Köln/Düsseldorf/Leipzig – Am Montag ist Günther Korn ein alter Bekannter begegnet. Der Leiter des Kölner Polizei-Kommissariats 43, das sich um die Bekämpfung von Taschen- und Trickdiebstahl kümmert, hat den Mann aus Südosteuropa vor zwölf Jahren als 17-Jährigen zum ersten Mal „in Haft gebracht“. 18 Monate habe dieser damals gesessen, sei nach seiner Entlassung direkt wieder straffällig geworden.
„In Neuss hat er mit seiner Schwester eine 95-jährige Frau bestohlen. Sie hat sich gewehrt, ist dabei gestürzt, hat sich einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen und ist in der Nacht gestorben.“ Wegen Raubes mit Todesfolge wurden die Täter zu fünf und vier Jahren verurteilt. „Heute Mittag hatten wir in Köln eine Festnahme und bei der Schnellidentifizierung festgestellt, dass es sich bei dem Mann um denselben Täter von damals handelt. Er hatte aber gefälschte Papiere dabei.“
Die Zahl der Taschendiebstähle in Deutschland hat seit der Öffnung des Schengenraums nach Osteuropa im Dezember 2007 deutlich zugenommen. 2016 kam es bundesweit zu fast 165 000 Delikten. Die Aufklärungsquote ist mit 6,4 Prozent verschwindend gering. Von den zehn Großstädten mit den meisten Diebstählen liegen sechs in Nordrhein-Westfalen – Düsseldorf, Köln, Wuppertal, Dortmund, Gelsenkirchen und Bonn.
In einer Studie hat das Online-Portal Shopping.de die Statistiken des Bundeskriminalamts und der Landeskriminalämter ausgewertet und dabei erstmals nicht nur Großstädte mit mehr als 100 000 Einwohnern, sondern 400 Städte und Landkreise untersucht. Rund drei von vier Taschendiebstählen (76 Prozent) werden von Tätern begangen, die keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Diese Zahl ist nach einem kurzen Abflauen in den Jahren 2000 bis 2009, in denen sie zwischen 52 und 57 Prozent lag, deutlich angestiegen.
Düsseldorf belegt Platz eins
Nirgendwo in Deutschland ereignen sich so viele Diebstähle wie in Düsseldorf. 2016 wurden 8041 Delikte polizeilich erfasst, das sind 1314 Straftaten pro 100 000 Einwohner. Die Aufklärungsquote liegt mit 5,3 Prozent deutlich unter dem Bundesdurchschnitt, die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen ist mit 85,8 Prozent besonders hoch. Die Landeshauptstadt liegt seit 2012 auf einem gleichbleibend hohen Niveau. Auf Platz zwei folgt Berlin mit 1271 Diebstählen pro 100 000 Einwohner. Dort ist die Zunahme besonders signifikant.„In Berlin hat sich die Zahl der Taschendiebstähle mit 44 722 innerhalb eines Jahres um rund zehn Prozent erhöht“, sagt Studienleiter Thomas Neubert. „Das sind statistisch gesehen fünf Anzeigen pro Stunde. Wir verzeichnen in der Hauptstadt einen Anstieg von mehr als 12 000 Taten in zwei Jahren.“
In den Top Ten der Klau-Hochburgen liegt Köln hinter Hamburg mit 937 Diebstählen pro 100 000 Einwohner auf Platz vier, hat in absoluten Zahlen seit 2014 aber einen deutlichen Rückgang von 14 052 (2012) auf unter 10 000 zu verzeichnen.In Köln betrug die Aufklärungsquote 6,8 Prozent. 86,7 Prozent der Tatverdächtigen sind keine deutschen Staatsbürger. Sicherste Großstadt in Deutschland ist Salzgitter mit 38 Taschendiebstählen je 100 000 Einwohner. Mit nur fünf Straftaten sind die Landkreise Hildburghausen (Thüringen), Unstrut-Hainich (Sachsen), Greiz (Thüringen) und Straubing-Bogen (Bayern) mit drei bis fünf angezeigten Taschendiebstahl-Delikten pro Jahr.

Die Hochburgen der Taschendiebstähle liegen in NRW.
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Die Studie unterscheidet auch deren Herkunftsländer. 40 Prozent der ermittelten Täter stammten 2016 aus den verarmten Balkanstaaten oder Osteuropa, 33 Prozent aus den sogenannten Maghreb-Staaten Tunesien, Algerien und Marokko einschließlich Libyen, zehn Prozent aus dem Nahen und Mittleren Osten.Die Studie sei seriös und aussagekräftig und bis auf kleinere Mängel, die sich aus den Statistiken nicht herauslesen ließen, durchaus zutreffend, bestätigt Kriminal-Hauptkommissar Korn. So liege die Quote der nichtdeutschen Täter laut Polizei noch höher als es die Statistik aussagt. „Mehrfach-Täter werden nur einmal gezählt. Wenn einer also 15 Mal im Jahr erwischt wurde, hat er zwar 15 Taten begangen, taucht als Verdächtiger aber nur einmal in der Statistik auf. Viele Deutsche sind häufig Einmaltäter.“ Das Thema Taschendiebstahl müsse man „lernen und üben“. Die Quote von 86 Prozent zeige, „wo das Problem liegt“.
Anzeige oft nur bei fehlenden Papieren

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Die Zahl der Strafanzeigen sei so gering, weil bei Taschendiebstählen in Großstädten häufig Touristen die Leidtragenden sind. „Ein großer Teil der Geschädigten sind keine Deutschen. Viele bemerken den Diebstahl, der am Hauptbahnhof geschehen ist, erst, wenn sie Köln schon verlassen haben. Die wissen gar nicht, wo sie bestohlen worden sind und erstatten oft nur Anzeige, wenn die Papiere verschwunden sind.“ Wenn nur Bargeld fehlt, werde das einfach abgehakt.

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In Köln versuche man seit 2005, des Problems Herr zu werden. „Da hatten wir 12 500 Delikte“, so Korn. Damals habe man sich auf die Täter-Klientel konzentriert und es geschafft, die Zahlen auf 7700 zu drücken. „Das waren häufig Menschen aus Südosteuropa. Und ein paar wenige Nordafrikaner.“ Mit der Ost-Erweiterung der Europäischen Union seien die Zahlen durch neue Täter aus Bulgarien und Rumänien wieder gestiegen. „Von den möglichen Strafen und der Beute war das sehr lukrativ.“ 2010 lag die Zahl der Diebstähle wieder bei 10 000. In den Folgejahren seien die Südosteuropäer durch Gruppen aus Nordafrika verdrängt worden. „Anfangs kannten wir die neuen Täter noch persönlich, das waren maximal 30. Innerhalb von zwei Jahren sind die Zahlen auf mehrere Hundert gestiegen.“
Die Zahlen seien in deutschen Großstädten bis 2014 „explodiert“ – in einer Zeit, in der „wir in Köln 2014 rund 1000 Täter auf frischer Tat ertappt und Fließbandarbeit geleistet haben“. Trotz der Schnellverfahren, die damals bei der Justiz eingeführt wurden. Seither seien die Zahlen in Köln auf rund 10 000 gesunken. „Das ist nicht gut, aber wir bewegen uns wieder auf einem normalen Level. Das wird sich nicht mehr erheblich nach unten korrigieren lassen.“
Oft sind Diebe in Familienbanden organisiert
Der Rückgang sei bis auf wenige Kommunen deutschlandweit zu erkennen, weil bestimmte Tätergruppen Deutschland verlassen haben. Ein großer Teil sei nach Skandinavien abgewandert. „Das können wir durch den digitalen Datenabgleich recht gut nachverfolgen.“ Köln sei über Jahre die Hauptstadt der Taschendiebe gewesen. Das sei nun Düsseldorf. 2016 wurde deshalb dort eine eigene Ermittlungsgruppe gegründet. „Da werden auch dort die Fallzahlen sinken.“ Aber vor allem Berlin habe seit Jahren erhebliche Probleme mit rumänischen Banden.
In Köln sei seit kurzer Zeit wieder die alte Klientel aus Südosteuropa anzutreffen, die verlorenes Terrain zurückgewonnen habe. „Zwar weniger als früher, aber immer noch.“ In Zusammenarbeit mit der Justiz sei es gelungen, 2016 etliche dauerhaft ins Gefängnis zu bringen. „Wir haben Sammelverfahren aufgebaut. Das ging vor zehn Jahren noch nicht.“ Die Taschendiebbanden seien europaweit organisiert. „Das sind meistens Familien. Wenn jemand im Knast landet, kommt immer was nach.“ Das Geschäft sei nach wie vor lukrativ. Pro Tag gebe es pro Gruppe mehrere Tausend Euro zu erbeuten.
In den Großstädten in Süddeutschland, vor allem in Stuttgart und München, gehe man mit Straftätern anders um. „Beim Münchner Oktoberfest lässt der Kontrolldruck nicht nach, auch wenn die Fallzahlen sinken. Von den 85 Tätern, die dort in diesem Jahr festgenommen wurden, sind 50 Prozent in Haft gegangen und haben nach unseren Erfahrungen mit teilweise mehrjährigen Haftstrafen zu rechnen. Das wirkt abschreckend.“
Günter Korn ist überzeugt, dass wir „das Delikt Taschendiebstahl in den Ballungsräumen und grenznahen Gebieten nie ganz ausrotten werden. Wir müssen es auf ein Niveau bringen, mit dem man leben kann. Das ist unser Ziel.“Dass Taschendiebstähle längst keine Bagatell-Straftaten mehr sind, belegen laut Studie auch die Schadenssummen. Sie sind seit 2011 von 29,5 Millionen auf 51,4 Millionen Euro im Jahr 2016 gestiegen. Die Masse der Straftaten verursacht dabei einen Schaden zwischen 50 und 250 Euro (45,8 Prozent). 11,6 Prozent entfallen auf Schäden bis zu 50 Euro.
