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Singend um die ganze WeltTroisdorfer Chor traf Adenauer und Papst Pius

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Das älteste Foto zeigt den Chor im Jahr 1924.

Troisdorf – Ein Chor als Botschafter, der um die Welt reist? Das ist erstens nicht alltäglich und zweitens im Fall des Werk-Chors HT nicht übertrieben, hat er doch bis auf Australien die ganze Welt bereist. Dessen 105-jährige Geschichte ist bis März im Museum für Stadt- und Industriegeschichte Troisdorf (Musit) zu sehen.

Die Schau trägt den Titel „Musikalische Botschafter – Mit dem Werk-Chor der Dynamit-Nobel um die Welt“. Vor Dynamit Nobel gehörte das Werk zum Konzern Hüls Troisdorf - daher die Abkürzung.

Chroniken und Dokumente durchforstet

„Der Chor ist mit unserer Stadt und ihrer Industrie eng verknüpft“, sagte Museumsleiterin Dr. Pauline Liesen zum Motiv, ein größere Fläche für die informative Ausstellung freizuräumen. Mit gutem Gespür für die Kerninformationen hat die Ausstellungsverantwortliche Bernadette Fischer in Zusammenarbeit mit dem 1. Vorsitzenden Dr. Norbert Berndtsen und mit Unterstützung von Chorist Christian Treitler-Kipp Chroniken und Dokumente durchforstet.

In die Abschnitte historische Einordnung, Chorreisen und Dirigenten gliederte Fischer die Ausstellung und brachte sie, komprimiert in Wort und Bild, auf 23 Präsentationstafeln unter. Darauf sind auch große Persönlichkeiten zu sehen, die die Wege des Chors in dessen Hochzeit gekreuzt haben, etwa Konrad Adenauer (1956), Papst Pius XII (1957) oder Heinrich Lübke (1968).

Der noch junge Chor sang vor 3500 Zuhörern

Bei der Vorstellung erzählte Berndtsen von den Anfängen des damaligen MGV der Rheinisch-Westfälischen-Sprengstoff-AG (RWS), der schon vier Wochen nach seiner Gründung am 29. November 1917 im Großen Speisesaal des Unternehmens ein Konzert vor 3500 Zuhörern gab.

Höhepunkt vor dem Zweiten Weltkrieg war 1937 die erfolgreiche und von der Presse gefeierte Teilnahme („Der weltberühmte Chor des RWS Troisdorf“) am Deutschen Sängerbundfest in Breslau und die anschließende Reise zum Internationalen Sängerbundfest in Budapest. Von dort brachte man einen Silberpokal als „die höchste Ehrengabe“ und eine Plakette mit, beide in einer Vitrine zu sehen.

Reisen führten Troisdorfer Sänger auch nach Übersee

Nach dem Krieg nahm „die Erfolgsgeschichte“, so Pauline Liesen, Fahrt auf. Bei seinen Reisen gewann der Chor, der meist mit weit mehr als 100 Mitgliedern auftrat, auch außerhalb Deutschlands Ansehen. Als die Dynamit Nobel ihre Geschäftstätigkeit in den 70ern über Europas Grenzen hinaus ausdehnte, präsentierte sich der Werk-Chor in den USA, wo er an der Steuben-Parade in New York teilnahm, in Kanada und Fernost.

Dass die Hochzeiten indes vorbei sind, wird an der Tafel „Vom Chor mit vielen Namen zum Werk-Chor ohne Werk“ deutlich. „Durch das hohe Durchschnittsalter von 81 Jahren, die Krankheiten, die geringe Sängerzahl und das Fehlen des Mutterunternehmens ist ein Singen nach unseren Ansprüchen nicht mehr möglich“, erklärte Berndtsen. So liege es nahe, „dass der Chor in absehbarer Zeit aufgelöst wird“.

Im Musit kann man sich als Dirigent versuchen

Gezeigt werden in der Ausstellung neben den Auszeichnungen ausgefallene Geschenke, Andenken und persönliche Erinnerungsstücke aus dem Chor-Archiv, wie Schellackplatten von 1942 mit den ältesten Aufnahmen des Chors. Die Besucher dürfen sich im Musit sogar als Dirigent oder Dirigentin versuchen. Mit Taktstock und Frack ausgestattet, können sie im Playback den Chor durch Carl Maria von Webers „Jägerchor“ oder Franz Schuberts „Lindenbaum“ führen. Der Werk-Chor bleibt jedoch stumm – es handelt sich um ein lebensgroßes Foto der HT-Sänger.

Ausstellungseröffnung mit Liedbeiträgen des Chors ist am Sonntag, 6. November, um 11 Uhr.

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