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Schulwahl in NRWAnsturm auf die Gymnasien ist ein Problem

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Für Grundschul-Eltern beginnt jetzt die heiße Bewerbungs-Phase: Mit dem gerade ausgeteilten Zwischenzeugnis der vierten Klasse melden sie ihre Kinder bei der Wunsch-Schule an - das ist meist das Gymnasium.

Köln – Schon wieder eine Vier in Deutsch? Und in Sachkunde gerade noch so befriedigend? Was für manche ein guter Grund ist, die Anmeldung für das Gymnasium noch mal zu überdenken, bringt andere überhaupt nicht aus dem Konzept. Für Grundschul-Eltern beginnt jetzt die heiße Bewerbungs-Phase: Mit dem gerade ausgeteilten Zwischenzeugnis der vierten Klasse melden sie ihre Kinder bei der Wunsch-Schule an. Und das Gymnasium steht dabei ganz oben auf der Liste.

Anfang der 70er besuchte in NRW gerade mal ein Viertel eines Jahrgangs das Gymnasium. Heute sind es gut 40 Prozent. Der Druck auf die Grundschüler, zu diesen 40 Prozent zu gehören, ist immens – doch nicht immer tut ihnen der elterliche Ehrgeiz gut. Vor allem dann nicht, wenn Väter und Mütter alle guten Ratschläge der Lehrer ignorieren und ihr Kind aufs Gymnasium schicken wollen, obwohl das Zeugnis eine ganz andere Sprache spricht.

Das passiert immer wieder, sagt Klaus Kombrink. Als Schulleiter des Leonardo da Vinci-Gymnasiums in Köln-Nippes muss er öfter Gespräche mit Eltern führen, die ihr Kind trotz eingeschränkter Gymnasialempfehlung oder sogar Realschulempfehlung bei ihm anmelden. Und erlebt dabei eine „gewisse Beratungsresistenz“, wie er sagt: „Eltern haben die Haltung: »Ich möchte das Beste für mein Kind.« Und schulisch ist das Beste gesellschaftlich definiert: das Gymnasium. Häufig schauen sie deswegen nicht darauf, welche Voraussetzungen ihr Kind mitbringt.“ Ein Kollege von ihm formuliere das gerne so: „Die wollen den Porsche vor der Tür, aber die Kinder haben noch keinen Führerschein.“

Immer mehr Anmeldungen

Selbst wenn Klaus Kombrink und seine Kollegen nach einem ausführlichen Gespräch mit der Familie überzeugt sind, dass ein Kind in einer anderen Schulform besser aufgehoben wäre – sie können die Eltern nicht aufhalten. Denn seit 2011 gilt bei der Schulwahl in NRW der Elternwille: Die Zeugnisnoten dürfen bei der Auswahl keine Rolle spielen. Ein „Riesenproblem“ für Kombrink. „Die Grundschulen sprechen ihre Empfehlungen ja nicht aus dem Blauen heraus. Da stehen ja vier oder dreieinhalb Jahre Arbeit mit den Kindern dahinter.“

Gut 90 Schüler können nach den Sommerferien am Leonardo da Vinci-Gymnasium anfangen. Kombrink rechnet mit mehr als 150 Bewerbungen: „Über die Jahre hinweg sind die Anmeldungen bei uns stetig gestiegen.“ Im Moment werden die begehrten Plätze unter anderem danach verteilt, ob schon Geschwister die Schule besuchen. Am Ende entscheidet dann das Los – was dazu führen kann, dass ein Grundschüler mit Einserzeugnis leer ausgeht und sein Klassenkamerad mit Realschulempfehlung den Platz bekommt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wieso der Ansturm auf die Gymnasien nicht nur für überforderte Schüler ein Problem ist.

Natürlich muss ein schlechtes Zeugnis nicht zwangsläufig bedeuten, dass ein Schüler auch tatsächlich Probleme auf dem Gymnasium bekommt. Die Studienlage dazu ist nicht eindeutig – Zahlen, zum Beispiel vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung, belegen, dass der freie Elternwille auf jeden Fall zu mehr sozialer Ungerechtigkeit führt. Eine Studie der Universität Duisburg-Essen zeigt wiederum, dass die Empfehlungen der Grundschulen auch keine bessere Prognose ermöglichen als die Entscheidung der Eltern.

Realschule nur noch Notlösung

Die Praxis zeige jedoch, dass Schüler mit einer reinen Realschulempfehlung es auf dem Gymnasium schwerer haben, sagt Schulleiter Kombrink – zumindest solche mit schlechten Noten in allen Hauptfächern.

Der Ansturm auf die Gymnasien ist nicht nur für überforderte Schüler ein Problem. Auch die Realschulen leiden darunter. Denn während die Gesamtschule als alternativer Weg zum Abitur immer beliebter wird, gilt die Realschule vielen Eltern nur noch als Notlösung. Fast 30 Prozent entschieden sich im Jahr 2000 für diese Schulform. Inzwischen sind es nur noch 20 Prozent. Diesen Trend vermag auch die Umwandlung in Sekundarschulen nicht aufzuhalten. Und so drohen die Realschulen das traurige Schicksal der Hauptschulen als „Restschule“ zu teilen.

„Der Run auf Gymnasien und die Gesamtschulen steigt. Als Folge fehlt an den Realschulen die Schülerschaft, die für eine bestimmte Unterrichtsqualität notwendig ist. Die Schüler, für die es bei uns ein bisschen zu schnell geht, werden an den Realschulen gebraucht“, sagt auch Schulleiter Kombrink besorgt.

Dabei müsste die Realschule seit der Schulzeitverkürzung eigentlich an Attraktivität gewonnen haben. In Zeiten, in denen Gymnasialeltern über gestresste Kinder klagen, können die Schüler dort entspannter lernen. Und die Tür zum Abitur bleibt offen: 37 Prozent aller Realschüler wechseln heute in die gymnasiale Oberstufe – noch im Jahr 2000 waren es nur gut 20 Prozent.

Das zusätzliche Jahr tut den Realschülern gut, beobachtet Schulleiter Kombrink: „Die Realschüler kommen bei uns gut im System klar, weil sie viel mehr Ruhe hatten, sich zu entwickeln. Zum Teil verlassen sie das Gymnasium mit hervorragenden Abschlusszeugnissen.“ Und womöglich blicken sie dann auf eine entspanntere Schulzeit zurück als ihre Mitschüler, die das Gymnasium schon seit der fünften Klasse besucht haben.