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50 Jahre deutscher „Playboy”Puschelschwanzerotik ist von gestern

6 min
Hugh Hefner Portrait

Playboy-Erfinder Hugh Hefner.

Berlin – 1972 ging die deutsche Ausgabe von Hugh Hefners „Playboy“ an den Start. Das Männermagazin traf auf ein Land im Sexwahn - zwischen „Schulmädchenreport“, Beate Uhse und „Eis am Stiel“. Heute dagegen steckt das Blatt tief in der Krise. Und das liegt nicht allein am Internet.

Einer hat's wieder gewusst, und zwar 50 Jahre vor allen anderen: „Der Titel Playboy ist gewiss nicht zeitgemäß“, schrieb ein gewisser Loriot auf der Leserbriefseite der ersten deutschen „Playboy“-Ausgabe am 1. August 1972. Ohnehin, tadelte der aristokratische Humorgroßmeister in milder Strenge, gebe es allerhand Themen, die ihn nicht sonderlich interessierten, etwa „ob das neue Jaguar-Modell 20 PS mehr hat, die Aufnahmebedingungen eines Hamburger Golf-Club, oder Einzelheiten aus der Lebensführung alternder Playboys“. Trotz des spitzen Spottes druckte man Loriots Grußwort, immerhin.

Loriot wusste es 40 Jahre vor #MeToo

Nicht „zeitgemäß“. Was für ein hellsichtiges Urteil, mehr als vier Jahrzehnte vor #MeToo. Aber Loriot war ein einsamer Rufer damals. Denn die Deutschen waren Anfang der Siebzigerjahre wie besessen vom Thema Sex: Oswald Kolles heuchlerisch-verkniffene „Aufklärungsfilme“ lockten Millionen in die Kinos (“Schulmädchenreport“), Beate Uhses Bedarfshandel für Ehehygiene boomte, der „stern“ feierte Orgien des Sexismus, das motzende Bürgertum ergötzte sich heimlich an Uschi Obermaiers Sexiness. Der „Playboy“ platzte mitten in ein Land, das tabulos tat, im Kern aber verklemmt war bis ins Mark.

hugh hefner jet

Hugh Hefner vor dem Playboy-Jet.

19 Jahre zuvor, im Jahr 1953, hatte Magazingründer Hefner bei der Heftpremiere in den USA noch ganz andere Schlachten zu schlagen. Damals schliefen Eheleute in Hollywoodfilmen in getrennten Betten, und die christlich-fundamentalistische Rechte witterte nach dem Kommunismus eine neue Gefahr: das Weib, das ewig lockende. Brüste! Huch! Das ist heute ja schwer vorstellbar: Es gab eine Zeit, als der olle „Playboy“, der heute für aseptisch-schmollmündige Plastiksinnlichkeit und brathähnchenfarbene Einheitserotik steht, noch provoziert hat.

Hugh Hefner und die nackte Norma Jean Baker, die später Marilyn Monroe wurde

Hefner, Sohn eines Buchhalters und einer Lehrerin aus Chicago, hatte sich 600 Dollar geliehen, um dem Fotografen Tom Kelley eine Handvoll Nacktbilder der Schauspielerin Norma Jean Baker abzukaufen. Da lag sie nun, 50 000-mal Marylin Monroe auf dem Cover, hingegossen auf ein rosa Satinsofa. Ein Knaller. Und Hefner, methodistisch erzogen, mit einem IQ von 152, war im Begriff, die Dreifaltigkeit der kulturellen Werte in den USA – Gott, Familie, Arbeit – aus den Angeln zu heben. Wie besessen arbeitete er am vermeintlichen Männertraum der Sechzigerjahre.

Er schuf eine James-Bond-Idylle, in der nach Rasierwasser duftende Segeljachtbesitzer in Seidenbademänteln breite Treppen herunterstolzierten, um sich von willfährigen Gespielinnen edlen Cognac reichen zu lassen. Das Heft solle, sagte Hefner in snobistischer Selbstüberhöhung, „mit dem bitteren Biss der Satire unsere Gesellschaft, ihre Ziele, ihre Hoffnungen und ihre Zukunft untersuchen“.

„Playboy”-Erfinder Hefner sah sich als Aufklärer

Er sah sich immer als Aufklärer, druckte Essays von Norman Mailer, Woody Allen, John Updike. „Sie sind mein Held“, sagte Bob Dylan zu Hugh Hefner, damals, vor etwa 1000 Jahren. Die Interviews! Ein Genuss. Und eine legendäre Ausrede.

Und Deutschland? „Das Heft verkaufte sich wie geschnitten Brot“, erinnerte sich Raimund le Viseur, erster Chefredakteur des deutschen „Playboy“, in einem Jubiläumsbeitrag. 300.000 Exemplare gingen in wenigen Tagen weg. Auf dem Titel blickte Model Gaby Heier scheu in die Kamera, züchtig gewandet in ein gelbes Trikot. Es habe sie einfach niemand gefragt, „ob ich mich ausziehen will“, erzählte sie später. Im Blattinnern aber räkelte sich splitternackt Hilde Kulbach, erstes deutsches „Playboy“-Model mit eigener Fotostrecke, frühmorgens um sechs Uhr im Nieselregen im Englischen Garten in München. Ihre Eltern durften nichts davon wissen. Ihr Mann war entsetzt, als er Wind von der Sache bekam (“Schlimmer als Ehebruch!“). Immerhin: Kulbach war volljährig.

Von den Nachbarn beschimpft, von der Oma bespuckt

Anders als Ursula Buchfellner, die bei ihrem „Playboy“-Shooting 1977 erst 16 Jahre alt war. Ihre Nachbarn, berichtete sie Jahre später im „Tagesspiegel“, beschimpften sie damals als „Nutte“, ihre gläubige Großmutter spuckte vor ihr auf der Straße aus.

Zu den ganz großen Verkaufserfolgen des deutschen Ablegers gehörte der Titel mit dem deutsch-deutschen Eislaufliebling Katharina Witt im Dezember 1998. „Playmate des Jahrhunderts“ aber wurde zur Jahrtausendwende Gitta Saxx (bürgerlich Gitta Ilona Sack), heute weitgehend vergessen trotz Einsatzes im RTL-Dschungel 2011.

Hefner flog im Jet mit Bunny-Logo auf der Schwanzflosse um die Welt

Le Viseur wurde Erster Klasse in die „Playboy Mansion“ in Chicago geflogen und begegnete dort „diesem Hefner“, den er ekstatisch als „sinnlichen, instinktiven, traumwandlerischen Kompositeur der exotischen Pflanze Magazin“ feierte. Und Hefner tat alles, um seinen Ruf zu mehren. Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs flog er im schwarzen „Playboy“-DC-9-Jet mit Bunny auf der Schwanzflosse um die Welt. Der Supermacho, der in zahllosen „Playboy Clubs“ bis zu 20 000 Mädchen mit Hasenohren und Bunny-Schwänzchen Cocktails servieren ließ – bis seine Tochter die Clubs 2009 schloss –, hielt sich immer für einen Frauenversteher und Vorkämpfer gegen puritanisch-protestantische Prüderie. Die Empörung von Feministinnen hat er nie begriffen.

Als Hefner 2017 mit 91 Jahren starb, war er längst eine Parodie auf sich selbst, hatte 20 Jahre lang nur noch im Kreise diverser Gespielinnen/Pflegerinnen den lustig-übergriffigen Säftelopa der Spaßgesellschaft gemimt und Banales getwittert („Heute beim Uno-Spielen gewonnen“). Schmusesex im Seniorenstift. Inzwischen distanziert sich der Playboy-Konzern von seinem Gründer und beginnt damit, die zahllosen Drogen- und Missbrauchsvorfälle aufzuarbeiten: „Today's Playboy is not Hugh Hefner's Playboy.“

Kapitulation vor der Nacktheit im Netz

2015 wagte man in den USA gar eine Radikalkur: keine Nackten mehr im „Playboy“. Das war weder ein feministischer Gnadenakt noch Ausweis von Neobiedermeier. Sondern schlicht eine Kapitulation vor der kostenlosen, schreienden Nacktheit überall im Netz. Doch inzwischen sind auch die Girls in Übersee wieder oben und unten ohne zu sehen. Der Konzern steckt trotzdem tief in der Krise. Puschelschwanzerotik ist einfach von gestern - wie Trockenshampoo, Boxermotoren und Telefonzellen. Wer heute Frauen Hasenohren aufsetzt, hat nicht alle Löffel beieinander.

Die Auflage des deutschen „Playboy“ - 2005 noch bei mehr als 300.000 Exemplaren - ist seit 1998 um 63,3 Prozent auf heute knapp über 100.000 gesunken. Nach einem Management-Buy-Out führt Chefredakteur Florian Boitin das Magazin, das bis 2002 beim Bauer Verlag und bis 2019 bei Burda erschien, inzwischen mit Geschäftsführerin Myriam Karsch in Eigenregie.

„Wir haben sehr wohl vor, das Jahrhundert voll zu machen“, meldet die deutsche Redaktion zum 50. Geburtstag. Doch im publizistischen Schicksal des „Playboy“ spiegelt sich auch die Krise der Männlichkeit insgesamt: Man weiß einfach nicht mehr so ganz genau, wer oder was man sein soll, will und darf. Das gilt für die Männer insgesamt wie für ihre Magazine.