalten.
Denn dort werden die ersten Patienten mit dem Medikament Lecanemab behandelt. Nach einer Reihe von Tests und Patientengesprächen erhalten sie im Zweiwochentakt die Infusionen mit dem Wirkstoff. Dessen Wirkungsweise, so beschreibt Neurologin Dr. Jaqueline Nikolos den neuartigen Ansatz, könne – stark vereinfacht – mit der Leistung einer Müllabfuhr verglichen werden: Das Medikament unterstützt den Körper dabei, die Proteinablagerungen, die im Gehirn die Kommunikation zwischen den Nervenzellen erschweren, in Teilen abzubauen und zu entsorgen.
Seit Oktober 2025 bietet das MVZ in Sieglar eine Demenz-Sprechstunde an
„Das könnte der Durchbruch sein“, sagt Jaqueline Nikolos. „Noch ist es jedoch keine Heilung.“ Immerhin seien aber mit Lecanemab und Donanemab zum ersten Mal Medikamente nicht nur gegen die Symptome der Demenz wirksam, sondern wirkten sich tatsächlich auf den Verlauf der Erkrankung aus.
Seit Oktober 2025 bietet das Neurologische MVZ Rhein-Sieg in Sieglar eine Demenz-Sprechstunde an. Von hohem Zulauf berichtet Dr. Nikolos, „weil es die Patienten beschäftigt“. Ihren Rat suchen Männer und Frauen, „weil sie bemerken, dass sie Defizite entwickeln“. In Sieglar gebe es dann ein umfassendes Angebot sowohl der Diagnostik als auch der Behandlung, berichtet die Fachärztin.

Die mit der Positronen-Emissions- Tomografie (PET) erstellte Abbildung zeigt die Gegenüberstellung zweier Gehirne - im gesunden Zustand (l) und mit Alzheimer-Krankheit
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In einem ersten Schritt werde ein MRT vom Kopf erstellt. Unter Umständen sei schon da ein Grund für Ausfallerscheinungen erkennbar: Zuviel Nervenwasser könne das sein – ein Befund, dem sich leicht abhelfen lasse. Im MRT könne man aber auch einen möglichen Gewebeschwund im Gehirn erkennen. Für die Einstufung in leichte, mittlere oder schwere Demenzerkrankung folgen Tests in der Ergotherapie; die Analyse von Nervenwasser aus der Wirbelsäule erlaubt letztlich den Nachweis der Erkrankung.
Die Therapie muss zum Menschen passen
Immer wieder gebe es entlang dieses Weges der Diagnosestellung Gespräche mit den Patientinnen und Patienten, berichtet Dr. Nikolos. Gemeinsam suche man nach Antworten auf die Fragen: Was ist die richtige Entscheidung? Passt das? Will der erkrankte Mensch das? „Die Therapie muss zum Menschen passen“, sagt die Ärztin.
Ohnehin kommt nicht jeder und jede Erkrankte für die neuartige Therapie in Frage. Die Alzheimer-Krankheit darf nur leicht ausgeprägt sein, ein weiteres Ausschlusskriterium ist die regelmäßige Einnahme starker, blutverdünnender Medikamente. Außerdem ist das Ergebnis eines Gentests entscheidend für die Zulassung: Eine bestimmte genetische Konstellation erhöht das Risiko für gefährliche Blutungen im Gehirn.

In Troisdorf erhalten die ersten Patienten regelmäßige Infusionen mit Lecanemab und Donanemab.
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Im Dezember 2025 erhielt die erste Patientin in Sieglar eine Infusion, inzwischen werden dort drei Erkrankte behandelt. Für drei weitere stehe das bevor, berichtet Jacqueline Nikolos. Mancher und manche hat nach Gesprächen und Tests aber auch abgewunken, sich gegen die Therapie entschieden. „Was kann ich gewinnen?“, sei das ärztliche Team gefragt worden. Um etwa sechs Monate, so zeigen Studien, könnten die Behandelten durch 18 Monate Therapie den Fortgang der Demenz aufhalten. Ein Jahr Aufschub sei bei Studien über 72 Monate ermittelt worden.
„Sie müssen die Therapie wirklich wollen“, betont die Fachärztin. Denn neben den regelmäßigen Infusionsterminen stehen auch immer wieder MRT-Untersuchungen und weitere Tests an. Manchem Patienten erlegt dieses Raster zu viele Einschränkungen auf. Am häufigsten aber hört die Ärztin das Argument: „Das brauche ich nicht, im Alter wird man doch sowieso vergesslich.“
Zweifel am Zusatznutzen des Medikaments hat vor wenigen Wochen der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) bekannt gemacht: Dem Beschluss des Ausschusses liegt eine Analyse des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen zugrunde. Eine Bewertung, die nach Einschätzung von Fachleuten in Preisverhandlungen zwischen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und dem Pharmahersteller einfließen wird.
Forschende in Bonn sehen Vorteile der neuartigen Therapie
Wirksamkeit und Sicherheit seien festgestellt, sagt Professor Gabor Petzold, Direktor für klinische Forschung des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn. Er sehe sehr wohl einen Vorteil gegenüber der herkömmlichen Therapie, so Petzold in einer online veröffentlichen Stellungnahme. Die Kriterien, die in der Bewertung des Zusatznutzens angelegt wurden, halte er „nicht für angemessen und aussagekräftig“.
Bislang ist Lecanemab mit 25.000 Euro pro Jahr etwa 100-mal so teuer wie die herkömmlichen Präparate. Die Neurologin hat die Debatte mit den Patienten offen besprochen, die bräuchten schließlich Offenheit und Rückversicherung. Aber: „Es kann niemand so richtig sagen, was der Beschluss final bedeutet.“

