Der 33 Jahre alte Afghane möchte Arian genannt werden. Seinen richtigen Namen will er aus Angst vor den Taliban nicht veröffentlicht sehen. Arian hat viele Jahre als Dolmetscher für die deutsche Polizeieinheit gearbeitet, die in der Stadt Masar-i-Scharif im Afghanistan-Einsatz war. Nun lebt Arian in Kabul in einem sogenannten Safe House des „Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte“, das der Bundeswehroffizier Marcus Grotian ins Leben gerufen hat. Arian will – wie viele ehemalige Ortskräfte der Bundeswehr und der Polizei – nach Deutschland. Warum er langsam die Hoffnung verliert, erzählt Arian am Telefon.
Hallo, Arian, wie geht es Ihnen?
Mir geht es noch ganz gut hier in Kabul. Ich bin hier mit meiner Frau und unseren drei Kindern. Mein jüngster Sohn ist erst 40 Tage alt. Wir sind hier noch sicher, aber ich mache mir Sorgen um den Rest meiner Familie in Masar-i-Scharif.
Was wissen Sie über das Schicksal Ihrer Verwandten?
Meine Mutter hat es geschafft, unser Haus noch rechtzeitig zu verlassen, bevor die Taliban vor wenigen Tagen in Masar-i-Scharif einmarschiert sind. Sie haben ausgerechnet unser Haus als Kommandoposten ausgesucht. Ich glaube, ein Nachbar hat den Taliban verraten, dass es sich um das Haus meiner Familie handelt. Mittlerweile, habe ich gehört, soll das Haus von den Regierungstruppen bombardiert worden sein. Das war ein Schock für mich. Ich kann jetzt nicht mehr nach Masar-i-Scharif zurück.
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Wissen die Taliban, dass Sie im Dienste der Deutschen standen?
Das vermute ich. Ich bin schon mehrmals am Telefon bedroht worden, und einmal haben mich vermummte Männer für kurze Zeit entführt. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet. Das war sehr schlimm. Das will ich nicht noch einmal erleben. Ich habe große Angst.
Hat Sie der rasante Vormarsch der Taliban in den letzten Wochen überrascht?
Das hat mich nicht nur überrascht, sondern schockiert. Ich hätte niemals gedacht, dass meine Stadt Masar-i-Scharif einmal von den Taliban überrannt werden könnte. Niemals. Aber nun ist es doch fast schon soweit. Und jetzt gerade habe ich auch noch gehört, dass die Taliban angeblich schon kurz vor Kabul stehen.
Was würde das für Sie bedeuten?
Das wird lebensgefährlich für mich. Ich habe zwar gehört, dass die Deutschen mit den Taliban verhandelt haben, damit die versprechen, uns ehemaligen Beschäftigten der Bundeswehr und der deutschen Polizei nichts anzutun. Aber das wird nicht passieren. Wenn mich die Taliban erwischen, dann bin ich in Lebensgefahr. Vielleicht töten sie mich. Ich weiß es nicht. Aber ich bete dafür, dass die Taliban wenigstens meine Frau und meine Kinder in Frieden lassen.
Die deutschen Behörden lehnen bislang Visaanträge von Ortskräften ab, die vor 2013 für die Bundeswehr oder die Polizei in Afghanistan gearbeitet haben. Sie gehören offenbar zu dieser Gruppe. Sind Sie enttäuscht?
Ich bin sehr enttäuscht. Ich habe sehr gerne für die deutsche Polizei gearbeitet und versuche seit Langem, eine Genehmigung für die Ausreise zu bekommen. Aber geklappt hat es noch nie. Immer wieder haben sie mir gesagt: Du bist nicht berechtigt. Ich habe zwar immer noch Hoffnung, aber nicht mehr viel. Ich habe sechs Jahre für die Deutschen gearbeitet, und es hat sich niemand jemals über meine Arbeit beklagt. Warum bekomme ich keine Genehmigung auszureisen? Warum?


