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10 Jahre Dating-App„Tinder ist für mich unglaublich anstrengend“

9 min
Tinder App 120922

Tinder wird zehn Jahre alt. 

  1. Zehn Jahre ist es her, dass eine neue App das Dating revolutionierte.
  2. Mit Tinder sollte das Kennenlernen ganz einfach werden.
  3. Was ist von diesem Versprechen geblieben?

„Left swipe, right swipe“ – nach links wischen, nach rechts wischen: Es ist ein tägliches Ritual für viele Singles beim Onlinedating. Wer die App Tinder öffnet, dem stehen Dutzende Profile von Menschen zur Auswahl.

Menschen, die mit möglichst imposanten Bildern und charmant-witzigen Profilbeschreibungen für sich selbst werben: der sportliche Mann, der mit seinen beim Wellenreiten und Wandern geschossenen Fotos kein Geheimnis aus seiner Abenteuerlust macht. Oder die Studentin, die eine feste Beziehung sucht und Interessierte mit einem Augenzwinkern und einem kecken Spruch locken möchte. In Sekundenschnelle entscheiden die Nutzer und Nutzerinnen, ob sie das Angebot anspricht. Nach links wischen, und er ist raus aus dem Rennen, nach rechts wischen, und sie kommt in die nächste Runde – zumindest dann, wenn er oder sie das Interesse erwidert.

„It„s a Match“, alarmiert sie die App im letzteren Fall – nun können beide chatten, sich verabreden oder auch nach den ersten Worten wieder ignorieren. So geht es weiter, ganz nach dem Modell Versuch und Irrtum. So lange, bis es endlich klappt: mit dem Date, dem One-Night-Stand, der festen Beziehung. Und wenn das persönliche Treffen doch nicht den Erwartungen entspricht oder die Partnerschaft schon nach kurzer Zeit scheitert, wird die App wieder ausgepackt, und das Spiel beginnt von vorn.

Andere Apps zogen nach

Die Pionierin dieses beliebten Datingmodells wird am 12. September zehn Jahre alt: die App Tinder. Sie prägte das moderne Dating so stark wie keine andere Plattform. Bumble, Ok Cupid, Lovoo – sie alle übernahmen das erfolgreiche Swipe-Prinzip, das Tinder-Mitgründer Jonathan Badeen ein Jahr nach dem Start der App ins Leben rief. Aus dem Leben vieler – vor allem junger – Singles sind Dating-Apps kaum noch wegzudenken.

Auch Felix versuchte vor einem Jahr sein Glück auf Tinder, er ist seitdem auf der Suche nach einer festen Partnerin. „Am Anfang war es spannend, weil es für mich komplett neu war: das allererste Match, der erste Chat – und wie daraus ein Date wird“, erinnert sich der Student. Der Vorteil der App lag für ihn auf der Hand: „Menschen können sich von einer Seite zeigen, die sie sonst gar nicht von sich preisgeben können. Ich habe viele Profile von Leuten gesehen, in denen sie sagen, dass sie sehr schüchtern sind und im „echten Leben„ kaum jemanden ansprechen können“, sagt der 22-Jährige.

Tinder heißt so viel wie Zunder, leicht brennbares Material. Folglich lautet das Versprechen, die App entfache „für jeden das Feuer“ – das drückt sie auch mit ihrem ikonischen Flammenlogo aus. Doch alles, was Feuer fangen kann, brennt irgendwann aus. Eine Erkenntnis, die auch Felix mit Tinder gewonnen hat. „Der Kreislauf wiederholt sich immer wieder: Man matcht, man schreibt, und in den meisten Fällen wird nichts daraus. Es ist manchmal einfach nur erschöpfend“, sagt er.

Ein Gefühl, dass die 28-jährige Ska gut nachempfinden kann. Die Medizinerin hatte sich vor einem Jahr entschlossen, das Swipen auszuprobieren. „Mein Bruder hat mich quasi dazu gezwungen. Er meinte: “Du bist einsam und brauchst jetzt einen Freund„“, sagt sie und lacht. Ska benutzt außer Tinder auch Bumble, die beide Teil des texanischen Unternehmens Match Group sind. Sie geht sehr selektiv vor, will vermeiden, dass sie mit aufdringlichen Männern in Kontakt tritt und „Dickpics“ bekommt, also ungewollte Bilder von Penissen. Sie wischt so lange nach links, bis ein vielversprechender Kandidat auf dem Handy erscheint.

Treffen verlaufen oft im Sande

Doch auch nach Dutzenden Matches und vier Dates ist ihre Suche noch nicht von Erfolg gekrönt. „Tinder ist für mich unglaublich anstrengend: Man muss immer hinterher sein, die Konversation aufrechterhalten, damit sie nicht im Sande verläuft. Und es dauert ewig, bis es zum Treffen kommt“, sagt sie. Oft empfinde sie Tinder als oberflächlich – schließlich bewerte man die Menschen zuerst nach dem Äußeren.

Felix und Ska sind mit ihren Gefühlen nicht allein. Von 500 Nutzerinnen und Nutzern zwischen 18 und 54 Jahren gaben 80 Prozent in einer Befragung des Datenanalyseunternehmens Singlesreports im April an, beim Onlinedating einen emotionalen Burnout oder eine Erschöpfung zu spüren.

„Romantic fatigue“, was so viel wie Datingmüdigkeit heißt, nannte die US-amerikanische Anthropologin Helen Fisher dieses Phänomen schon 2018 gegenüber dem „Guardian“. Tinder und Co. machten uns müde, weil wir nie gelernt hätten, sie zu bedienen. Unser Umgang mit den Plattformen beruht demnach auf einem Missverständnis, das mit ihrer Bezeichnung als „Dating-App“ zu tun hat – einen Namen, den sie eigentlich nicht verdient hätten. „Sie sind keine Datingseiten, sie sind Kennenlernseiten. Das Einzige, was sie machen können, ist eine bestimmte Art von Person bereitzustellen, wenn man sie benötigt.“

Ihre Lösung? Ausloggen, wenn man mit neun Menschen gesprochen hat – einer mehr und man erreiche schnell eine kognitive Überlastung.

Das klassische Dating ist nicht tot

Die Frage ist nur: Wie geht es dann weiter mit dem Dating? Die „klassischen“ Wege jemanden kennenzulernen sind nicht ausgestorben: Auch heute funkt es noch auf Partys, im Vorlesungssaal, ganz zufällig auf der Straße – genau das wünscht sich Ska. „Mein Traum ist es immer noch, jemanden beim Hobby, bei der Arbeit oder in der Bahn kennenzulernen. Eigentlich möchte ich nicht mit jemandem zusammenkommen, nur weil ich eine Dating-App benutzt habe“, betont sie.

Doch ihr Leben lässt solche in Filmen oft romantisierten Szenarien kaum zu. Sie ist beruflich sehr eingespannt und geht in ihrer Freizeit kaum noch aus. „Ich glaube, es gibt viele, die das gleiche Problem haben und im „normalen„ Leben niemanden finden, obwohl sie möchten. Dating-Apps scheinen dann das einzige Mittel zu sein, jemanden kennenzulernen, weil man nicht weiß, wie sonst“, sagt sie.Ska hält auch deshalb noch an Dating-Apps fest, weil sie positive Beispiele kennt: Zwei ihrer Freundinnen haben durch Tinder ihren Partner kennengelernt.

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Das, was Felix und Ska suchen, hat Theo (24) schon gefunden: Er ist seit mehr als zwei Jahren in einer festen Beziehung. Dabei lernte der Videoproduzent seine Freundin zur denkbar schwierigsten Zeit auf Tinder kennen, am Beginn der Pandemie. Inmitten des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 konnte er drei Monate lang nur beim Chatten und Telefonieren mit ihr in Kontakt treten. „Es war aufregend, und ich glaube, es hat uns gutgetan“, erinnert er sich. „Denn diese anfängliche Hürde, sich im echten Leben kennenzulernen, wurde vor unserem persönlichen Treffen durch Tinder genommen.“ Die Dating-App hat Theo, der „nicht das allergrößte Selbstvertrauen“ hatte, somit geholfen, eine Freundin zu finden.

Doch der Weg dorthin war steinig. Immer wieder löschte er die Plattform vom Handy, weil die Erfolgsaussichten während seiner zweijährigen Nutzung trüb schien. „Weil auf Tinder alles so unverbindlich ist, hätte ich nicht gedacht, dass ich dort eine Frau kennenlerne, mit der ich zusammenleben möchte“, sagt Theo. Zuvor war sein Datingleben auf der Plattform stark von Frust geprägt: Es kommt immer mal wieder zum Match, dann zum Chat mit ein bisschen Small Talk. Doch folgt anschließend auch das Date? Vielleicht schon, vielleicht wird die Konversation aber auch ganz unangekündigt beendet – man wird „geghostet“. „Ich hätte mir gewünscht, dass es einfach direkt kommuniziert wird, ob Interesse besteht oder nicht. Stattdessen wird man immer wieder zappeln gelassen, während man auf Antworten wartet, die vielleicht nie kommen“, betont er.

Unverbindlichkeit als Geschäft

Verbindlichkeit sei auf Dating-Apps – und grundsätzlich in einem von Social Media geprägten Leben – ein seltenes Gut, findet auch die Soziologin Eva Illouz von der Hebräischen Universität Jerusalem. Sie beschreibt in ihrem 2019 veröffentlichten Buch „Warum Liebe endet. Eine Soziologie negativer Beziehungen“, wie gravierend sich die Qualität der Romanzen und sexuellen Erfahrungen geändert hätte. Beziehungen sind demnach nun flüchtiger Natur, Bindungen werden per Swipe zwar schnell aufgebaut, aber ebenso zügig wieder aufgelöst.

Dazu trage vor allem der Kapitalismus bei, in dem das Dating Marktmechanismen aufweise: Ein Angebot an (Sexual-)partnerinnen und -partnern steht zur Verfügung, und man suche in dieser Vielfalt einen Menschen, für den sich ein Investment in Form von Gefühlen lohnt. Die neue Normalität sei dabei weniger eine feste Beziehung, sondern Gelegenheitssex – eine „negative Freiheit“, wie es Illouz bezeichnet, die den meisten Menschen aber doch lieber sei als gar keine Bindung.

One-Night-Stands bei Tinder gesucht

Man darf allerdings nicht verschweigen, dass längst nicht alle Nutzerinnen und Nutzer von Dating-Apps eine Beziehung anstreben. Viele suchen gezielt etwas Lockeres: One-Night-Stands oder „Freundschaften mit gewissen Vorzügen“. Womöglich ist der Fokus auf Unverbindlichkeit gerade die Krux mit Tinder und Co. – zumindest für die, die auf der Suche nach einer festen Beziehung sind: Solche Datingplattformen wollen eigentlich nicht, dass man schnell und unkompliziert sein Glück findet, wie der US-Autor und Journalist Nick Bilton im Dokumentarfilm „Swiped – Das neue Dating“ betont: „Das Frustrierende an der Sache ist, dass die Apps immer wieder darüber sprechen, wie Menschen wegen ihrer App geheiratet haben. Ich denke mir nur: Nein, das ist nicht der Grund, warum ihr das macht.“

Anders gesagt: Je länger Menschen bei der Suche nach der großen Liebe scheitern, desto mehr Profit erzielen die Plattformen. Unverbindlichkeit heißt somit die Strategie. Die Userinnen und User sollen verzweifelt sein, sie sollen dazu bereit sein, mehr Geld zu zahlen. Beispielsweise für ein kostenpflichtiges Abo, das ihre Chancen auf ein gutes Match mithilfe von zusätzlichen Funktionen erhöhen soll.Immer mehr Nutzerinnen und Nutzer

Viele haben keine Lust mehr auf Dating-Apps

Doch es haben viele Nutzerinnen und Nutzer die Nase voll von Dating-Apps – und damit auch von Frust und Erschöpfung. Sollten die Plattformen nicht eigentlich das Gegenteil in einem ohnehin von Krisen geprägten Leben bieten? Schließlich haben sie doch das Potenzial, das Datingleben so viel einfacher zu gestalten: Hunderte potenzielle Matches seien jederzeit verfügbar, heißt das Versprechen. Ein verlockendes Angebot, das jährlich immer mehr Nutzerinnen und Nutzer lockt. Laut der Datenanalysewebsite für Apps Business of Apps nutzten 2021 weltweit 323 Millionen Menschen Dating-Apps, Tendenz steigend.

Wer heutzutage daten will, da ist sich die zehn Jahre alte Plattform sicher, „kommt um Tinder nicht herum“, heißt es auf der Website. Felix will es dennoch ohne probieren: „Mich frustriert, dass Onlinedating so ein gängiges Ding ist. Ich weiß, dass es vielen Spaß macht, aber es wird für immer so einen oberflächlichen Beigeschmack haben“, sagt er. Auch Ska hofft, dass es mit der Partnersuche doch noch klappt – und sie die Plattformen folglich bald nicht mehr benutzen muss. „Irgendwo muss ja auch mal ein netter Mann sein, der zu mir passt und das Gleiche will wie ich“, sagt sie. Bis sie ihn findet, heißt es wohl vorerst noch: left swipe, right swipe.